Rentiere in der Antarktis
Die Expeditionsfotografin Camille Seaman war fünf Jahre in Arktis und Antarktis unterwegs. Ein ambitionierter Bildband ist das Ergebnis
Camille Seaman möchte uns eine Welt nahebringen, die für die meisten Menschen selbst heute noch fern und fremd ist: das ewige Eis an Nord- und Südpol. Eine weiße Einöde, mag man denken, unwirtlich und abschreckend zugleich. Angesichts von Temperaturen bis minus 40 Grad vielleicht kein Wunder. Doch dann sieht man die Bilder der Fotografin und staunt. Staunt, dass es sich um Fotos handelt, denn manche wirken wie von Künstlerhand gemalt. Einige Eisberge kommen als bizarre Skulpturen daher und lassen das Meer um sie herum smaragdgrün leuchten, andere türmen sich zu monströser Höhe, die den Menschen auf das zurückschrumpfen, was er in Wirklichkeit ist: ein Winzling auf diesem Planeten. Die Aufnahmen unterscheiden sich wohltuend von gängigen Polarfotos, die einfach nur in Blau (Himmel) und Weiß (Eis) daherkommen.
Fünf Jahre war Seaman als Expeditionsfotografin auf Schiffen unterwegs. Weil sie während dieser Zeit zwischen beiden Polen pendelte, spricht sie scherzhaft von der Bipolarität ihres Lebens. Mit der Kamera hält sie Natur und Kultur gleichermaßen fest, etwa die des Kajakbaus der Inuit in Grönland oder die einzige Siedlung in der Antarktis, die ganzjährig bewohnt ist; zehn argentinische Familien und zwei Lehrer leben dort. Historische Spuren des Walfangs dokumentiert sie ebenso wie einen alten Hundeschlitten als Überbleibsel der Amundsen-Expedition zum Südpol. Besonders kurios: Pinguine und Rentiere in einem Bild. Rentiere in der Antarktis? Was wie eine Fotomontage aussieht, erklärt sich in der Bildunterschrift: Norwegische Walfänger brachten die Geweihträger als lebenden Proviant mit. Seaman fotografiert auch andere Tiere wie Walrosse, Eisbären, Seevögel, und doch sind ihre Aufnahmen keine klassische Naturfotografie. Es sind Porträts einer künstlerisch ambitionierten Fotografin.
Im Text berichtet Seaman, durch welchen Zufall sie zum ersten Mal in die Arktis kam und wie dieser Zufall seitdem ihr Leben bestimmt. Auch von ihrer außergewöhnlichen Kindheit berichtet die Tochter einer Afroamerikanerin-Italienerin und eines Shinnecock-Indianers. Die Shinnecock sind ein kleiner Stamm auf Long Island, an der Ostküste der USA, der vom Fischfang lebt. „Meine Familie ging fast täglich zum Fischen. Wir hatten sehr wenig Geld, und trotzdem fehlte es uns an nichts. Meine Großmutter hatte einen großen Garten, in dem mein Großvater die weggeworfenen Fischköpfe vergrub – eine uralte und sehr wirksame Methode, den Boden zu düngen.“
Ihr Großvater lehrte sie, die Natur zu verstehen und jeden Baum als Individuum zu betrachten. In der Arktis, auf ihrer Wanderung über das gefrorene Meer, erinnert sie sich daran. Ihr wird klar, dass alles auf der Erde miteinander verbunden ist. „Als ich diese langen, weißen Meilen mit vielen knirschenden Schritten hinter mich brachte, sah ich deutlich, wie absurd Religionen, Grenzen, Kulturen und Sprachen sind. Im Grunde sind wir alle aus demselben Stoff gemacht. Wir alle sind Erdenbewohner. Es gibt keine Trennung.“
Man merkt, wie intensiv sie diese Welt mit allen Sinnen erforscht und auf Film gebannt hat (noch mit den guten, alten Analogkameras). Fazit: ein facettenreicher Bildband, eigenwillig und authentisch. Monika Rößiger
Camille Seaman, Elizabeth Sawin: „Vom Ende der Ewigkeit. Eine Reise durch bedrohte Polarwelten“,Prestel, München, 2015, 160 Seiten, 29,95 Euro
Gestalter mit Vergangenheit
Cäsar Pinnau hat für die Nazi-Elite gebaut und später für Reeder Schiffe entworfen.
