mare-Salon

Empfehlungen aus Literatur, Musik, Film und Kulturleben

Muschelmanie in der Grande Nation
Dezallier d’Argenvilles Schalentierbücher waren eine Sensation im Rokoko. Sie machten ihn zu einem Star des 18. Jahrhunderts

Im Frankreich des 18. Jahrhunderts brachte das Rokoko neben vielen anderen Moden auch die des Muschelsammelns hervor. Das lag nahe, denn schließlich rührt der Name der typischen Ornamentik von rocaille, französisch für „Muschelwerk“. Die Sammler von schönen Schalentieren teilten sich in zwei Fraktionen: Die „simples curieux“, die „bloß Neugierigen“, ordneten ihre Kollektionen nach rein ästhetischen Gesichtspunkten. Die „savants“ hingegen, „Wissende“ oder „Gelehrte“, trachteten danach, ihre Objekte wissenschaftlich zu ordnen.

Antoine-Joseph Dezallier d’Argenville, ein in Frankreich auch für seine Gartenkunde noch heute verehrter Natur- und Kunsthistoriker (1680–1765), hat nicht nur diese beiden Gruppen erstmals so bezeichnet, er war wohl auch der größte Wissende unter ihnen. Und alle bloß Wissbegierigen himmelten den Meister der „conchyliologie“, der Muschelkunde, uneingeschränkt an. Er verfasste Bestseller über seine Passion und löste in Frankreich eine wahre Muschelmanie aus. Das Sammeln von Muscheln wurde mit ihm populär. Und wer etwas auf sich hielt, folgte dem Trend.

Die Kuriositätenkabinette, in denen Sammler exotische Kleinodien bewahrten, hatten zu jener Zeit Konjunktur. Kokosnüsse galten als Statussymbol, und der Stoßzahn des Narwals wurde für das Horn des fabelhaften Einhorns gehalten.

Auch Dezallier d’Argenville besaß ein solches Kabinett, gefüllt mit Kunstwerken der Natur. Er hinterließ der Nachwelt jedoch selbst ein wahres Kunstwerk: die „Abhandlung von den Schnecken, Muscheln und anderen Schaalthieren, welche in der See, in süßen Wassern und auf dem Land gefunden werden“, ein außergewöhnliches Werk mit einer Unzahl an reich kolorierten Bildtafeln, auf denen die verschiedensten Arten angeordnet sind.

Der Taschen-Verlag hat diesen Katalog der Unterwasserwelt nun neu aufgelegt und nennt ihn „Shells – Muscheln – Coquillages“. Für den Nachdruck wurde eines der prachtvollsten Exemplare aus dem Jahr 1780 herangezogen. Purpurschnecken, Porzellanschnecken und Helmschnecken tummeln sich wissenschaftlich getrennt von Venusmuscheln, Herzmuscheln und Perlaustern. Aber auch „Posthörnchen“, „Papierboote“, „Wendeltreppen“ oder „Pelikanfüße“ fanden Einzug in diese illustren Seiten. Und da das biologische Verständnis damals noch ein anderes war, wurden auch Röhrenwürmer und Seeigel aufgenommen.

Für die „savants“ von heute haben die Herausgeber eine Einleitung verfasst. Hier erfahren Hobbyforscher alles über Dezallier und die Geschichte der Muschelkunde. Auch die Rolle der Muschel in der Kunst wird beleuchtet. Auf die wissenschaftliche Bedeutung der Abhandlung wird in einem weiteren Kapitel kurz eingegangen ebenso wie auf die korrekte Benennung der Arten. Die „simples curieux“ mögen sich an den detailverliebten Zeichnungen und Stichen sattsehen. Denn die 80 Bildtafeln stellen den Hauptteil. Immerhin war schon Cicero der Meinung, von Muscheln gehe eine „Erholung für Auge und Geist“ aus. Sven Hasselberg

Antoine-Joseph Dezallier d’Argenville: „Shells – Muscheln – Coquillages“, Taschen-Verlag, Köln, 2009, 216 Seiten, 29,99 Euro


Üppige Traumkulisse voller Poesie
Baltasar Porcel stromert durch den Mittelmeerraum, gedanklich, historisch und geografisch: Hommage an eine Weltengegend

