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Jenseits von Elfen und Nebelschwaden
Halldór Laxness hat seiner Heimat Island kein verklärtes Denkmal gesetzt. Ein Grund mehr, seine Erzählungen wiederzuentdecken

Mag die Verleihung des Literaturnobelpreises an Halldór Laxness inzwischen bereits über ein halbes Jahrhundert zurückliegen – noch immer gilt er als der emblematische Schriftsteller Islands. Selbst provokante Nachgeborene wie etwa der Romancier Hallgrímur Helgason beziehen sich auf diesen Autor, der Island einen Platz in der modernen Weltliteratur gesichert hat. Jenseits von Elfensagen und mystifiziertem Nebel schrieb Laxness, 1902 in Reykjavík geboren und im hohen Alter von 96 Jahren gestorben, eine sozialkritische Prosa, die im Lauf seines langen Lebens eine existenzielle, ja spirituelle Dimension bekam.

Ein Band mit Laxness’ sämtlichen Erzählungen bietet jetzt die Gelegenheit, Lesezeuge dieser ästhetischen Entwicklung zu werden – ein Vergnügen trotz (oder gerade wegen) der mehr als 400 Seiten, die der bewährte Übersetzer Hubert Seelow in ein geschmeidiges Deutsch gebracht hat. Freilich ohne zu glätten, wie er im Nachwort anmerkt, sind doch die ersten kürzeren Prosawerke noch recht adverbienselig und gewollt altertümelnd geschrieben.

„An einem Frühlingstag, einem herrlich warmen und hellen Frühlingstag mit Seewind und Vogelgezwitscher, da wurde Lauga beerdigt, Lauga in Gvendarkot.“ Doch bereits hier, in einem ganz frühen Stück aus 1920, werden keine Idyllen gepinselt, wird nicht das verlogene Lied angestimmt vom vermeintlich harmonischen Ineinander von Werden und Vergehen. Sogar der Hofhund erschnuppert, dass etwas Furchtbares geschehen sein mus: „Wahrscheinlich hat ihm der Seewind den Leichengeruch vor die Nase getragen.“

Es ist faszinierend mitzuerleben, wie Halldór Laxness, seinen Themen von der klimatischen und sozialen Unwirtlichkeit dörflicher Existenz treu bleibend, seinen eigenen Stil findet: in der selbstbewussten Nachbarschaft zu Knut Hamsun und Maxim Gorki, ja sogar (in den besten Erzählungen) zur leicht surrealen Widerhakenironie einer Tania Blixen. Denn wie absurd und doch folgerichtig reagiert in „Das gute Fräulein und das herrschaftliche Haus“ eine Provinzgemeinde auf die stillen Capricen jenes Fräulein Rannveig, das eines Tages von einem Kopen- hagen-Aufenthalt allein zurückkehrt und schwanger ist.

Um den Schein zu wahren, organisiert die Familie sogleich ein Hochzeitsfest – in vorgeblicher Erwartung des wohlhabenden dänischen Bräutigams, der gewiss mit dem nächsten Postschiff eintreffen wird. Als stattdessen die Nachricht vom Tod des Unsichtbaren die Runde macht, greift der Mechanismus des dörflichen Pragmatismus: „Solche Mädchen erlangten nach zwei, drei Jahren wieder ihren früheren Kurswert, und wenn sie dann nach dem Ereignis volle sieben Jahre tugendhaft blieben, wurden sie wieder zu reinen Jungfrauen.“

Es macht Laxness’ Stärke aus, dass er die Geschichte weder mit aufgeräumter Humorigkeit erzählt, noch das Geschehen als Beweis postpaganischer Gelassenheit idealisiert. Denn die routinierte Geschmeidigkeit, die Fräulein Rannveig dann selbst nach erneuter unehelicher Schwangerschaft zuteil wird, gilt ja nicht dem Individuum, sondern einzig und allein dem zu garantierenden konfliktfreien Fortbestand der Dorfgemeinschaft.

Ein ethnisch homogener Kosmos, dem auch das Meer nicht Weite hinzufügt, sondern schlimmstenfalls nur Paranoia, so etwa in „Napoleon Bonaparte“, wo angesichts eines aufgetauchten Bildes des Franzosenkaisers ein Fischerjunge zu delirieren beginnt. „Von da an ließ die Sehnsucht des Jungen nach fernen Ländern, sein Wunsch, ein Mann zu werden, der erobert und herrscht, nicht mehr nach.“

Als der junge Erwachsene dann wahnsinnig wird und sich als gestrandeter Napeolon ausgibt, beunruhigt dies weder die Fischer noch den Pfarrer. Als er sich schließlich im Gebirge verirrt und bei einem Wintersturm umkommt, bleibt die Reaktion seiner Mitmenschen gleich – ein lethargisch schulterzuckendes „Na ja“.