Ein Bildband zeigt die Arbeiten des Umstrittenen
Er baute mondäne Villen. Er baute Abfüllanlagen für Brauereien, straßenprägende Bürogebäude und repräsentative Firmenzentralen. Und er baute mehr als 100 Schiffe: Fahrgastmotorschiffe und Stückgutfrachter, dazu Yachten und später auch Öltanker und zuletzt das eine und andere Containerschiff. Besonders viel Arbeit aber steckte er in die markanten weißen Frachtschiffe der Cap-Klasse, von denen heute prominent die „Cap San Diego“ als Museumsschiff im Hamburger Hafen zur Besichtigung einlädt.
Dass dennoch der Name Cäsar Pinnau kaum bekannt ist, hat seinen Grund. Der Sohn eines Tischlers, 1906 in Hamburg geboren, der nach einer Tischlerlehre kurzzeitig in München Architektur studierte, ohne einen Abschluss anzustreben, wird in Berlin unter Albert Speer ein wichtiger Architekt der Nazi-Elite. Er entwirft Teile der Innenausbauten von Hitlers Reichskanzlei; richtet Heinrich Himmlers Wohnhaus in Berlin-Dahlem ein; soll mit dem Projekt „Nord-Süd-Achse“ die Berliner Innenstadt neu strukturieren. Und mehr als das: Als Mitarbeiter der „Organisation Todt“, die für kriegswichtige Bauten zuständig ist und dabei ohne jede Rücksicht Zwangsarbeiter, Häftlinge und KZ-Insassen einsetzt, reist das NSDAP-Mitglied durch das besetzte Osteuropa bis auf die Krim. Er gehört zum Kriegsende hin zum „Arbeitsstab für den Wiederaufbau bombenzerstörter Städte“.
Nach dem Krieg und zurück in Hamburg, baut er bald wieder für die nun Mächtigen dieser Welt: für Verleger und Brauereibesitzer, für Versicherungen und Aktiengesellschaften. Und für Reeder, denen er großzügig gestaltete Villen an den Elbhang setzt und die ihn ihrerseits in die Welt der Schiffe führen: Als der „Puddingmillionär“ Rudolf Oetker beginnt, in den Schiffbau zu investieren, ist Pinnau zur Stelle. So wie er dem Reeder Aristoteles Onassis oder dessen Konkurrenten Stavros Niarchos luxuriöse Motoryachten baut – schwimmende Villen, die Details von Pinnau ausgetüftelt, bis hin zur Ausgestaltung der Schiffsbibliothek. Nur seine Architektenkollegen meiden ihn: Seine Vergangenheit ist nicht vergessen.
„Die politischen Verhältnisse sind das eine; die architektonischen Gestaltungsfragen sind das andere.“ So versuchen Hartmut Frank und Ullrich Schwarz vom Hamburgischen Architekturarchiv in ihrem Vorwort zu dem wuchtigen Bildband „Zwischen Avantgarde und Salon“ für Ordnung zu sorgen und Pinnaus Rehabilitation in die Wege zu leiten.
Aber so einfach geht das natürlich nicht. Der von dem Archiv beauftragte Architekturhistoriker Ulrich Höhns hat denn auch seine liebe Mühe, den Spagat zu bewältigen: einerseits Pinnaus umfangreiches Werk zu würdigen und zugleich seine Geschichte nicht unter den Teppich fallen zu lassen. Was für ein Mensch Cäsar Pinnau war, bleibt im Nebeligen. Das ist wohl auch Pinnaus Absicht gewesen, der sich stets als loyaler Auftragerfüller seiner Auftraggeber gesehen hat – wozu die vorliegende Auftragsarbeit passt. Frank Keil
Ulrich Höhns: „Zwischen Avantgarde und Salon. Cäsar Pinnau 1906–1988“, Dölling und Galitz, München, 2015, 272 Seiten, 49,90 Euro
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