„Großvater steuerte ein Schiff übers Mittelmeer, die Nuevo Corazón, einen Motorsegler mit sehr schmalem Bug, aber breitem Rumpf, der zwei Taucher an Bord hatte und im Auftrag der Reedereien untergegangene Schiffe barg.“ Kein Wunder, dass der Enkel eine Vorliebe für den Lebensraum seiner Vorfahren entwickelt hat. Baltasar Porcel wurde 1937 in Andratx auf Mallorca geboren. In all seinen mit Literaturpreisen überhäuften historischen Romanen, Gedichten, Kolumnen und Reiseberichten gibt es eine wiederkehrende Konstante: das Mittelmeer.

Als unter den Römern aus der Ägais, der Adria und dem Tyrrhenischen Meer das Mare Nostrum hervorging, war die Vorstufe des Mediterraneums geboren, das sich im 16. Jahrhundert im Sprachgebrauch durchsetzte. „Ich gehöre diesem alten Sonnenmeer mit Leib und Seele“, schreibt Porcel, „und ich empfinde eine belebende Verbundenheit mit meiner weiten Heimat, die von den kargen Gebirgen der Berber bis zur leuchtenden Kulturlandschaft Griechenlands reicht.“

Das Sachbuch des Katalanen ist der Höhepunkt einer lebenslangen Beschäftigung mit einer Welt, deren Rätsel er von Kind an verschlungen hat, wenn er in einem Brief seines Großvaters las. „Dank dieser Schmuckschatulle, die wir in dem untergegangenen Schiff in den Händen eines Skelettes gefunden und mit den Tauchern geteilt haben, werden wir unser Grundstück in Sant Telm mit Stacheldraht umzäunen können.“

Zum Glück belässt der Autor es nicht bei den wunderbaren Familientrouvaillen. Er spannt in 22 Essays einen Bogen, der vor 20 Millionen Jahren beginnt und in der Jetztzeit endet. Dazwischen springt er durch die Epochen, wirft den Anker bei Pharaonen, Sultanen und Kreuzrittern, nicht zu vergessen das faschistische Spanien. Er berichtet vom Niedergang des Mittelmeers nach der Entdeckung Amerikas und lässt auch nicht die unzähligen Seeschlachten zwischen Mauren und Christen aus, die auf verlausten Galeeren ausgefochten wurden. Mitunter schufteten auf denen Berühmtheiten wie der von Piraten gefangen genommene Autor des „Don Quijote“, Cervantes. Im Abschnitt über Venedig tritt Dante auf und besingt in blumigen Versen das Treiben im Arsenal, der Werft der florierenden Seestadt. Wenige Seiten später begeistert sich Porcel am Goldenen Horn von Istanbul für das „anarchische Hin und Her der kleinen Boote, über denen unermüdlich Schwärme majestätischer Möwen kreisen“. So wie er das Mittelmeer als unbeständig beschreibt, hält er sich bei seinen unermüdlich wechselnden Sujets geografisch nicht lange auf. Viel lieber stellt er Gemeinsamkeiten her oder prangert Ungerechtigkeiten wie den Sklavenhandel an.

Auch Maler des farbenfrohen Küstenlebens finden seine Beachtung. Mit Respekt folgt er Picasso, Miró und van Gogh bei ihren Erkundungen des Midi. Zur illustren Mittelmeerbohème gehört auch Salvador Dalí, der die Bucht von Portlligat als Motiv für unzählige seiner Traumbilder wählte. Etwas von einer wild wuchernden Traumkulisse hat auch Porcels Buch. Es bedarf nur eines beliebigen Kapitels, um den mediterranen Wellengang zu spüren und sich in Bewegung zu setzen. Alexandra Wach

Baltasar Porcel: „Das Mittelmeer. Eine stürmische Reise durch Zeiten und Kulturen“, Transit Verlag, Berlin, 2009, 400 Seiten, 24,80 Euro

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 76. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 76

No. 76Oktober / November 2009

mare-Kulturredaktion

mare-Kulturredaktion

Mehr Informationen
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite