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Empfehlungen aus Literatur, Musik, Film und Kulturleben

Wenn den Worten Flossen wachsen
Auch Fische können lustig sein: In den Gedichten von Arezu Weitholz laufen Wasserbewohner zu humoristischer Hochform auf

Für die Freunde der Dichterin ist der Freitag jeder Woche schon seit geraumer Zeit ein besonderer Tag. Dann bekommen sie per E-Mail ein „frisches Fischgedicht“ geschickt. Die lakonischen Reime über oftmals eigensinnige Wassertiere sind jetzt als Buch erschienen für den nunmehr ebenso glücklichen Rest der Welt, und die Autorin und Songtexterin Arezu Weitholz hat bei der Arbeit daran eine weitere kreative Ader entdeckt. Sie hat die Protagonisten ihrer Werke, „Doro, die Dorade“, „Die Berliner Auster“ oder den „Pangasius in China“, ebenso charmant illustriert. Der kleine Band, der in seiner bescheidenen Größe und zurückhaltenden Erscheinung anmutet wie ein Moleskin-Notizbuch, ist ein großer Schatz voll feinem Humor und Hintersinn, garantiert nicht nur für Fischliebhaber. mw

Arezu Weitholz: „Mein lieber Fisch. Vierundvierzig Fischgedichte“, Weissbooks, Frankfurt/M., 2010, 96 Seiten, 14,95 Euro

Seefahrt an die Grenzen des Ichs
Auf einer wundersamen Insel, fern der Realität: Ein fantastischer Roman des Franzosen Michel Bernanos erscheint erstmals auf Deutsch

Mit der Übertragung von „Terra infernalis“ ins Deutsche haben die Schweizer vom Waldgut Verlag für deutsche Leser einen Schatz geborgen. Der fantastische Roman von Michel Bernanos erschien drei Jahre nach dem Freitod des Autors und ein Jahr vor den Pariser Studentenunruhen 1967 in Frankreich, fand gleich Anerkennung und wurde ein Jahr später ins Amerikanische übersetzt – aber eben nie ins Deutsche. Vielleicht, weil sich der Katholik gegen die Moderne sperrte. Wie sein Vater, der weit bekanntere Romancier Georges Bernanos, hing er literarisch einer anderen Zeit an. Er selbst fühlte sich, wie der Übersetzer Erik Hauser im aufschlussreichen Nachwort erklärt, „als ein Relikt des traditionellen Erzählens: antiquiert, verkannt, unverstanden“.

Warum freut man sich dennoch, von den abenteuerlichen Erlebnissen eines jungen Helden auf einer alten Galeone zu lesen? Weil solche Bücher heute nicht mehr geschrieben werden können. Heute wäre alles Historische bis ins Detail recherchiert, die Erzählweise einem Plot unterworfen und das Thema geschickt an gesellschaftliche Strömungen angebunden. Nichts davon bei diesem Kurzroman, den Bernanos in nur 19 Tagen schrieb. Der 18-jährige Icherzähler wacht eines Morgens aus schwerem Rausch auf einem Segler auf, offensichtlich dorthin verfrachtet ohne sein wissentliches Einverständnis. Ein klassischer Einstieg also; das Schiff gerät in eine endlose Flaute, die Besatzung infolge von zu wenig Essen und zu viel Rum in ein Delirium, welches in Kannibalismus ausartet. Das wäre bei manchem Roman bereits der Höhepunkt, aber hier bilden die Schiffszenen nur das Vorspiel einer fantastischen Odyssee – weshalb auch verraten werden kann, dass der junge Held und sein Freund, der Smutje, den Untergang des Schiffes überleben und am Ende auf einer mysteriösen Insel landen.

Im zweiten Teil des Romans kippt die ganze Ordnung der Welt: Da verneigen sich riesige Bäume des Nachts wie zum Gebet vor einem Bergmassiv, Pflanzen agieren wie Lebewesen, während jedwede Fauna fehlt. Die Gestrandeten wollen einfach nur überleben, werden aber immer mehr von den geheimnisvollen Kräften der Insel vereinnahmt. Aus dem historischen Abenteuer mit seinen menschlichen Grausamkeiten wird ein metaphysisches, in dem sich jede Gewissheit verliert, auch die göttliche. Mit seiner philosophischen Fragestellung passte das Buch trotz der altmodischen Erzählweise noch in den aufkommenden Existenzialismus Frankreichs. Doch im literarischen Nachkriegsdeutschland war kaum Platz für fantastische Romane, die in der Südsee spielen. Ebenso wenig für tragische Schriftstellerexistenzen wie Michel Bernanos: Aufgewachsen größtenteils im brasilianischen Exil der Eltern, in damals noch eher wilden Landstrichen, schlug er sich später als Angestellter bei Schallplattenfirmen oder Schifffahrtsagenturen durch und litt unter orthografischer Schwäche; seine Manuskripte tippte seine Frau.

Am frühen Morgen des 27. Juli 1964 ging er in den Wald von Fontainebleau. Im Gepäck Schlaftabletten, aber keine Papiere. Eine Gruppe Pfadfinder fand einen Unbekannten. Roland Brockmann

Michel Bernanos: „Terra infernalis“, aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Erik Hauser, Waldgut, Frauenfeld/CH, 2009, 144 Seiten, 18 Euro


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mare No. 79

No. 79April / Mai 2010

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