Feuchte Träume
Romane von Surfern sind furchtbar öde. Erst wenn die Helden die Wellen hinter sich lassen, gelingt ihnen das wahre Seelendrama
Manche Surferfilme sind wie Pornos, schreibt Kevin McAleer in seinem Roman „Surferboy“. „Low-Budget-Produktionen mit einem Minimum an Handlung, die nur den Rahmen für die ununterbrochen aneinandergeschnittenen Wellen lieferte – monoton wie der rhythmisch hämmernde Sex von Hardcore-Streifen.“
Das trifft auch auf die meisten Surferbücher zu. Ihr Bogen ist oft überschaubar – Sonne, Mädchen und Drogen –, gelacht wird nicht viel, und was sich Inhalt nennt, ist bloßes Alibi für die feuchten Träume: die Endlosschleife rauf und runter beschriebener Wellenritte. Dazu gibt es Sonnenauf- und untergänge in allen Farbschattierungen; die Suche nach der ultimativen, gerade noch surfbaren Welle; Sprüche wie „Wenn es dich nicht töten kann, ist es nicht extrem“. Und der Zwang zum Tiefsinn, sobald das Meer in Sichtweite kommt: In jeder Welle rauscht das unerschöpfliche Mysterium des Universums; in jeder großen Brandung zeigt sich, wie klein und unbedeutend der Mensch doch ist.
Vielleicht stimmt der Satz, dass Glück dumm macht. Vielleicht sind Surfer so glücklich, dass sie erst darüber schreiben sollten, wenn sie nicht mehr surfen. Kevin McAleer, in Kalifornien aufgewachsen, ist nach Berlin-Lichterfelde gezogen, und dort ist ihm ein lesenswerter autobiografischer Roman gelungen.
Er erzählt die Geschichte des Surfanfängers Steve, der sich die fremde Welt am Wasser erschließt. Er wird eingeführt in die Fachterminologie von wipeouts und dawn patrols, in stammeskulturelle Riten wie dem Dauerposen mit gehaltener Muskelspannung. Er lernt die Hackordnung des Surfsoziotops kennen, seine Morddrohungen, Rammattacken und andere „zulässige Praktiken, falls dir jemand ‚deine‘ Welle wegschnappen wollte“. Und er trifft die Sozialarbeiter am Set, die ausgleichenden Zen-Meister: „Hey, alles cool, bring ’n bisschen Sensibilität und Toleranz mit ins Line-up, und schon gibt es weniger Feindseligkeit, Bruder, lass uns Neptuns unendliche Fülle gemeinsam erleben, jeder von uns als Teil der großen ozeanischen Gemeinschaft.“
Nach zwei Sommern muss Steve gestehen: „Die Welt des Surfens hat für mich langsam, aber stetig ihren Zauber verloren, nicht die Wellen selbst – die waren unantastbar –, aber der ganze Rest.“ Dass die Griechen nie gesurft sind – er versteht am Ende, warum.
Auch Allan C. Weisbecker erzählt von einer Entmystifizierung. „Auf der Suche nach Captain Zero“ handelt von seiner Jagd nach dem perfekten Freund, der der perfekten Welle in den Süden gefolgt ist. Weisbecker verkauft sein Haus auf Long Island, begibt sich im Wohnmobil auf die Spur des Verschollenen, reist durch sieben Länder und zurück zu den Anfängen des Surfsports. Je weiter er nach Süden kommt, desto lichter werden die Line-ups, die Gestalten „hagerer und verwahrloster“. Die New-Age-Sportler, Wochenendler, Banker und Firmenanwälte bleiben im Staub zurück. Die Wellen sind wieder, was sie mal waren: unverdorbenes Glück. Nur kann Allan sie nicht wie früher genießen.
Als er auszieht, vibriert noch das Universum in den Wassern, er ist noch ergriffen von einem Gefühl „nahezu psychedelischer Unwirklichkeit“; er ahndet noch das „inakzeptable Verhalten“ der Salzwasserdiebe und preist die großmütigen Gaben lokaler Wellenfürsten. Doch im Lauf der Reise nüchtert der Erzähler aus, die Sätze werden schlanker, das Pathos bleibt auf der Strecke. Als er seinen Christopher in Costa Rica findet, ist nichts mehr perfekt. Ihr früheres Gemeinschaftsmotto „Surfers can do anything“ entwertet sich als crackverzerrte Selbstüberschätzung des Freundes – und als eigene Ohnmacht, dem Gestrauchelten hochzuhelfen. „Auf der Suche nach Captain Zero“: von einem, der auszog und wiederkehrt – um die Illusion ärmer, dass in einer Freundschaft der Sommer nie zu Ende geht.
Nach so viel Seelendrama: zurück zu den Wellen. Der australische Fotograf Tim McKenna hat, vom Boot, vom Hubschrauber oder schwimmend im Wasser, jede große Dünung bei Teahupoo in den vergangenen zehn Jahren dokumentiert – und die Surfer, die sich mit der tahitianischen Superwelle messen.
Dort, wo der Pazifische Ozean über Tausende Kilometer ungebremst auf einen unterseeischen Wall von Feuerkorallen trifft, richtet er eine Welle von gewaltiger Schlagkraft auf. Teahupoo heißt „Wand aus Schädeln“ und ist benannt nach einer Mauer aus Köpfen, die kriegerische Vorfahren einst mit den Häuptern ihrer Feinde geschichtet haben. Damals ermutigten die Häuptlinge ihre Henker: „Seid wie das tobende Meer.“ Heute saust hier nur noch die Wasserkante nieder. Wer lieber ins irdische Nirwana will, zieht den Kopf ein und macht es sich in dem magischen Tunnel gemütlich, zu dem sich die Welle beim Überschlag krümmt.
„Eine so mächtige, so schöne und so schreckliche Welle zu surfen bringt eine Ruhe mit sich, die ich nicht erklären kann“, sagt Wellenheld Laird Hamilton. Muss er auch nicht. „Teahupoo. Tahitis perfekte Welle“ – viele Bilder, wenige Worte: die vielleicht beste Art der Sportvermittlung. Hat jemand was gegen Porno gesagt? Dimitri Ladischensky
Guillaume Dufau, Tim McKenna: „Teahupoo – Tahitis perfekte Welle“, White Star, Wiesbaden, 2007, 192 Seiten, 171 Farbfotos, 29,95 Euro
Kevin McAleer: „Surferboy“, aus dem Amerikanischen von Julia Ritter, Seeliger, Wolfenbüttel, 2007, 272 Seiten, 17,90 Euro
Allan C. Weisbecker: „Auf der Suche nach Captain Zero“, aus dem Amerikanischen von Ralf Chudoba, Seeliger, Wolfenbüttel, 2002, 432 Seiten, 12 Euro
Eiswette
Chronik einer Überwinterung im Eis der Grönlandsee
Lobeshymnen gibt es, die wollen erst einmal verdaut sein. Besser noch als „Moby Dick“, befanden britische Rezensenten, sei der Debütroman von Georgina Harding, die bislang nur im Genre der angelsächsischen „non fiction prose“ geschrieben, will heißen zwei literarische Sachbücher (über Südindien und Rumänien) veröffentlicht hatte. Welch ein Erwartungsdruck auf den Leser!
Captain Ahab – derjenige des Romans ebenso wie der abgezehrte Gregory Peck der Verfilmung – als Vergleichsmaßstab zu jenem stillen Thomas Cave, der im August 1616 entscheidet, nicht etwa zusammen mit seiner Walfängermannschaft nach England zurückzukehren, sondern den Winter über auf einem unwirtlichen Eiland nördlich der Grönlandsee zu verbringen?
Glücklicherweise funktioniert es von der ersten Seite, ja vom ersten Satz an. Was für eine Ruhe und Gelassenheit, welche Abwesenheit mythisch-parabelhaften Imponiergehabes, mit der minderbegabte Autoren die Distanz zur Jetztzeit in stilistischen Kraftakten gängigerweise zu überbrücken suchen. Stattdessen: „Ich werde seinen Anblick nie vergessen, dieses eine Bild, als wir ablegten: seine reglose, aufrechte Gestalt an dem weiten Ufer, um ihn das riesige, karge Land, im Rücken das schneebedeckte, ansteigende Tal, die Berge zu beiden Seiten, … das Meer wie dunkles Zinn, die Wellen träge, schwer von den ersten Vorboten des Eises. Nie hat ein Mann auf Gottes Erden, von der Spitze Afrikas bis nach Westindien oder in die Weite des Pazifiks, ein einsameres Bild gegeben.“
Gerade seine Fragilität ist es, die uns diesen durchaus schweigsamen, aber nicht mürrrisch-menschenfeindlichen Thomas Cave nahekommen lässt, denn natürlich ist seine Einsamkeit doppelter Natur: Nicht etwa um die Prämie von 100 Pfund ging es bei der eingegangenen Wette der Überwinterung, sondern um nicht mehr und nicht weniger als die Frage, wo des Menschen (Erinnerungs-)Ort in dieser Welt sei. Caves Frau starb einst bei der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter – ihrer wird er nun gedenken, während er im hohen Norden ausharrt, seines Überlebens durchaus ungewiss und während langer Wochen und Monate zudem am Beruf des rüden Walfängers mehr und mehr zu zweifeln beginnend.
Ja, Thomas Cave kehrt schließlich zurück. Lebend, doch in ein gänzlich anderes Leben.
Es zählt zu den Stärken dieses fein austariert von drei Erzählstimmen getragenen Buches, dass Georgina Harding souverän alle Fallstricke meidet, die quasi unter dem ewigen Eis verborgen sind. Wie leicht hätte der Roman in eine süßliche Selbstfindungsgeschichte mit präökologischem Touch abgleiten können? Wie einfach wäre es gewesen, der Dramatik der unberechenbaren Natur nachzugeben und eine aufgeplusterte Mann-gegen-Eis-Story vorzulegen? Doch nichts davon in diesem klugen, ebenso leisen wie intensiv nachhallenden Buch.
Thomas Cave, Zeitgenosse und Fremder zugleich. Rätselhafter und trotzdem – im Vergleich zu Herman Melvilles doch mitunter arg überzeichnetem Personal – ein den Normaldimensionen nicht hochfahrend entrückter Mitmensch. „Ich verabschiedete mich mit einfachen Worten, den einzigen, die mir zur Verfügung standen, und fand meinen Weg zurück nach Hause.“ Was für eine Prosa. Marko Martin
Georgina Harding: „Die Einsamkeit des Thomas Cave“, aus dem Englischen von Beatrice Howeg, Bloomsbury, Berlin, 2007, 225 Seiten, 18 Euro
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