Bildersturm aus östlicher Richtung
Erstmals in einer großen Schau außerhalb Russlands zu sehen: die mächtigen Meeresgemälde von Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski
Die Menschen sind klein in den Meereslandschaften des 1817 geborenen russischen Malers Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski. Man muss sie manchmal sogar suchen, doch dann entdeckt man sie, oft unscheinbar, am Bildrand. Wie bei dem 1886 entstandenen Werk „Die Meeresküste“. Zwei Personen sind links zu erkennen, doch sie sind nur Staffage. Beiwerk dessen, was hier größer, mächtiger und existenzieller ist: das Meer.
Das Meer ist in diesem Werk die oberste Instanz, wie fast jedes Gemälde der Ausstellung „Aiwasowski – Maler des Meeres“ vor Augen führt. Es ist die erste große monografische Schau des Malers außerhalb Russlands und der Ukraine – die Exponate kommen aus Museen wie dem Marinemuseum, dem Museum Peterhof und dem Staatlichen Russischen Museum in Sankt Petersburg, der Tretjakow-Galerie in Moskau, dem Museum für Russische Kunst in Kiew oder der Aiwasowski-Galerie in Feodossia in der Ukraine.
Mächtig ist das Meer in diesem Werk, das Schiff „Maria“ dagegen ganz klein. Und es tobt ein unbarmherziger Sturm. Eine andere Arbeit, „Die neunte Woge“ von 1850, zeigt Schiffbrüchige auf einem Floß. Vergleicht man die Arbeit mit dem 31 Jahre früher entstandenen „Floß der Medusa“ Théodore Géricaults, dann wird der Unterschied deutlich: Géricault gelang es, das Leid und die Ausweglosigkeit der Schiffbrüchigen eindringlich zu schildern – Aiwasowski aber, darin Turner nicht unähnlich, ist an etwas anderem interessiert: an der Dynamik von Licht und Luft, an den Farben des Wassers, an reiner, unmittelbarer Atmosphäre.
Aiwasowski ist heute in Westeuropa kein Unbekannter, aber er gehört nicht zu den populären Malern des 19. Jahrhunderts. In seiner Zeit war er als Hofmaler bei Zar Nikolaus I. äußerst erfolgreich. Er begleitete die Truppen des Zaren als Marinemaler, bereiste viele Länder und malte wie besessen. Etwa 6000 Arbeiten umfasst sein Werk, etwa 60 davon sind in Wien zu sehen, die meisten davon kreisen um sein großes Thema: das Meer als Schöpfer allen Lebens, als Urgewalt, die Leben gibt und Leben nimmt.
Aiwasowski malte Schiffskatastrophen, die tosende Gischt, wilde Stürme, undurchdringliche Nebel, doch dann wieder, wie im Jahr 1841, die stille Schönheit des Meeres: den Golf von Neapel im milden Abendlicht. Das Meer ist in dieser Malerei in steter Veränderung. Ein Meer, das Aiwasowski niemals vor Ort gemalt hat – anders, als es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts üblich geworden war. Die Dynamik des Meeres, sagte er, könne man nicht vor Ort einfangen, man müsse sie aus dem Gedächtnis malen. Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski ist ein Maler, der das Geschehen am Meer als Allegorie auf das Leben selbst verstanden hat – das Leben, in seiner ganzen Unsagbarkeit. Marc Peschke
Ingried Brugger, Lisa Kreil (Hrsg.): „Aiwasowski. Maler des Meeres“, Hatje Cantz, 2011, 168 Seiten, 95 Abbildungen, 39,80 Euro
Gewaltige Brandung in Nahaufnahme
Sachbuch mit Sogwirkung: Die Journalistin Susan Casey erkundet mit Wissenschaftlern und Big-Wave-Surfern die Kraft der Riesenwellen
Fichten, die wie abgeknickte Streichhölzer herumliegen. Als wäre ein gigantischer Rasenmäher den Uferstreifen abgefahren. Lituya Bay ist ein Fjord in Alaska, in dem immer wieder Riesenwellen entstehen. Am 9. Juli 1958 wälzte sich eine ungeheure Wasserwand an Land: 534 Meter hoch. Kah Lituya, ein Seeungeheuer, lauert in der Bucht, so heißt es in den Legenden der Tlingit. Es komme aus der Tiefe empor, um an den steilen Felswänden des Fjords zu rütteln; wer in der Woge ertrinkt, werde zu einem der versklavten Grizzlybären des Wassermonsters. Die Leute in der Bucht kamen 1958 fast alle mit dem Leben davon. Anders ergeht es den Besatzungen jener Containerschiffe, die jedes Jahr in den Weltmeeren verschwinden. Vermutlich Beute von mehr als 30 Meter hohen Monsterwellen, „freak waves“, die sich durch Winde oder Seebeben auftürmen können, aber lange Zeit als Seemannsgarn betrunkener Schiffskapitäne galten.
In „Monsterwellen – Auf der Suche nach der Urgewalt des Meeres“ bietet die Journalistin Susan Casey Einblicke in die Megawellen- und Tsunamiforschung der letzten Jahre. Die in Kanada aufgewachsene Autorin und Chefredakteurin des Oprah-Winfrey-Magazins „O“ hat einen Seebergungsspezialisten in Kapstadt besucht, historische Aufzeichnungen von marinen Unglücksfällen beim Versicherer Lloyd’s in London eingesehen, den Mittelmeer-Zukunftsszenarios des Vulkanologen Bill McGuire gelauscht und die Experten einer Wellenanalysekonferenz auf Oahu ausgefragt.
Auf der Nachbarinsel Maui trifft sie den legendären Big-Wave-Surfer Laird Hamilton, der sich im Unterschied zu den anderen Monsterwellenexperten an den Wasserriesen freut. Der gebürtige Hawaiianer, dessen Können die Fachliteratur nur mit Superlativen beschreibt, hat Wellen bis zu 22 Meter mit einer Geschwindigkeit von 80 Kilometern pro Stunde geritten. Einer der berüchtigsten hawaiianischen Surfspots ist „Jaws“, der Rachen. Über der Bucht bewohnt Familie Hamilton ein Anwesen, samt Hamiltons Schweinen Ginger und Marianne und etwa 140 Surfbrettern. Susan Casey fährt hinter Laird sitzend Jet-Ski, schwimmt mit ihm vor der Ankunft der winterlichen Wellensets zum „Jaws“-Riff hinaus, holt sich dabei blutige Knie und fährt trotz Sturmwarnung mit ihm aufs Meer.
Der Leser spürt förmlich die Gischt im Gesicht, sieht die Operationsnarben an Laird Hamiltons strapazierten Surferbeinen plastisch vor Augen. Und ahnt die Macht der Endorphine, die Menschen wie ihn, seinen Landsmann Dave Kalama oder die Brasilianerin Maya Gabeira dazu bringt, auf immer höher werdenden Wellen im Dienst der PR-bewussten Surfindustrie ihr Leben zu riskieren. Dabei steigt die Sensationslust von Profisportlern und Zuschauern genauso wie die Häufigkeit der auf See heranrollenden Monster; unberechenbare Auswirkungen des Klimawandels, die bisher mit keiner noch so komplizierten Formel vorhergesagt werden können. In Hawaii gibt es ein Sprichwort, das schon seit je im Strandalltag der Inseln Leben rettet: „Mai huli oe i kokua o ke kai“, „Dreh niemals dem Meer den Rücken zu!“ Jutta Vahrson
Susan Casey:„Monsterwellen – Auf der Suche nach der Urgewalt des Meeres“, aus dem Amerikanischen von Harald Stadler, Droemer, München, 2011, 400 Seiten, 19,99 Euro
Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 86. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.
| Vita | mare-Kulturredaktion |
|---|---|
| Person | mare-Kulturredaktion |
| Vita | mare-Kulturredaktion |
| Person | mare-Kulturredaktion |