mare-Salon

Empfehlungen aus Literatur, Musik, Film und Kulturleben

Im Rausch der Tiefe
Kaiser Wilhelm II. ließ den Zoologen Carl Chun für viel Geld die Tiefsee erforschen. Ein wunderbar gestaltetes Buch zeugt jetzt davon

Ein Kabel läutete das Umdenken ein. Hinaufgezogen aus der Tiefe, klebten Spuren der aquatischen Fauna an dem Beweisstück. Sie deuteten darauf hin, dass man auch in diesen als lebensfeindlich geglaubten Regionen mit unbekannten Organismen zu rechnen hat. Ein regelrechter Wettbewerb brach nun unter den Nationen aus. Die Engländer holten als Erste allerlei Getier aus der ewigen Finsternis der Meere hinauf. Das U-Boot musste noch erfunden werden, weswegen das Abtauchen an Stahlseilen befestigte Netze übernahmen.

Die Ambitionen des deutschen Kaisers, der ohnehin die Kriegsflotte gegen den Rivalen England aufrüstete, ließen nicht lange auf sich warten. Gemeinsam mit dem Reichstag bewilligte Wilhelm II. ein Budget, das heute 1,9 Millionen Euro entsprechen würde. Mit 43 Mann Besatzung verließ der umgebaute Schraubendampfer „Valdivia“ im Sommer 1898 Hamburg Richtung Atlantik, ausgerüstet mit Laboren, Mikroskopier- und Konservierungsraum. Nicht zu vergessen den schiffseigenen Zeichner und Fotografen.

Die Leitung übernahm Carl Chun, eine Koryphäe für Rippenquallen und ein Schreiber, der den Ausflug mit der Lizenz zur „Weltgeltung“ eifrig protokollierte. Denn den 4000 neuen Tierarten, die bereits das englische Team in die Annalen der Meeresforschung hineingeschrieben hatte, musste schließlich etwas entgegengesetzt werden.

Maritimer Widerstand erhob sich prompt. Als an der afrikanischen Nordwestküste Haie die „Valdivia“ umkreisten, schmückte Chun die Jagd nach den „Bestien“ dramatisch aus: „Nur mit Mühe gelingt es, die Mannschaft davon abzuhalten, dass das Tier durch Hiebe zerfleischt und vernichtet wird. Der Hai ist der geschworene Feind des Seemanns, und nie habe ich wildere Schimpfworte gehört, als sie dem gefesselten Beherrscher der Meere zuteilwurden.“

Rauschhafte Szenen wie diese waren offenbar mehr als willkommen. Die Übelkeit auf hoher See muss epidemisch gewesen sein. Während eines Ausflugs in der deutschen Kolonie Kamerun infizierten sich einige der Männer mit Malaria, die noch nicht einmal vor dem Schiffsarzt haltmachte. Seine Leiche fand ihre letzte Ruhe im Ozean.

Die Monotonie der Eisfelder am Südpolarmeer bekämpfte man mit Schneeballschlachten. Ablenkung bot auch die Suche nach der Bouvetinsel im Südatlantik, ein unbewohntes Vulkaneiland, das von anderen Kontinenten rekordverdächtig weit entfernt liegt.

Die Ausbeute an Mitbringseln ließ sich bei der Rückkehr sehen: Schlangensterne, Bucklige Anglerfische und ein Tintenfisch mit Vampirgestalt begrüßten die Hamburger. Affen und Schildkröten bevölkerten das Deck. Auf Fotografien sieht man Matrosen auf deren Panzern ein Päuschen einlegen.

