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Was auf keine Postkarte passt
Ungeschönte Wahrheiten: Der niederländische Fotojournalist Ad van Denderen zeigt die harten Kontraste mediterraner Lebenswelten

Europa wohnt hier nicht mehr. Jene liebreizende Jungfrau, von der Ovid in seinen „Metamorphosen“ berichtet, sie ist auf und davon. Angeblich soll sie ein Stier geholt haben. Zeus selbst soll sich im Körper eines anmutigen Rindviechs an sie herangeschmissen haben. Schwellende Muskeln soll er damals gehabt haben und einen „vollen Wampen am Bug“. Er sei mit der Königstochter ins Meer gesprungen, und von da an warden sie hier nicht mehr gesehen.

Europa wohnt hier nicht mehr. Dort, wo der Sage nach das Land Phönizien gewesen ist, erstreckt sich heute die Küste des Libanons. Dort, wo Europa den Zeus traf, kontrollieren die Religionskrieger der Hisbollah die Landschaft. Geblieben sind einzig die Rindviecher: drei schwarz gescheckte Holsteiner, die träge auf die Weiten des Mittelmeers hinausstarren. Der niederländische Fotograf Ad van Denderen hat sie nördlich der Stadt Tyros eingefangen – auf einer Farbfotografie, die wie ein ironisches Augenzwinkern hinüber in mythische Vorzeit wirkt. Zu finden ist diese in van Denderens Fotobuch „So Blue So Blue“, einer dokumentarischen Bilderreise durch die 17 Länder des heutigen Mittelmeerraums.

Zu Zeiten der antiken Götter stand in dem Expeditionsgebiet des Fotografen die Wiege der Menschheit. Ob Ägypter, Griechen oder Römer – sie alle bauten rund um die Küsten dieses Meeres herum ihre Weltreiche auf. Heute baut man hier nur noch große Hotels. Van Denderens Bildreportage bringt es ans Licht: Wo man einst Troja oder Karthago vermutete, stehen nun Bettenburgen und Ferienhäuser. 200 Millionen Zweitwohnungen sollen in den nächsten 20 Jahren allein zwischen Gibraltar und der Südtürkei entstehen. Und wer sich kein Haus baut, der errichtet sichere Grenzen. Mitten durch das Reich der Mythen zieht sich eine Scheidelinie. Sie trennt den reichen Norden von den Habenichtsen des afrikanischen Kontinents. Marokko oder Algerien sind für ungezählte Flüchtlinge die Gebiete des Aufbruchs in eine bessere Welt.

Ad van Denderens Bildband ist angereichert mit Sprengstoff. „So Blue So Blue“ ist eine Reise durch zerstörte Landschaften, durch Topografien voller Gewalt. Ob die Nationalitätenkonflikte in der Türkei oder die Blutspur, die die Intifada durch den Nahen Osten gezogen hat: Rund ums Mittelmeer spielen die Götter noch heute verrückt. Eine Region, die sich von Spanien im äußersten Westen bis hin zu den Stränden Tel Avivs erstreckt, präsentiert sich als verlorenes Paradies und verdreckte Idylle. Das Mittelmeer, gesehen durch die Kamera Ad van Denderens, es ist so blau und doch ganz trübe.

Der 1943 geborene Fotograf kennt die Probleme der 17 Anrainerstaaten genau. 20 Jahre lang hat er als Bildjournalist für die linke niederländische Wochenzeitung „Vrij Nederland“ gearbeitet. Schon damals hat es ihn immer wieder an den Mediterran verschlagen. Nach längeren Zeitungsreportagen über Flüchtlingsströme in Spanien und Selbstmordattentäter in Israel entstanden erste Fotobücher über die Region: 1997 „Peace in the Holy Land“, 2003 „Go No Go“, ein Bildessay über die Grenzlandschaften Europas. Mit „So Blue So Blue“ setzt der engagierte Fotograf seine Reiseroute fort. Diesmal hat er sich mehr Zeit genommen. Statt wie üblich mit einer 35-Millimeter-Kleinbildkamera zu arbeiten, hat er sich fürs Mittelformat entschieden. Für einen Fotografen bringt das mit sich, dass er die Dinge intensiver beobachten und die Bilder gezielter komponieren muss.

Ad van Denderen sucht ohnehin nicht das Flüchtige; ihn interessieren vielmehr große Zusammenhänge. „Slow journalism“ nennt der Niederländer seine aus der Mode gekommene Art der Weltbetrachtung. Mit ihr bringt er Bilder hervor, die komplex und doppelbödig sind, Bilder, die sich stilistisch der vorgefundenen Realität anpassen. Etwas borstig sind sie und immer vertrackt. Manchmal sieht man auf ihnen nur Müllhalden und staubige Straßen. Manchmal sieht man aber auch das Meer auftauchen. Friedlich ist es und so blau. Trügerisch, als wären die alten Götter niemals von hier abgetaucht. Ralf Hanselle

Ad van Denderen: „So Blue So Blue. Edges of the Mediterranean“, Verlag SteidlMack, Göttingen, 2008, 272 Seiten, 35 Euro


Che Guevara und die Sultanstochter
Verwegenes Verwirrspiel in literarischer Hochform: Hans Christoph Buchs Roman erzählt die etwas andere Geschichte der Insel Sansibar

Wahrscheinlich hätte der Berliner Romancier, Literaturkritiker und Reporter Hans Christoph Buch, Jahrgang 1944, nichts dagegen, würde man seinem neuesten Werk einen Hit-Soundtrack aus den sechziger Jahren unterlegen: „Heißer Sand / und ein verlorenes Land / ein Leben in Gefahr …“ Denn weshalb nicht Connie Francis, wenn in dieser präzise komponierten Sansibar-Burleske sich Che Guevara und der polnische Reiseschriftsteller Ryszard Kapuscinski („Hier nennt man mich Cappuccino, weil Kapuscinski ein Zungenbrecher ist, den kein Sansibari aussprechen kann“) ebenso ein Stelldichein geben wie Sultanstöchter, arabische Sklavenhändler, amerikanische Diplomaten-Spione und, last but not least, ein DDR-Gesandter mit dem Decknamen Hans Dampf. Ein solcher scheint auch der weit gereiste Autor zu sein, Meister der Anekdoten, des süffig-süffisanten Erzählens und der gewagten historischen Verknüpfungen, dazu intimer Kenner dieses Tansania vorgelagerten ostafrikanischen Eilands, das häufig, dennoch fälschlich als Bismarcks Helgoland-Tauschobjekt angesehen wird.

Wer nun glaubt, das spannende maritime Garn, das Hans Christoph Buch hier spinnt, sei allein an den eigenen Haaren herbeigezogen, der würde allerdings nur in eine weitere geschickt gestellte Falle tappen – ähnlich dem Wanderer, der sich spätnachts in den engen Gassen von Stone Town verirrt, „dessen Mauern aus Korallenkalk bestehen, den die Brandung eines der Küste vorgelagerten Barriereriffs auf die Strände spült und der hier als Baumaterial verwendet wird“.

Historisch verbürgte Tatsache jedenfalls ist, dass eine der Töchter des Sultans Sayyid Said in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit einem hamburgischen Kaufmann durchbrannte und als konvertierte Protestantin namens Emily Ruete ihre späteren Tage an der Nordsee und in Berlin verbrachte. Von dort brachen 100 Jahre später DDR-Diplomaten und Stasi-Experten nach Sansibar auf, um dem dort gerade installierten sozialistischen Regime marxistische Ideologie und effektives Foltern beizubringen, während gleichzeitig ein gewisser Ernesto Guevara de la Serna, genannt Che, auf Sansibar sein vorletztes Revolutionsabenteuer vorbereiten sollte: eine Kongo-Expedition, die ebenso zum Scheitern verurteilt war wie Dr. Livingstones oder Henry Morton Stanleys Versuche, dem „schwarzen Kontinent“ sein Geheimnis zu entreißen. Wem hier schon der Kopf raucht, der sei beruhigt, denn Hans Christoph Buchs Stil ist von einer verführerischen Geschmeidigkeit, die dem menschlichen Tohuwabohu immer wieder eine elegant-subversive Note abzugewinnen weiß. Auch wenn in diesem versierten GroßeJungen-Streich von Roman die Figurenpsychologie des Öfteren überraschenden Wendungen geopfert wird – es bereitet großes Vergnügen, wie hier jemand Historisches auseinandernimmt und nach eigenem Gusto wieder zusammenfügt, ohne dass auch nur einmal Staubtrocken-Papierenes durch die Zeilen wehen würde. Vermutlich gibt es ab jetzt ohnehin zwei Inseln: das vermeintlich „wirkliche“ Sansibar und, gleichberechtigt daneben, Hans Christoph Buchs faszinierend mutwilliges (Alb-) Traumeiland. Marko Martin

Hans Christoph Buch: „Sansibar Blues oder: Wie ich Livingstone fand“, Die Andere Bibliothek bei Eichborn, Frankfurt/M., 2008, 264 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen, 28 Euro

 

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 73. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 73

No. 73April / Mai 2009

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