mare-Salon

Empfehlungen aus Literatur, Musik, Film und Kulturleben

Bildungsreise ganz nach unten
Licht ins Dunkel: Eine Ausstellung in Frankfurt geht den Geheimnissen des Ökosystems Tiefsee in einer simulierten Tauchfahrt auf den Grund

Das Zeitalter der Raumfahrt ist vorbei. Wer in die Zukunft blicken möchte, muss in die Welt der Ozeane abtauchen; in der Tiefe liegen die größten Geheimnisse der Welt verborgen. Das Naturmuseum Senckenberg in Frankfurt am Main hat es sich zur Aufgabe gemacht, in einer aufwendigen Sonderausstellung die nachtschwarze Tiefsee zu erhellen. Der Trip ins größte Ökosystem der Erde beginnt in der ersten Etage der eigens für die Ausstellung gebauten Halle im Hof des Museums. Mit ein paar Schritten in einen abgedunkelten Gang hinein sinken die Besucher bis auf 1000 Meter Tiefe und weiter hinab. Ziemlich finster ist es hier. Natürlich nicht ganz so sehr wie unter Wasser. Aber duster genug, um eine eigene Welt zu erschaffen. Die Stadt, der Museumshof – vergessen. Texttafeln erstrahlen im Schwarzlicht oder leuchten mit eigener Lichtquelle. In Vitrinen schweben originale Präparate von Tiefseebewohnern aus den Beständen des Senckenberg-Museums und seinem Projektpartner, dem Naturhistorischen Museum in Basel. „Wir inszenieren eine Tauchfahrt“, sagt Museumsleiter Bernd Herkner. Dabei entdecken Besucher nicht nur, wie es unter Wasser zugeht. Sie werfen ebenso einen Blick auf die Zukunft der Naturkundemuseen.

„Tiefsee“ entstaubt Traditionen. Hier steht nicht einfach ein Sammelsurium an Skeletten, Bildern und Präparaten im Saal. Das Motto lautet: „entdecken, erforschen, erleben“. In dem 1000 Quadratmeter großen Anbau will das gleichermaßen forschende wie ausstellende Senckenberg-Institut zweimal jährlich Sonderschauen zu aktuellen Themen präsentieren: Biodiversität, Evolution, Klimawandel. „Die Ausstellung macht unsere Forschung transparent“, sagt Herkner. Mehr noch, sie stellt die Arbeit der Wissenschaftler für Laien verständlich und packend dar. Mythen und Abenteuergeschichten erhalten ebenso Raum wie Forschungsergebnisse.

Kleine Exponate haben die Präparatoren im großen Modell nachgebaut. Sie sind keine ausgesprochenen Schönheiten. Aber wahre Überlebenskünstler, die sich perfekt an den Druck, die Kälte und die ungeheure Weite der Tiefsee angepasst haben. Der Silberbeilfisch beispielsweise schwimmt unsichtbar. Nicht einmal von unten könnte ihn ein hungriger Räuber gegen das schwache Leuchten der Oberfläche erspähen: Denn um dieser Falle zu entgehen, produziert er an seiner Unterseite ebenfalls ein mattes Licht. Spannend ist auch das Liebesleben mancher Anglerfische. 80 Prozent der Meere sind Tiefsee, da ist es nicht einfach, einen Geschlechtspartner zu finden. Deswegen gehen bestimmte Angler gleich beim ersten erfolgreichen Flirt einen Bund fürs Leben ein. Das weitaus kleinere Männchen beißt sich am Weibchen fest und wächst förmlich in es hinein. Frau Fisch versorgt den Gatten dann vollständig über ihren Blutkreislauf mit. Obwohl die Hälfte der Erdoberfläche 4000 Meter und tiefer unter den Wellen liegt, haben Wissenschaftler erst rund fünf Quadratkilometer davon erforscht. „Selbst die Rückseite des Mondes ist besser bekannt als die Tiefsee“, sagt Herkner. Die Biodiversität des Meeresbodens ist nach Einschätzung der Forscher mit der von tropischen Regenwäldern vergleichbar. „Bei jeder Probe entdecken Taucher 90 bis 95 neue Arten“, erzählt Herkner. Es hat sich herumgesprochen, dass der ganze Planet leidet, wenn der Regenwald schwindet. Über den Meeresgrund wissen dagegen selbst die Experten so gut wie nichts.

Michael Türkay, Abteilungsleiter der Marinen Zoologie im Senckenberg-Institut, kann nur vermuten, dass sich Umweltschäden am Meeresgrund ebenfalls auf das globale Ökosystem auswirken. Das Wasser der Welt geht im Kreislauf einmal jährlich durch die Tiefsee. „Niemand kann sagen, welche Stoffe da abgelagert werden und was sie anrichten“, sagt Türkay.