Die wissenschaftliche Nachbearbeitung zog sich bis 1940. Unzählige Bände summierten die Ergebnisse einer abenteuerlichen Fahrt. Über die Gräueltaten im belgischen Kongo, das auf der Route lag, verlor man indes kein Wort. Zeichnungen, Präparate und Postkarten runden das schön gestaltete Buch von Rudi Palla ab, das den Bogen von der Kolonialgeschichte bis zur Überfischung schlägt. Denn bei aller nostalgischen Aura steht fest: Das Team um Chun erlebte das Meer in einem Zustand, der heute nur noch unter „tempi passati“ zu verbuchen ist. Alexandra Wach

Rudi Palla: „Valdivia. Die Geschichte der ersten deutschen Tiefsee-Expedition“, Galiani, Berlin, 2016, 224 Seiten, 28 Euro


Hitler und der Mauerfall im ewigen Eis
Mit wissenschaftlicher Akribie und Sinn fürs Erzählen: Cornelia Lüdeckes Buch „Deutsche in der Antarktis“ fördert Spannendes zutage

Großes Schauer-Kino: Der Gröfaz im ewigen Eis, in einer riesigen Antarktis-höhle von Neu-Schwabenland. Per U-Boot via Buenos Aires nach Kriegsende 1945 hierher geflüchtet, würde er die Rückeroberung des Dritten Reiches, wenn nicht gar der ganzen Welt in Angriff nehmen – mithilfe von fliegenden Untertassen. Zum Glück wurde dann 1958 eine Atombombe gezündet, um den Nazispuk zu beenden. Ein Plot für einen nie gedrehten James-Bond-Film? Nein, ein handfestes Gerücht, das sich in den unwirtlichen, fast immer von Eis bedeckten Gegenden der Antarktis unter Walfängern und eigenbrötlerischen Forschern lange gehalten hat.

In ihrem informativen und großzügig bebilderten Buch „Deutsche in der Antarktis“ geht die Meteorologin und Wissenschaftshistorikerin Cornelia Lüdecke auch dieser Schnurre nach, die zumindest einige Wirklichkeitssegmente besitzt. In der Tat hatten nämlich Amerikaner Ende der 1950er-Jahre Atombomben gezündet – freilich 2300 Kilometer von jenem Neu-Schwabenland entfernt, das inzwischen längst Königin-Maud-Land hieß. Auch eine Antarktisexpedition auf Befehl der Naziregierung hatte es gegeben, allerdings bereits 1938. Das verordnete Ziel der MS „Schwabenland“: auf den Inseln im Südatlantik zu eruieren, ob man dort Walfang betreiben könne, um damit über Fette zu verfügen, die Deutschland im Rahmen von Görings „Fettplan“ noch ein Stück autarker gemacht hätten.

Die vorangegangenen Expeditionen von 1901 und 1911 hatten jedoch ungleich größere wissenschaftliche Resultate erbracht, auch wenn in beiden Fällen meutereiähnliche Vorkommnisse vertuscht werden mussten, um Kratzer am schönen Idealbild kaiserlich-deutschen Expeditionsethos zu vermeiden. Angesichts dieser Querelen im Eis – mitnichten politischer, eher individueller Konkurrenz Natur – wird das trockene Resümee der ansonsten packend und farbig schreibenden Autorin plausibel. „Das Ziel der Forschung in der Antarktis muss in der Zukunft sein, die wissenschaftliche Ausbeute zu maximieren und den menschlichen Fußabdruck zu minimieren.“

Aber eindringlich sind die Geschichten durchaus. Jene des weltweit ersten, westdeutschen Frauenforscherteams etwa, das im November 1989 von der Georg-von-Neumayer-Station aus seinen männlichen Ostkollegen in der Georg-Forster-Station einen Funkspruch übermittelte, der zumindest ideologisch das Eis schmelzen ließ. Im Tausende Kilometer entfernten Berlin war soeben die Mauer gefallen, nun würde sich dort ein neuer Erfahrungskontinent öffnen. Die darauffolgende Expedition darf man sich jedenfalls als ebenso spannungsgeladen vorstellen. Marko Martin

Cornelia Lüdecke:
„Deutsche in der Antarktis. Expeditionen und Forschungen vom Kaiserreich bis heute“,
C. H. Links, Berlin, 2015, 224 Seiten, 207 Abbildungen, 30 Euro

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 116. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 116

No. 116Juni / Juli 2016

mare-Kulturredaktion

mare-Kulturredaktion

Mehr Informationen
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite