mare-Salon

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Minimal, trivial, ideal
Der Mannheimer Fotograf Götz Diergarten entdeckt die Schönheit des Banalen in den Badehäuschen an Europas Stränden

Banale Bauten können bildschön sein. Selbst dann, wenn sie weder Produkt architektonischer Planung noch Ergebnis von Zeitgeist oder intellektuellem Diskurs sind. Dabei erscheinen sie auf den ersten Blick meist derart seriell und alltäglich, dass man für gewöhnlich an ihnen vorbeiläuft. Einprägen können sie sich erst dann, wenn sie herausgerissen werden aus dem Einerlei.

Eben das hat sich auch der 1972 in Mannheim geborene Fotograf Götz Diergarten gedacht. Zwischen den Jahren 2001 und 2005 hat er sich einer merkwürdigen Beschäftigung hingegeben. An den Stränden von Frankreich bis nach Großbritannien hat Diergarten eigentümliche kleine Häuschen aufgenommen – Badearchitekturen, wie sie typisch sind für viele Küstenlandschaften Westeuropas. Für gewöhnlich dienen diese Häuser dazu, um in ihnen Liegestühle und andere Utensilien eines Strandtags aufzubewahren. Im Sommer nutzen die Besitzer sie, um sich in ihnen umzuziehen, im Winter bergen sie manche ihrer sperrigen Mobilien. Die meisten dieser Hütten haben weder Strom noch Wasser; es sind simple Gebrauchsarchitekturen, trivial und unscheinbar.

Doch so, wie Götz Diergarten die oft in Pastellfarben gestrichenen Strandhäuschen zeigt, hat sie bis dato niemand gezeigt. Diergarten ist es gelungen, im Banalen Bilder zu entdecken. Der Fotograf, der in den 1990er Jahren ein Schüler des Düsseldorfer Fotokünstlers Bernd Becher gewesen ist, hat die meist hölzernen Hütten so lange aus ihren Zusammenhängen herausgenommen, bis ihre Fassaden dem Betrachter wie Gemälde erscheinen. Vor monochromem Himmel und auf saftig grüne Meerwiesen gestellt, entfalten sie dabei jene abstrakte Schönheit, die einst schon den Bildern von Minimal Art oder der Hard-edge-Malerei innewohnte.

Die Idee zu solchen Effekten ist Diergarten zufällig gekommen. Bei einem Weihnachtsspaziergang in der Normandie hat er erstmals die Strandhäuschen in dem Dorf Ravenoville wahrgenommen. Sie haben ihn in den Bann gezogen. Nach ersten, meist an Typologien orientierten Aufnahmen ist er an dem Thema geblieben. Es folgten Serien an den Stränden Belgiens und der Niederlande. Zu den Badehütten kamen bald auch klobige Strandcontainer oder Bänke mit Meerblick. Immer ist Götz Diergarten dabei von der Frage geleitet geblieben, wie gewöhnliche Grundformen stets neu gebrochen und variiert werden können.

Zusammen mit einigen neueren Arbeiten sind die besten Badehüttenbilder des Fotografen nun erstmals in einem großen Übersichtsband erschienen. Dieser beeindruckt nicht nur durch seine geradewegs malerische Anmutung; vor allem macht er dieses deutlich: Selbst in der modernen Massengesellschaft kann nichts so uniform sein, als dass es nicht bei genauem Blick zur Entdeckung wird. Ralf Hanselle

Götz Diergarten: „Photographs“, Hatje Cantz, Ostfildern, 2010, 160 Seiten, 98 Farbabbildungen, 35 Euro


Alles fließt, vielleicht
Zwei Jahre ist Érik Orsenna um den Globus gereist, immer dem Wasser hinterher. Entstanden ist ein wunderbar kluges Reisebuch

Wasser ist ein Gut, das allen gehört, aber kein Geschenk, sondern ein Produkt, das gefördert und an die Empfänger verteilt werden muss. Zu diesem Ergebnis kommt Érik Orsenna in seiner literarischen Reportage, für die er als Reisender in Sachen Wasser zwei Jahre lang rund um den Globus unterwegs war. Orsenna sprach mit Ingenieuren und Politikern über Entsalzungsanlagen in Israel und Staudämme in China oder einem Wissenschaftler in Paris, der Konzepte zur Nutzung von Tau entwickelt. Zu Wort kommen aber auch nur Konsumierende, etwa ein Taxifahrer in Kalkutta („Das Wasser ist das Leben. Wie kann man für das Leben Geld kassieren?“) und eine Bewohnerin von Algier, die manchmal zehn Tage ohne fließendes Wasser auskommen muss.

Zwei Dinge werden bei diesen Gesprächen deutlich: Wasser hat zum einen
eine immense symbolische Kraft, die wie in China auch zur politischen Identifikation genutzt wird („Lasst uns in Liebe und Respekt für das Wasser zusammenstehen“). Zum anderen wird Wasser, wenn es in seinem Kreislauf der Erneuerung gestört wird, zwar zu einem globalen Problem, das aber lokale Lösungen erfordert. Das müssen nicht immer kostspielige und energieintensive Hightech-Entsalzungsanlagen sein. Auch alternative Techniken wie Tropfenbewässerung auf den Feldern, das Auffangen von Tau mit Netzen und auf Dächern, wie es in Chile oder Peru praktiziert wird, und Regenwürmer zur filternden Bodenbearbeitung können erfolgreich sein. Gefährlich sind zur Gewohnheit werdende Akutlösungen: Kinder, die schwere Wasserkanister von Tankzügen nach Hause schleppen müssen und so nicht nur für die Schule verloren sind, sondern auch den Körper ruinieren, oder wilde Bohrungen, die den Grundwasserpegel senken. Neben Förderung und Verteilung des Wassers ist auch der Verbrauch von Wasser unterschiedlich: Wenn einer Bevölkerung nicht mehr Reis als Hauptnahrungsmittel dient, sondern Fleisch verzehrt wird, verzehnfacht sich der Verbrauch an Wasser, das zur Erzeugung dieses Lebensmittels nötig ist.

Orsenna ist nicht nur ein reflektierter und informierter Anwalt des Wassers, sondern darüber hinaus ein wunderbarer Erzähler und Beobachter, der am Umgang mit dem Wasser sowohl kulturelle Unterschiede als auch globales Bürokratendenken festmacht. So schön formuliert wie in Orsennas einführendem Kapitel liest man selten über die zugleich zerstörerische wie schöpferische Kraft des Wassers oder so poetisch über den Wasserkreislauf: „Von der Sonne erwärmt, verdunstet das Wasser (vor allem das der Ozeane), und die Pflanzen transpirieren. Der Himmel nimmt diese Ausdünstungen auf und erstattet sie von Zeit zu Zeit zurück: Es regnet.“

Diese angenehme Mischung aus literarischer Ausführung, Landschaftsbeschreibung, Reisebeobachtung, Faktum, Problemanalyse und Technikschilderung auf hohem intellektuellem und sprachlichem Niveau ist in Frankreich angesehen: Érik Orsenna, Ökonom und Mitglied des französischen Staatsrats und Direktor des Centre international de la mer, wurde in Frankreich für seine literarischen Reportagen bereits mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet. Andrea Gnam

Érik Orsenna: „Die Zukunft des Wassers“, aus dem Französischen von Caroline Vollmann,C. H. Beck, München, 2010, 319 Seiten, neun Karten, 21,95 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 80. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 80

No. 80Juni / Juli 2010

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