Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise
Klare Botschaften für das sehnsuchtsvolle Auge des Betrachters: die Kunstgeschichte des Schiffsplakats in einem großformatigen Band
Ein hoher schwarzer Bug in Untersicht, ein Schlot, dessen Dampf sich im Windschatten mit dem Rauch vereint, der aus dem Kamin eines baugleichen, verkleinert wiedergegebenen Schiffchens emporsteigt: Gewaltig wie die grafische Darstellung des Ozeanriesen auf dem Cover ist auch das Format von Gabriele Cadringhers opulentem Bildband „Schiffsplakate“. Fast 100 Jahre Druckgrafik, die sich ausschließlich einem Gegenstand widmen, der Werbung für Passagierschiffe, geben einen umfassenden Einblick in die Geschichte eines Mythos.
Werden nach und nach auf den Plakaten die Segel sozusagen gerefft und auch bald statt großer Takelage mächtige Kamine in den Vordergrund gerückt, zeigt dies nicht nur technische Innovationen im Schiffbau an, sondern auch, wie sich in der Vorstellung der Reisenden das Bild vom Hochseeschiff allmählich den Veränderungen anpasst. Die Durchsicht der chronologisch geordneten Plakate bietet demzufolge auch einen Parcours durch die wichtigsten Kunststile des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts – nur in der Werbung und in der sakralen Kunst kann man so genau die Geschichte eines Motivs verfolgen. Da gibt es vom Impressionismus inspirierte Bilder mit flirrenden Lichtreflexen, frühe Darstellungen beschwören in warmen Farbtönen den Aufbruch in ein exotisches Paradies. Im 20. Jahrhundert hält mehr Sachlichkeit Einzug: Man setzt auf Reduktion und Fläche. Aber auch elegant gekleidete Passagiere sind zu sehen, Hafenarbeiter, Silhouetten von Wolkenkratzern, mit denen das Schiff als schwimmender Großbau durchaus wetteifert. Einige Künstler wirkten in der Kühnheit ihrer Darstellung stilbildend, wie A. M. Cassandre, dessen Plakat auf dem Umschlag abgebildet ist.
Konkurrierende europäische Schifffahrtsgesellschaften setzten auf unterschiedliche Botschaften: Stellten die einen die Schnelligkeit der Schiffe in den Vordergrund, warben andere mit mondänem Lebensstil oder setzten auf Exotik. Das „Blaue Band“ für die schnellste Atlantiküberquerung und Prunkschiffe wie die „Île-de-France“ wurden zu einer Frage des nationalen Prestiges. Anne Wealleans’ Begleittext beschreibt die Entwicklung der Druckgrafik und gibt – etwas langatmig – Einblick in Leistungsvermögen und Geschichte der Schiffe. Andrea Gnam
Gabriele Cadringher, Anne Wealleans: „Schiffsplakate 1873–1962“, Hirmer, München, 2009, 200 Seiten, 159 Farbtafeln, ein beigelegtes Schiffsplakat, 75 Euro
Zeitloser Entdecker
Der britische Reiseschriftsteller Patrick Leigh Fermor beschreibt die karibische Inselwelt in seiner ganz eigenen Geschwindigkeit
Das vorliegende Buch soll Freude machen, sagt der Autor. Der britische Reiseschriftsteller Patrick Leigh Fermor hat sich dafür viel Zeit genommen: Einen Herbst und einen Winter im Jahr 1949 fährt er von Guadeloupe und Martinique nach Barbados und Trinidad. Die Jungferninseln werden angelaufen, bis nach Haiti und Jamaika führt die Reise, um schließlich auf Kuba zu enden.
Geologie und Botanik, Politik und Alltag, Kulinarik und Religion – Fermors Interesse ist ganzheitlich und noch frei von jeglicher touristischer Vermarktungsidee. Er folgt den Spuren der Menschen und ihrer Vorfahren: den letzten Kariben, den Kreolen und Azorern, den Spaniern, Franzosen, Engländern und Dänen, den Syrern, Indern und Afrikanern, die es früher oder später, freiwillig oder gewaltsam in die Region verschlagen hat. Klarheit in die verworrene Kolonialgeschichte der Karibik zu bringen ist ein wesentliches Anliegen des Autors. Darüber hinaus schweift der Blick nur selten zurück nach Europa – Fermor ist ganz vor Ort, sieht sich um, macht sich Gedanken und schreibt alles auf.
Die Dualität von impulsiver Neugier und innehaltender Gründlichkeit findet sich im Lebenslauf des Sir Patrick Leigh Fermor: 1915 in London geboren, fliegt er von mehreren Schulen, bewirbt sich 18-jährig bei der Armee, unternimmt aber zuvor eine lange Wanderung nach Istanbul – quer durch das Europa des Jahres 1933. In zwei Bänden wird er von seinen Reiseerlebnissen berichten, der erste Band erscheint 1977: So umtriebig der Mann also ist, er lässt sich gerne Zeit. Während des Zweiten Weltkriegs ist Fermor Agent der SOE, einer Spezialeinheit des britischen Nachrichtendiensts. Er wird auf Kreta abgesetzt, hilft dort drei Jahre lang, den Widerstand gegen die Deutschen zu organisieren und ist maßgeblich an der Entführung des deutschen Befehlshabers nach England beteiligt.
Griechenland wird seine neue Heimat. Seit Jahrzehnten wohnt er meist in einem kleinen Dorf auf dem Peloponnes und feiert diesen Februar seinen 95. Geburtstag. Seine Bücher hat er stets handschriftlich verfasst, das erklärt vielleicht die Sorgfalt und die Präzision der Schilderungen: Ob er den Tanz Calenda auf Martinique beschreibt oder auf Haiti Hahnenkämpfe mit wachsendem Unwillen beobachtet, stets entsteht ein ganz eigener Klang der Ruhe und Gemächlichkeit. Der Leser muss dem Buch nicht chronologisch folgen, er kann es gemäß seinem eigenen Empfinden nutzen: in der Mitte aufschlagen und sich der gut 50-seitigen Beschreibung eines Voodoorituals hingeben. Oder vorblättern nach Jamaika, wo Fermor einen Slum namens Dunghill aufsucht, um mit den Rastafaris über den äthiopischen Kaiser und den Kommunismus zu diskutieren; oder hinüberwechseln zur Leprainsel Chacachacare bei Trinidad, wohin der örtliche Arzt ihn eingeladen hat: „Als wir das Hospital verließen, betrachteten wir das glitzernde Meer und die Palmen mit einem Gefühl von Bewunderung und ernüchterndem Mitleid – insgesamt voller schuldbewusster Erleichterung.“
„Der Baum des Reisenden“ ist ein Buch, das man nicht nur wegen seiner ansprechenden Gestaltung immer wieder gerne in die Hand nimmt. Frank Keil
Patrick Leigh Fermor: „Der Baum des Reisenden. Eine Fahrt durch die Karibik“, aus dem Englischen von Manfred und Gabriele Allié, Dörlemann, Zürich, 2009, 640 Seiten, 33 Euro
Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 78. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.
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