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Chillen auf der Korallenbank
Lampen und Möbel betörend wie Wasserwesen: Ihre Musen findet die israelische Designerin Ayala Serfaty bei Tauchgängen

Lange bevor ein Kind die Welt erkundet, schwimmt es warm und behütet im Mutterleib. Eine einfache, aber für die israelische Designerin und Künstlerin Ayala Serfaty richtungsweisende Erkenntnis. Denn die Grundidee für ihre „Aqua Creations“ wurde bei einem Tauchausflug während Serfatys erster Schwangerschaft geboren. „Ich ließ mich im Wasser treiben und dachte an mein Baby in mir. Plötzlich sahen die Pflanzen, Steine, Tiere um mich herum aus wie Stühle, Polster oder Lampen – einladend und behaglich.“ Inzwischen ist sie dreifache Mutter und international erfolgreiche Interior-Designerin. Ihre von Meereswesen inspirierten Objekte strahlen die Ruhe einer sanften Strömung aus, wirken fremd, aber nie befremdlich. „Alles im Meer findet seine Entsprechung an der Erdoberfläche“, so die Designerin. Ihr Sessel „Paradise“ etwa erinnert an eine Koralle und symbolisiert zugleich eine Zellstruktur. Ihre wohl berühmteste Leuchte „Morning Glory“ stellt nicht nur eine Seeanemone dar, sondern auch die Blüte einer Winde. „Das Meer ist der Beginn allen Lebens. Es birgt alle natürlichen Essenzen in seiner Struktur, seinem Rhythmus, seinen Materialien.“

Die Welle des Erfolgs spülte „Aqua Creations“ inzwischen in das „Mirage“-Hotel in Las Vegas, das Londoner „Dandelion Market“-Restaurant, den New Yorker Club „Glo“ oder das „Casino Baden-Baden“. Während die Designerin ihre Kreativität auslebt, kümmert sich ihr Mann Albi um die Geschäfte. Als die beiden das Unternehmen 1993 gründeten, prägten Minimalismus und Nüchternheit die Designlandschaft. „Aqua Creations“ schwamm gegen den Strom – blumig, organisch. Architekt Sir Peter Cook, einst Direktor des Instituts für zeitgenössische Kunst in London, lobte ihre gelungene Antwort auf die „internationale Kleingeistigkeit“. Er beschrieb ihr Sitzmöbel „Paradise“ als „mysteriöse tropische Frucht, deren Geschmack, einmal gekostet, im Mund verbleibt“. 20 Mitarbeiter verarbeiten in den hauseigenen Werkstätten Leder, Samt, Baumwolle, Mikrofaser, Metall und Seide. „Erst habe ich eine Idee, doch am Ende ist es immer das Material, das die Form verlangt.“ Dann wird nach passenden Farben gesucht – manchmal sieben vereint in einem Sessel. Korallenriffe sparen schließlich auch nicht an Nuancen. Doch auch ruhigere Schattierungen finden sich bei „Aqua Creations“ wieder. 2009 spiegeln dies die Stehlampe „Apaya“ oder die „Gladis Lounge Chairs“ der aktuellen Kollektion. Sie erinnern an sanfte Hügel oder weiche Schwämme.

Obwohl die Künstlerin nicht mehr so viel taucht, bleibt sie ein Meermensch. „Es gibt Hunderte Quellen, die mir meine Ideen liefern: Meine Mutter war Biologielehrerin, und mein Bruder besitzt eine riesige Muschelsammlung. Andere Anregungen hole ich mir aus Filmen oder Büchern.“ Denn Tauchen sei in ihrem Land nicht mehr ohne Unbeschwertheit möglich.

