Immer den Äquator entlang
Die Fotografin Monique Stauder hat sich Großes vorgenommen. Drei Jahre ist sie um den Globus gereist – ein lohnendes Unterfangen
Wie sehr Worte doch täuschen können – das unglaubliche Unterfangen der Fotografin Monique Stauder ist fast beleidigend schnell erzählt. Sie hat die Welt umrundet, drei Jahre lang ist sie am Äquator entlang gereist, „lief diesem Feuerball am Himmel hinterher“, wie sie in ihrem Vorwort schreibt. Die Konsequenz der Route führt sie durch die Inselwelt des Pazifiks, krisengeschüttelte Regionen Afrikas, in die Verästelungen des Amazonas, zu Pygmäenstämmen und kolumbianischen Guerillatruppen.
Ihre Begegnungen, Ansichten und Eindrücke hält Monique Stauder in Schwarz-Weiß-Fotos fest, deren Wirkung ähnlich unausweichlich und kompromisslos ist wie der Reiseplan der Schweiz-Amerikanerin. Im Wechselspiel von Unschärfe und bestechender Kontraste rückt sie scheinbare Beiläufigkeiten in den Vordergrund, zwei Menschen im Anschnitt durch eine Bootsluke fotografiert, irgendwo auf einer trägen Schiffspassage durch das Amazonasgebiet, ein staubiger Marktplatz in Mogadischu, eingerahmt von den brüchigen Umrissen eines zerstörten Hauses.
Der Band, der die Bilder ihres Weges zeigt, ist der Größe des Unternehmens und der Kunst der Fotografin ein würdiger Rahmen. Von zwei Seiten kann man mit dem Buch, welches aus zwei am Rücken miteinander verbundenen Hälften besteht, auf Reisen gehen, kann aus den Buchseiten die Höhen und Tiefen des modernen Nomadentums erspüren. Monique Stauder verklärt nichts in ihrer Arbeit, sie dokumentiert die Hinterlassenschaften der Atomversuche im Pazifik ebenso wie die ökologischen Folgen der Ölgewinnung in Ecuador und weiß doch die Magie des Augenblicks einzufangen: Ein Einbaum im Morgendunst wird zum grobkörnigen Gemälde, Delfine im Atlantik bilden ganz und gar kitschfrei den stillen Abschluss der Odyssee.
Beiden Hälften des Buches sind zum Auftakt ein paar farbige Seiten beigeheftet, Collagen aus Reisenotizen der Fotografin, Karten, Erinnerungsstücke, Visa, Banknoten, Bonbonpapiere, zufällige und notwendige Begleiter, wie sie jeder Umherziehende sammelt – ein schöner Zusatz, der die Entstehungsgeschichte der Bilder unaufdringlich betont. Hier ist eine mit viel Mut und Beharrlichkeit ihren Weg gegangen, das zeigt jede Seite, jede Aufnahme dieses Buches.
Dass ihr dabei ganz und gar zufällig auch noch die Eminenz der Reiseliteratur, Paul Theroux, im südamerikanischen Urwald begegnet ist, mag dann schon gar nicht mehr erstaunen. Der Schriftsteller hat bewundernde Worte über die Begegnung mit Monique Stauder in seinem Vorwort für ihr Buch geschrieben: „Ich gab mich der fälschlichen Annahme hin, ziemlich weit außerhalb der Landkarte mit all den bekannten Straßen und Orten zu sein. Kein vernünftiger Reisender sollte das jemals denken, denn es gibt immer jemanden, der sich noch weiter vorgewagt hat.“ Martina Wimmer
Monique Stauder: „Latitude Zero“, mit einem Essay von Paul Theroux, Benteli, Bern, 2010, zweimal 128 Seiten, 235 Abbildungen, 49,50 Euro
Bella bockt
Doris Gerckes neuer Bella-Block-Krimi spielt in Marseille. Sowohl die Kommissarin als auch die Stadt sind ein wenig in die Jahre gekommen
Marseille ist Der Hauptschauplatz von Doris Gerckes neuem Bella-Block-Krimi. Freilich ist Marseille nicht erst seit Jean-Claude Izzos Romanen eine der klassischen europäischen Krimimetropolen. Doch bei Gercke, die die Figur 1987 erfunden hat, sich aber von der im ZDF laufenden Serie mit Hannelore Hoger inzwischen distanziert, hat sich die linke bis renitente Bella Block als Ermittlerin auf ihr Altenteil zurückgezogen. Sie will Erholung und reist nach Marseille, um hier auf den Spuren von Walter Benjamin, Joseph Roth und Anna Seghers zu wandeln.
Gercke nimmt die 50-jährige Städtepartnerschaft von Marseille und Hamburg im Jahr 2008 als Ausgangspunkt, weicht aber von klassischen Genremustern ab. Der Roman beginnt auf Gomera, wo die 18-jährige, aus ärmlichen Verhältnissen stammende María-Carmen in einem Hotel arbeitet, aber von einem besseren Leben träumt. Sie wird nicht nur Zeugin des Mordes an dem Kriminellen René Picard, sondern stiehlt auch einen Umschlag mit Geld und Zeitungsausschnitten. María-Carmen kontaktiert das Inselunikum Nini, eine betagte Marseillerin, die einst mit einem Matrosen nach Gomera gekommen war. Sie hilft ihr bei der Lektüre der Ausschnitte, die von Vorfällen in einem Marseiller Bordell erzählen und schließlich beide nach Marseille führen. María-
Carmen hängt Nini, die sich mehr von Gin als von Essen ernährt, bald ab und will mittels ihres Wissens Karriere und Geld machen. Doch, wie es der Zufall will, liest Bella Block, auf der Suche nach Anna Seghers’ Hotelbleibe in Marseille, die angetrunkene Person auf der Straße auf. Die beiden machen sich mithilfe des Polizisten Julien Grimaud auf die Suche nach María-Carmen. Der Roman entwickelt so nicht nur eine Kriminalgeschichte, sondern auch ein Porträt der beiden Städte, die Gercke auf geschickte Weise über die Protagonisten charakterisiert: Für die beiden „proletarischen“ Figuren ist Marseille Heimat und Endstation. Grimaud stammt wie Nini aus einfachen Verhältnissen und hat über seine antifaschistischen Ideale zur Polizei gefunden, erweist sich aber inzwischen als käuflich.
Beide sind den Hamburger Gästen auf unterschiedliche Weise ausgeliefert: Die Wodkatrinkerin Bella Block ist wie Gerd-Omme Nissen eine Figur, für die Marseille nur Passage ist. Nissen, Mitglied der Delegation für die Vorbereitung der 50-Jahr-Feier der Städtepartnerschaft, ist Prototyp des hanseatischen Neoreeders: Zwar von der Wirtschaftskrise getroffen, weiß er aber auch seine Marseiller Mission gewinnbringend zu nutzen. Block erkennt, dass Grimaud und Nissen ein nicht ganz legales Geschäft am Laufen haben, aber sie nimmt letztlich – untypisch für ihren Charakter – mehr die Haltung einer teilnehmenden Beobachterin als die einer Ermittlerin ein.
Die zahlreichen Literaturzitate stören leider die Kohärenz der Figur wie die Lektüre. Nichtsdestoweniger gelingt es Gercke, die zwei Metropolen analog zu den Figuren als ungleiche Partnerinnen zu zeichnen. Während Hamburg als gutbürgerliche Stadt mit maritimer Zukunft porträtiert wird, erscheint das multiethnische Marseille als ärmliche, von Konflikten geprägte Stadt, deren Hafen nur eine touristische Zukunft hat. Daniel Winkler
Doris Gercke:„Tod in Marseille. Ein Bella-Block-Roman“, Hoffmann und Campe, Hamburg, 2010, 208 Seiten, 18 Euro
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