Derlei Seelenverhärtung ohne Zynismus und Larmoyanz beschreiben zu können ist große Kunst. Höchste Zeit also, den illusionslosen Menschenkenner Halldór Laxness wiederzuentdecken. Marko Martin

Halldór Laxness: „Ein Spiegelbild im Wasser. Sämtliche Erzählungen“, aus dem Isländischen von Hubert Seelow, Steidl, Göttingen, 2018, 464 Seiten, 24 Euro


Die Reichhaltigkeit des Brackwassers
Ein Meer an Inspiration: Eine spannende Anthologie vereint Texte zur Ostsee und ihren Gestaden aus 2000 Jahren Literaturgeschichte

„Mit welcher Andacht lassen sich auf einem Schiff Geschichten hören und erzählen?“, fragte Johann Gottfried Herder in seinem Reisejournal von 1769 während einer sechswöchigen Fahrt über die Ostsee. „Habe ich das nicht selbst bei jedem neuen Eintritt in Land, Zeit und Ufer erfahren? So macht schon der erste staunende Anblick gigantische Erzählungen.“

Gigantische Erzählungen auf der Ost- see?, fragt man sich stirnrunzelnd. Übertreibt der begeisterte Dichter da nicht, weil er weder das Mittelmeer noch den Atlantik gesehen hat? Klaus-Jürgen Liedt- kes große Anthologie beweist auf höchst unterhaltsame Weise, dass Herder sich auch an den baltischen Küsten auskannte. Nicht nur Shakespeares „Hamlet“ geht auf eine Sage des dänischen Chronisten Saxo Grammaticus zurück, auch die Geschichtswerke der Chronisten Adam von Bremen und Olaus Magnus, die Romane von Theodor Fontane und Thomas Mann und die Gedichte und Lieder von Paul Fleming und Carl Michael Bellman verdanken der Ostsee ihre Entstehung.

Wirtschaftlich und politisch hat sie für Europa immer eine bedeutende Rolle gespielt. Bernstein-, Herings- und Salzstraßen führten von ihren Häfen bis zum Mittelmeer, und der Städtebund der Hanse herrschte über 500 Jahre an ihren Küsten. Mit der Reformation blühten Universitäten und gelehrte Gesellschaften auf, die von Stockholm bis Königsberg reichten. Nach dem Untergang der Hanse und den Ver- heerungen des Dreißigjährigen Kriegs entdeckten Romantiker wie Philipp Otto Runge, Carl Gustav Carus und Caspar David Friedrich die Landschaften an der Ostsee wieder. Auch die großen Nachkriegsromane von Günter Grass, Johannes Bob- rowski, Uwe Johnson und Jaan Kross spielen an ihren Ufern.

Aus dem baltischen Kulturaustausch dieser Jahrhunderte ging eine Weltliteratur hervor, die der Herausgeber in seinem Buch umsichtig versammelt hat: von Tacitus bis Tomas Tranströmer, von Selma Lagerlöf bis Eva Runefelt. Liedtke gelingt das Kunststück, den uferlosen Reichtum der Ostseeliteratur aus zwei Jahrtausenden in einer faszinierenden Auswahl zu präsentieren: Neben mittelalterlichen Chroniken stehen Gedichte von Ricarda Huch und Gottfried Benn, neben Erzählungen von August Strindberg und Martin Andersen Nexö Reisebilder von Wilhelm von Humboldt und Walter Benjamin. Aber auch Texte weniger bekannter Autoren wie Anta Pirak, Aino Kallas oder Balys Sruoga machen Lust, tiefer in den Strom dieser Literatur einzutauchen.

„Die Anordnung folgt dem Prinzip der schwedischen ‚strandhugg‘, der kurzen Anlandungen und Überfälle der Wikinger an verschiedenen Ufern, wo sie mit ihren Schiffen anlandeten und ausschwärmten“, erklärt Liedtke sein Editionsverfahren im Vorwort. „Die Orte, die angelaufen wurden, versprachen zumeist reiche Beute.“

Der Beutezug, den diese großzügig ausgestattete Anthologie unternimmt, hat einen blauen Folianten heraufgeholt, den man am besten auf einem Schiff lesen sollte. So kann man sich vergewissern, dass Herder recht hatte und die Ostsee auch literarisch alles andere als ein langweiliges Brackwasser ist. Holger Teschke

Klaus-Jürgen Liedtke (Hrsg.): „Die Ostsee. Berichte und Geschichten aus 2000 Jahren“, Galiani, Berlin, 2018, 656 Seiten, 39 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 136. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 136

No. 136Oktober / November 2019

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