„Die politische Situation ist zu gefährlich.“ Es gab Phasen, in denen die Konflikte Serfatys Arbeit lähmten. „Design hatte dann keine Bedeutung, alles erschien geschmacklos. Man baut eine dicke Mauer der Verdrängung auf, um zu überleben.“ Und so kreiert sie naturverbundene Dinge – als Gegenpol zu Engstirnigkeit, Härte, Unbeugsamkeit, den Attributen des Krieges. Unter der Meeresoberfläche scheint die Welt friedlicher. Sven Hasselberg

Aqua Creations, Tel Aviv, Israel, www.aquagallery.com, Bezugsadressen in Europa über Artimeta BV, Hoensbroek, Niederlande, www.artimeta.nl


Die Kompass-Connection
Verwegenes aus den Tiefen der assoziativen Erzählkunst: Ein Meeresroman, der auf dem Trockenen spielt und gekonnt Kurs hält

Als er erwacht, hört er den Rhythmus der Wellen, die sich auf dem Kieselstrand brechen. Doch schaut er aus dem Fenster, sieht er nur den Wagen der Müllabfuhr „unter Druckluftgequietsche“ vor dem Bungalow halten. „Seit wann imitieren Dieselmotoren das Geräusch der Brandung?“ Das Meer ist in Nicolas Dickners Roman „Nikolski“ stets präsent, taucht aber eigentlich nie auf. Dafür Seekarten, Piratenbücher, Fischfilets und eben der Nikolski-Kompass, der nicht nach Norden zeigt, sondern ein paar Grad daneben, Richtung Nikolski auf den Aleuten.

Der Kompass ist alles, was dem namenlosen Icherzähler von seinem Vater geblieben ist; er hängt ihn sich wie einen Talisman um den Hals. Er ist gleichzeitig das durchgehende Motiv des Romans: ein maritimes Navigationsgerät, das in die richtige Richtung weist. Ohne allerdings dass jemand davon Ahnung hat. Joyce und Noah, die beide mit dem Kompass in Berührung kommen, genauso wenig wie der Erzähler. Zusammen bilden sie das Dreigestirn einer Coming-of-age-Geschichte in Kanada zwischen 1989 und 1999. Die drei wissen nicht, dass sie alle der Familie von Jonas Doucet entstammen, einem ehemaligen Seemann. Aber sie landen per Zufall im selben Viertel in Montreal. Allein der Leser weiß um ihre Verbindung und verfolgt gespannt, wie die Einzelgänger ahnungslos, nur ein paar Blocks voneinander entfernt, aneinander vorbeileben.

Joyce lauschte als Kind verzückt den Piratenerzählungen ihres Großvaters in einem straßenlosen Dorf der Provinz Québec; Gerüchten nach stammt sie gar selbst von Seeräubern ab. Auf keinen Fall will sie im Dorf versauern, sie möchte eine moderne Cyberpiratin werden in den Weiten des Internets. Noah, der seine Kindheit im Wohnwagen seiner rastlosen Mutter verbracht hat, weiß von seinem Vater Jonas Doucet kaum mehr, als dass er einst als Bordfunker zur See fuhr. Als Noah 18 wird, beschließt er, nicht seinen Vater zu suchen, sondern nach Bodenhaftung als Student der Archäologie. Er zieht in eine Wohngemeinschaft, mit dem Besitzer des Fischgeschäfts, in dem sich Joyce verdingt, während sie des Nachts aus den Müllcontainern der Stadt heimlich die Bauteile für ihren ersten Computer fischt. Und um den Commodore 64 zu einem für die Internetpiraterie tauglichen Gerät umzurüsten, besorgt sie sich Fachbücher aus just dem Buchladen, in dem der Icherzähler sein stilles Dasein führt.

Dieses Muster wirkt auf den ersten Blick etwas bemüht. Der Frankokanadier Dickner wollte eigentlich Wissenschaftler werden; man spürt seine Vorliebe fürs Enzyklopädische, für Geografie und Geschichte. Alles ist gefeilt und steckt voller Andeutungen. Doch Zufälle bestimmen am Ende das Leben. Hätte Dickner seine Figuren zur Entdeckung ihrer Gemeinsamkeit geführt, zu einem Happy End, seine Konstruktion wäre ins Kitschige abgerutscht. Weil er aber genau das vermeidet, nimmt man ihm die Koinzidenzen ab. Letztlich liegt hierin der große Reiz des Romans. Das Leben von Joyce, Noah und dem Buchhändler verstreut sich mit leichter Melancholie wieder in alle Winde, während der Nikolski-Kompass bei einem Missgeschick in einem Lüftungsschacht verschwindet. Roland Brockmann

Nicolas Dickner: „Nikolski“, aus dem Französischen von Andreas Jandl, Frankfurter Verlagsanstalt, 2008, 304 Seiten, 19,90 Euro

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 74. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 74

No. 74Juni / Juli 2009

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