Luft, die unter Flügeln rauscht

Fundstücke aus Kunst und Literatur

Auch Seevögel haben ihren Platz im kulturellen Schaffen. Das Bild „Papageientaucher“ des isländischen Multimediakünstlers Ólöf Nordal (geboren 1961) ist wegen seiner symbolischen Kraft in mehrerlei Hinsicht irritierend: Das Tier ist weiß und nicht bunt, tot und nicht lebendig, mit angelegten (gar angeklebten) statt ausgebreiteten Flügeln. Nordal hat in seiner Serie „Iceland Specimen Collection“ Seevögel mit Albinismus in Anlehnung an historische Tableaus in Naturkundemuseen so fotografiert, dass sie durch die stilistische Überhöhung zu verstörenden Objekten werden. Der Münchener Nico Bleutge (geboren 1972) beschreibt in seinem Gedicht „leichter sommer“ das Zusammenspiel von Wasser, Himmel und Seevögeln so leichtfüßig, dass alle Elemente miteinander zu tanzen scheinen – und doch bleibt ein Gefühl fundamentaler Einsamkeit zurück. Eduard von Keyserlings (1855–1918) großer impressionistischer Roman „Wellen“, den er 1911 veröffentlichte, spielt in einem Sommer an der baltischen Küste. Doralice hat sich von ihrem standesgemäßen Gatten scheiden lassen, um mit dem Maler Hans zusammenzuleben. Doch auch dieses Verhältnis soll nicht ewig dauern – zu viele Männer umschwärmen die geschiedene Gräfin. Das Meer, die Wellen, vor allem aber die kurze Zwiesprache der Sehnsüchtigen mit einer Möwe scheinen erotisch aufgeladen zu sein und auf die Tragödie hinzuweisen, die sich bald abspielen wird. Der sinnliche Hans übrigens wird den Sommer an der Ostsee nicht überleben. zdb


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No. 77Dezember 2009/ Januar 2010

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