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Der Diplomat der Ozeane
Der Meeresforscher Jean-Michel Cousteau war Berater eines Filmes über Wale, den 3-D-Kinos zurzeit zeigen. Ein Gespräch über die Meere

Der Mann mit den weisen Augen und dem vollen weißen Haar ist eine Legende unter Tauchern und Meeresbeobachtern. Sein Vater, Jacques-Yves, ist eine Legende, sein Schiff, die „Calypso“, ist eine Legende. Jean-Michel Cousteau ist an Land gekommen, um die Bewohner der Ozeane davor zu bewahren, selbst zu einer Legende zu werden. Denn „Flipper“ und „Free Willy“, die statt von Freiheit nur von schönem Kitsch erzählten, sind ein Traum. Jedenfalls ringt Flipper nicht im Netz eines Fischers um sein Leben, und auch Willy quält nicht der schwere Speer im Leib. Alles doch nicht so schlimm? Oder hat man nur keine Ahnung? Wie soll man auch etwas schützen, das man nicht kennt? Für Jean-Michel Cousteau ist das die zentrale Frage. Man kann sagen, er hat sein Leben im Meer verbracht, ist unzählige Male mit Delfinen, mit Walen und befremdlichen Fischen in den Tiefen geschwommen, untersuchte und beobachtete. Das macht ihn nicht nur zum Kenner jener Welt, zum Beschützer ohne zornig erhobenen Zeigefinger, sondern zu einem Diplomaten zwischen Ozean und Kontinent.

Monsieur Cousteau, Sie werden dieses Jahr 70 Jahre alt. Tauchen Sie noch?

Das ist mein Leben!

Aber haben Sie nicht schon alles gesehen? Was treibt Sie noch an?

Es gibt eine Menge wichtiger, meist philosophischer Momente, an denen ich teilhatte. Zum Beispiel im Oktober 1988, als ich in Papua-Neuguinea eigentlich blinde Fische filmen wollte. Eines Morgens, als wir zu der Höhle kamen, in der sie leben, waren plötzlich zwei Orcas, ein männlicher und ein weiblicher, davor. Neun Stunden verbrachten wir mit ihnen. Sie schwammen weg, kamen wieder und hatten einen Hai zwischen ihren Zähnen. Sie zeigten uns ihren Hai und spielten mit ihm. Dann nahmen sie plötzlich den Hai, und im nächsten Moment zerrissen sie ihn in kleinste Teile. Sie fraßen die Leber, den Rest ließen sie sinken. Das wiederholten sie, und wir filmten alles. Es war eine sehr berührende Erfahrung. Sie wollten uns zeigen, was sie können, wollten vor uns angeben – aber sie waren gegen uns nicht aggressiv. Nach dieser Anstrengung ruhten sie aus. Dabei schlafen sie nicht wie wir, sonst würden sie sterben; ein Teil des Gehirns schläft, während der andere Teil wach bleibt. Nach etwa 45 Minuten erwachten sie und holten gleich wieder einen Hai. Das war sehr intensiv.

Seine Augen gleichen Steinen im Wasser. Sie sind beharrlich und erfahren. Cousteau sitzt da, im beigen Sakko mit neonfarben gesprenkelter Krawatte, und gehört eigentlich nicht hierher. Zehn Tage ist er an Land. Das ist ihm zu lang. Aber er sorgt sich um diese Welt. Als Berater stand er dem Regisseur Jean-Jacques Mantello bei dessen Film „Wale und Delfine“ zur Seite, der zurzeit in den europäischen 3-D-Kinos zu sehen ist. Der Dokumentarfilm ist im klassischen Sinn zu begreifen; er beschwört weder gute Zeiten noch die Katastrophe. Verschiedene Arten von Delfinen und Walen werden von dem staunenden Auge einer Kamera begleitet. Buckelwale, Orcas oder Delfine schwimmen dem Zuschauer entgegen und verharren, das Auge für Sekunden einen Gegenstand hinter uns fixierend. Schöne Bilder und hässliche Fakten: Gut 800 Wale und Delfine sterben jeden Tag an den Folgen von Fischerei, Klimaveränderung, Verschmutzung und Jagd. Nach Norwegen und Japan hat jetzt auch Island die kommerzielle Jagd auf Wale wiederaufgenommen.

Glauben Sie mit Filmen wie diesem etwas ändern zu können?

Natürlich. Ich möchte, dass sich die Menschen bewusst werden, was geschieht, dass sie handeln, damit das Leid der Tiere aufhört. Niemand gewinnt dabei! Wir behandeln den Ozean wie einen Mülleimer. Wenn Mascarabürsten, Feuerzeuge oder Zahnbürsten weggeworfen werden, werden sie vielerorts vom Regen fortgespült, gehen in das Wassersystem und schließlich direkt in den Ozean.

Es gibt Tiere, die solche Gegenstände dann benutzen, wie zum Beispiel die fliegenden Fische: Sie legen ihre Eier auf alles, was auf der Wasseroberfläche schwimmt. Dann haben wir den Albatros, der alle zwei Jahre mit seinem Lebenspartner an die Stelle zurückkehrt, wo er geboren wurde. Solch ein Pärchen verbindet sich im Übrigen für ein ganzes Leben. Das funktioniert, weil sie sich nur alle zwei Jahre wiedersehen … Jedenfalls legen sie dann ihre Eier, aus den Schalen schlüpfen ein oder zwei Küken, die gefüttert werden wollen. Sehr nahrhaft sind für die Küken die Eier der fliegenden Fische. So kommen auch all diese fremden Sachen, derer wir uns entledigt haben, wie das Feuerzeug oder ein Mascara, in ihr Nest. Diese Küken werden niemals fliegen. Tausende von ihnen sterben, mit sechs oder zwölf verschiedenen Objekten in ihren Mägen. Niemand gewinnt dabei. Jeder verliert. Und das nur, weil wir den Ozean als unseren Mülleimer benutzen.

Um den Menschen diese fremde Welt näherzubringen, gibt man den Tieren oft menschliche Attribute: der böse Hai, der sensible Buckelwal, der hilfsbereite Delfin. Es scheint, als begreife der Mensch nur dann, wenn er eine Spezies an menschlichen Maßstäben bemessen kann, wie sozial sie ist und welche Gefühle sie hat. Wenn der Wal traurig guckt, ist er dann auch traurig?

Das ist unsere Tendenz: Wir möchten, dass die Tiere mit uns sprechen. Wir vermenschlichen alles. Aber sie haben ihre eigene Welt, ihre eigene Art zu kommunizieren – die sehr raffiniert ist. Ihre Welt ist eine akustische, unsere eine optische. Sie haben weder ein Gefühl für Rache, noch denken sie „Oh, morgen werde ich einen Menschen verspeisen“. Es kommt natürlich auf die Spezies an, aber ich bin verführt zu sagen, dass marine Säugetiere, auch die Orcas, mehr als andere ein äußerst komplexes, raffiniertes Gesellschaftsleben haben.

Schon eine einzelne Art spricht gewissermaßen, je nach Gruppe, verschiedene Dialekte, um sich identifizieren zu können. Sie können drei, vier Kilometer voneinander entfernt sein und erkennen sich durch die Laute. Darüber hinaus wissen wir, dass sie Probleme angehen und Lösungen finden, dass sie sich zusammentun, wenn es nötig ist. Orcas bilden eine matriarchalische Gesellschaft. Die Weibchen tragen die Verantwortung. Wenn sie beschließen, sich von einem ihrer Babys zu trennen, dann töten sie es und fressen seine Zunge.

Warum?

Weil das der Teil ist, den sie am liebsten mögen. Wir machen doch das Gleiche! Wir fangen einen Hai, schneiden ihm die Flossen ab, um daraus eine Suppe zu kochen, und werfen den Rest des Hais zurück in den Ozean. So geht es jedes Jahr 100 000 Haien. Erfolgreiche Spezies sind eben sehr, sehr verschwenderisch.

Und Sie glauben, dass wir das bald ändern?

Ich versuche einen Weg zu finden, Menschen darauf aufmerksam zu machen. Menschen können ihr Verhalten ändern, das ist nicht so schwierig. Aber es geht nur, wenn sie verstehen. Dafür muss man mit ihnen sprechen – so wie wir es gerade tun. Menschen sind nicht schlecht. Einer unter einer Million ist böse, wir reden immer über jene. Ich möchte aber über die Mehrheit der Menschen sprechen. Aber wenn sie nichts wissen, werden sie auch nichts tun. Wie kann man etwas schützen, was man nicht versteht? Das Interview führte Andrea Hünniger

Jean-Jacques Mantello: „Wale und Delfine – Nomaden der Meere“, beraten von Jean-Michel Cousteau, 3-D-Film


Chronist in Not
Ein holländisches Fischerdorf im Zeichen von Schuld und Abbitte

Wenn statt Möwen ein Schwarm bösartiger Raben über dem Fischerdorf Zeewijk kreist, Kaninchen massenhaft verenden, wenn alte Grönlandfahrer, Maler, ein Teeplantagenerbe und der Dorfschreiber denselben mysteriösen Traum haben, muss man kein Magier sein, um darin ein Zeichen zu sehen. Was aber bedeutet das kollektive Nachtgesicht von einem Ort entrückter Zeitlosigkeit in den Dünen?

Der Erzähler in Robert Haasnoots drittem Roman „Der Erinnerer“ ist tief verunsichert. Als offizieller Chronist von Zeewijk um 1900 ist er der belächelte Verwalter von Gegenwart und Vergangenheit. Dabei steht er keineswegs über den Dingen: Aberglaube, verwurzelte Frömmigkeit und sein Ringen mit der Autorität des Vaters sprechen ebenso aus den Zeilen wie Eitelkeit, Selbstzweifel und Existenzangst. Nach und nach erst erkennt man, dass der Romantext sein inoffizielles „Merkheft“ ist, Beichte und Abbitte für eine große Schuld. In den Sagen, die er für Zeitungen niederschreibt, sind nicht einmal die Toten vor Sturmfluten sicher.

Haasnoots schmaler Roman erzählt von der Unmöglichkeit, etwas so zu fixieren, dass es weder vom Meer noch vom Strom der Zeit fortgeschwemmt werden kann. Das mag uns abwechselnd als Glück und Unglück erscheinen. Über die Austreibung der Raben ist in Zeewijk niemand traurig. Dass jedoch auch der Traum nach dem Besuch eines Toleranz und Pantheismus lehrenden „Mohammedaners“ verschwand und dieser den Ort in den Dünen sogar entdeckt haben soll, vermerkt der Chronist, als sei es eine Legende. Annette Zerpner

Robert Haasnoot: „Der Erinnerer“, aus dem Niederländischen von Christiane Kuby,
Berlin Verlag, 2008,210 Seiten, 19,90 Euro

 

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 68. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 68

No. 68Juni / Juli 2008

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