Der Wissenschaftler träumt von einer „Europäischen Tauchstation“, um solche Fragen erforschen zu können. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Ein erster Schritt, um mehr Bewusstsein für die Bedrohung des unbekannten Lebensraums Tiefsee zu schaffen, könnte diese Ausstellung sein. George Grodensky

„Tiefsee. Entdecken, erforschen, erleben“, Ausstellung bis 30. Juni, Naturmuseum Senckenberg, Frankfurt am Main, www.tiefsee.senckenberg.de


Lesen lernen auf Bougainville
Was macht ein Dickens-Buch auf einer Pazifikinsel im Bürgerkrieg? Lloyd Jones’ wunderbarer Roman über die Kraft der Literatur

Das Happy End findet nicht im wirklichen Leben auf der vermeintlich paradiesischen Pazifikinsel Bougainville statt, sondern nur in der Literatur. Am Schluss nämlich ist der Mann tot, der der kleinen Matilda die Welt von Charles Dickens eröffnet hatte – zerstückelt und den Schweinen zum Fraß vorgeworfen von jener Soldateska, die sich Anfang der 1990er Jahre auf dem zu Äquatorial-Guinea gehörenden Eiland blutige Scharmützel mit einheimischen Rebellen lieferte. Einige Jahre später aber wird das Dorfmädchen von einst als Literaturstudentin durch jenes Haus im englischen Rochester wandern, das Dickens einst zum Schauplatz seines Romans „Große Erwartungen“ erkoren hatte. Und sie wird sich an den skurrilen Mr. Watts erinnern, der damals während der Unruhen als einziger Weißer auf der Insel geblieben war und in Ermangelung anderen Materials den dunkelhäutigen Dorfkindern einfach Charles Dickens vorgelesen hatte.

Doch was heißt schon einfach? In eine selbstgenügsame Welt, in der das Leben vom Fischejagen und Fischeessen bestimmt war, stolpert plötzlich Mr. Pip, Romanheld der „Großen Erwartungen“ – und in seinem Schlepptau jener Geist von Neugier und Skepsis, der sich nicht mit allen Umständen ohne Weiteres abfindet. Die Kinder am anderen Ende der Welt sind begeistert. „Das Buch lehrte mich“, wird die kleine Matilda später, viel später schreiben, „wie leicht man aus der eigenen in die Haut eines anderen schlüpfen kann, sogar wenn diese weiß ist und einem Jungen gehört, der in Dickens’ England lebt. Wenn das keine Zauberei ist, weiß ich auch nicht, was.“

Dennoch ist der 1955 in Neuseeland geborene Lloyd Jones in seinem mit dem renommierten Commonwealth Writers’ Prize ausgezeichneten Roman „Mister Pip“ weit davon entfernt, nur ein „modernes Märchen vom Wunder des Lesens und von der Macht der Fantasie“ geschrieben zu haben, wie es im Klappentext der deutschen Ausgabe heißt. Nein, bei allem Humor und aller feinen Ironie – dies ist ein ernstes, zu Herzen gehendes Buch, keine routinierte Wohlfühllektüre. Schließlich kommen irgendwann erst die Rebellen, dann die Söldner ins Dorf und schlachten nicht nur Mr. Watts, sondern auch Matildas Mutter. Das Mädchen aber überlebt sogar einen Selbstmordversuch in einem reißenden Fluss – dank einer weiteren Dickens-Figur und eines Baumstamms, an den es sich krallt. „Wie soll man einen Retter nennen? Der einzige, den ich kannte, trug den Namen Mr. Jaggers. Und so war es für mich ganz natürlich, meinen Retter, diesen Stamm, nach dem Mann zu nennen, der Pips Leben gerettet hatte. Besser, mich an einen weltläufigen Mr. Jaggers zu klammern als an die glitschige Haut eines aufgequollenen Stamms.“

Das Unvergesslichste an diesem wundervollen Roman aber ist jene Passage, die der Ermordung Mr. Watts’ folgt. Matilda schreibt: „Ich bin nicht aufgeregt bei dieser Erinnerung; mein Körper zittert nicht mehr. Ich fühle mich nicht mehr körperlich krank. Ich habe herausgefunden, dass ich Mr. Watts nach Belieben und wann immer ich es möchte wieder zusammensetzen kann, und ich hoffe, mein Bericht ist insoweit ein hinlänglicher Beweis.“ Marko Martin

Lloyd Jones: „Mister Pip“, aus dem Englischen von Grete Osterwald, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 2008, 288 Seiten, 19,90 Euro

 

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 72. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

  mare No. 72

No. 72Februar / März 2009

mare-Kulturredaktion

mare-Kulturredaktion

Mehr Informationen
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite