Fische im Fantasiegewand
Im 18. Jahrhundert zeichnete ein Soldat tropische Meeresbewohner und setzte einen Meilenstein der Naturgeschichtsschreibung
Die Tierdarstellung wird über Jahrhunderte, selbst wenn ihre Autoren versichern, „nach der Natur“ zu zeichnen oder zu schreiben, von antiken Archetypen beherrscht. In manchen Fällen reichen die Mythen der antiken Naturforscher bis in unsere Zeit. So hat die biologische Literatur bis ins 20. Jahrhundert hinein die Geschichte vom Krokodilwächter erzählt, einem Vogel, der Krokodilen den Rachenraum durch Zähneputzen sauber halten soll.
Beobachtet hatte den Vogel zwischen den Zähnen allerdings nie jemand. Es war der griechische Vater der Geschichtsschreibung, Herodot, der die Fabel vom Krokodilwächter im fünften Jahrhundert vor Beginn unserer Zeitrechnung aufgeschrieben und so glaubwürdig erzählt hatte, dass sie noch 1994 in einer Krokodilmonografie für bare Münze genommen wurde.
Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, dass Samuel Fallours zu Beginn des 18. Jahrhunderts in seine Sammlung von Zeichnungen tropischer Fische, Krebse und Krabben Ostindiens auch eine Sirene, eine Meerjungfrau, aufnimmt. Fallours hatte dabei das „Seeweib“ vier Tage in seinem Haus auf der heute zu den indonesischen Molukken gehörenden Insel Ambon in einem Wasserbottich lebend beobachtet. Dann und wann wie eine Maus quiekend und katzenähnlichen Kot absetzend, verhungerte sie schließlich, nachdem sie Fische, Muscheln und Moose als Nahrung verschmäht hatte. Dabei hatte Fallours, um ihre Verwandtschaft mit der menschlichen Spezies zu überprüfen, „vorne und hinten ihre Flossen angehoben und festgestellt, dass sie wie jede andere Frau war“.
Das Ergebnis seiner Beobachtungen kann man jetzt in einem im Taschen-Verlag erschienenen prachtvollen Nachdruck von Fallours’ Zeichnungen anschauen. Die Sirene ist dabei in ihrer oberen Hälfte eindeutig eine barbusige Frau. Vermutlich hatte Fallours in seinem Bottich eine Dugong-Seekuh beobachtet – wobei der Nachhall der mythologischen Bilder so stark war, dass die genaue Skizze der Seekuh unmöglich wurde.
Interessant sind die Zeichnungen Fallours’ aber nicht nur wegen der in der Meerjungfrau sichtbaren Täuschung des Blickes durch die Kraft mythischer Bilder über die Jahrhunderte, sondern auch aus wissenschaftlichen wie ästhetischen Gründen. Seine Zeichnungen, die in diesem Band auf 101 farbsatten Tafeln reproduziert wurden, stellen die erste farbig gezeichnete Monografie zu Fischen in der Naturgeschichtsschreibung überhaupt dar.
Fallours hatte die 434 Porträts von verschiedenen Tieren des Meeres wahrscheinlich in den Jahren von 1706 bis 1712 auf der Insel Ambon angefertigt. Auf die Insel war er, der vermutlich in Rotterdam geboren wurde, als Soldat der Niederländischen Ostindien-Kompanie gekommen. In seiner Freizeit sammelte er auf Märkten, im Hafen und am Strand alle möglichen Seetiere und zeichnete sie.
Dabei ließ er vor allem im Farbengebrauch seiner Fantasie viel freien Lauf. Mit der wirklichen Farbgebung der Fische hat das Ergebnis wenig zu tun. Auf die Fischleiber und Krebspanzer malte er kleine menschliche Gesichter, Sonnen, Monde und Sterne. Trotzdem lassen sich nach heutiger Artenkenntnis gut 90 Prozent der Bilder Arten, Gattungen und Familien zuordnen.
Das erledigt der Fischspezialist Theodore W. Pietsch, Meereskundler an der Universität von Washington in Seattle, in einem instruktiven Beiheft. Darin ordnet er Fallours’ Bilder auch in die Geschichte der wissenschaftlichen Fischzeichnungen ein. Trotz aller Bedenken gegenüber der wissenschaftlichen Genauigkeit bleiben auch für Pietsch die Bilder einmalig.
Als ein Dokument aus der Zeit des Übergangs von der alten mythischen Naturbetrachtung zur neuzeitlichen Systematik Carl von Linnés sind sie schon wegen ihrer Schönheit und ihrer Hinwendung zum Reichtum der Farben tropischer Fische unschätzbar. Und nicht zuletzt geben sie wichtigen Aufschluss über die Veränderungen der Fischfauna in den heutigen Gewässern der Bandasee. Cord Riechelmann
Samuel Fallours, Theodore W. Pietsch: „Tropische Fische Ostindiens“, Taschen, Köln, 2010, 224 Seiten, 49,99 Euro
Einsame Wege zum Strand
Trauerarbeit auf Japanisch: ein sprachlich zart ziselierter Roman über das Leben und Lieben einer verlassenen Frau
Wenig hat er hinterlassen, fast nichts. Keinen Abschiedsbrief, keine Erklärung, warum er gegangen ist und nicht wiederkam. Nur seine Sachen hängen noch lange im Schrank, Hemden, Anzüge, das dunkelgrüne Jackett aus dem letzten gemeinsamen Sommer. Und ein Notizbuch gibt es, gespickt mit merkwürdigen, knappen Eintragungen: der Preis der Hähnchen-Ei-Reis-Schale eines Mittagessens; Bemerkungen wie „Ich habe Gewicht verloren“. Und zuletzt ein Name: „Manazuru“, der Name einer Kleinstadt südwestlich von Tokio. Immer wieder zieht es Kei dorthin; sie nimmt den Schnellzug nach Tokio, dann die Regionalbahn nach Manazuru und zuletzt den Bus, um an den Strand zu kommen. Manchmal übernachtet sie dort in einer kleinen Pension, geht etwas essen in einem der örtlichen Strandlokale, bestellt sich Rossmakrelentatar. Es ist 13 Jahre her, dass ihr Mann von einer Minute auf die andere verschwand, und Kei weiß bis heute nicht, ob er sie wegen einer anderen Frau verlassen, ob er überhaupt noch am Leben ist oder sich vielleicht gar umgebracht hat, aber, wenn ja, warum?
„Eine Liebesgeschichte“ benennt Hiromi Kawakami ihren Roman „Am Meer ist es wärmer“ im Untertitel, und das ist nicht untertrieben. Genau genommen ist es aber falsch: Es sind mindestens drei Beziehungsgeschichten, mit denen sie den Leser konfrontiert und in die sie ihn zunächst mit leichter, dann mit festerer Hand hineinzieht: zwischen Kei und Rei, dem verschwundenen Ehemann, zwischen Kei und Seiji, dem Familienvater, mit dem sie sich regelmäßig trifft, zum Essen, für eine Stunde im Hotel. Und nicht zuletzt entspinnt sich eine mal zarte, mal sperrige Beziehung zwischen Kei und ihrer Tochter Momo, die an der Schwelle zum Erwachsensein ist, die Nähe der Mutter sucht, aber nicht mehr von ihr berührt werden will und die ihre eigenen Fragen hat: Hat ihr Vater geraucht? Wie sah er aus? Wie wäre er, wenn er jetzt hier wäre? Hiromi Kawakamis Roman ist mehr als eine reine Frauenselbstfindungsgeschichte, bei der kalkulierte Handlungsstränge einen simplen Plot ergeben, der alle gestellten Fragen beantworten muss. Vielmehr erzählt sie, getragen von einer fast stoischen Ruhe, von einer Frau, deren Leben in verschiedene Sphären zerfällt. Dabei ist es Kawakamis hoher Sprach- und Kompositionskunst zu verdanken, dass sie den Leser wie beiläufig bannt und fesselt. Es ist schwer, sich dem Fluss der Worte zu entziehen, wenn ihre Heldin mit Lust am Detail ihr tagtägliches Dasein schildert; wenn sie mit Akribie ihre bisherige Lebensgeschichte passieren lässt, immer wieder Halt zu finden sucht und dabei doch nicht übersehen kann, dass ihr noch eben so sinnstiftender Alltag mit seinen Ritualen und Gewissheiten sich mehr und mehr aufzulösen beginnt.
Denn Kei ist nicht alleine. Immer wieder fühlt sie sich umgeben von einer geheimnisvollen Frau, die sie begleitet, die sie konfrontiert, die sie führt. Vielleicht weiß Kei mehr, als sie weiß. Mehr, als sie sich eingestehen kann; mehr als sich ertragen lässt, wenn sie am Meer steht und schaut, in der Hoffnung, eine Spur, ein Zeichen von Rei zu sehen, so unwahrscheinlich das auch scheinen mag. Frank Keil
Hiromi Kawakami:„Am Meer ist es wärmer“, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler, Carl Hanser, München, 2010, 208 Seiten, 18,90 Euro
Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 82. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.
| Vita | mare-Kulturredaktion |
|---|---|
| Person | mare-Kulturredaktion |
| Vita | mare-Kulturredaktion |
| Person | mare-Kulturredaktion |