Imagination und Narrativ

Koloniale Illustrationen belegen eindrücklich, wie Europa seit ­Beginn der Neuzeit seine Interessen in Übersee durchsetzte

Europäische Expansion“, „Entdeckung der Neuen Welt“, „Europas Aufbruch in die Neue Welt“ – unter diesen Stichworten wurde lange Zeit Kolonialisierung, Menschenhandel und Ausbeutung anderer Erdteile hinter Buchtiteln versteckt. Der Begriff der Neuen Welt stammt aus dem 16. Jahrhundert, und man verband damit vor allem Reichtum und Kannibalismus. Erst spät erscheint ein „Handbuch Geschichte der Sklaverei“ des Historikers Michael Zeuske, der sich zeiten- und kulturübergreifend des Themas annimmt, erst spät beginnt die Aufarbeitung, während derzeit in den USA die Sklaverei wieder aus Geschichtsbüchern gestrichen wird.

Wie verhält es sich mit Bildern aus der Frühen Neuzeit von 1500 bis 1800? Zeigen sie uns das Gesicht der Sklaverei unmittelbar oder nach bestimmten Vorgaben? Oder gibt es Formen, die ein beschönigendes Pendant zum „Aufbruch“, zur „Expan­sion“ zur „Neuen Welt“ bilden?

Eine Antwort ist schwieriger, als es zunächst erscheinen mag. Das ist auch eine Frage des Mediums: Wir haben es oft mit in Einzelheiten nur schwer zu erkennenden Holzschnitten und Kupferstichen in Reiseberichten und besonders mit allegorisch bebilderten Landkarten zu tun. Eine Bildsprache, die über das Zeigen von Objekten, Tieren, Pflanzen und unverstandenen ­Kuriositäten hinausgeht, entwickelt sich erst allmählich. 

Und so dauert es seine Zeit, bis man neben szenischen Kompo­sitionen mit schemenhaft erfassten Menschen auch stilisierte Landschaften und Küsten mit Schiffen zeigt. Die transatlantische Schifffahrt bildet die Voraussetzung für die Forschungs- und Eroberungsfahrten europäischer Handelsgesellschaften in die Neue Welt und des im großen Stil betriebenen Sklavenhandels für Bergwerke und Plantagen in Übersee. Das wenige Bildmaterial, das überhaupt der Zerstörung durch Kriege und Naturkatastrophen widerstanden hat, wird von His­torikern nur zögerlich als Quelle eingesetzt. Nicht zu Unrecht: Artefakte wie Plastiken oder Grafiken sind Quellen für Mentalitäten und Bildtraditionen. Wir erkennen die Schwierigkeiten, das Unbekannte darzustellen. Gezeigt wird, was sich in die erlernte Bildsprache einfügen lässt und den Vorstellungen der Zeit über die Recht­mäßig­keit von Herrschaftsverhältnissen nicht entgegensteht.

Aus Darstellungen, auch wenn man die Künstler oft nicht namentlich kennt, lässt sich dennoch einiges lernen: Bilder zum Umgang mit kolonialisierten Völkern geben Auskunft über das Selbstbild der Europäer, über Projektionen ihrer Wünsche auf fremde Gesellschaften; wir erkennen Rechtfertigungsversuche, Handelsinteressen und den Stand geo­grafischer Kenntnisse. Schon früh versuchte man, den Küstenverlauf oder die Lage von Inseln exakt wiederzugeben. Handelsgesellschaften benötigten genaue Positionsbeschreibungen für die Seeleute, sie engagierten für die Wiedergabe von Häfen und Anlegemöglichkeiten auch Künstler wie Johannes Vingboons, der in Zusammenarbeit mit Kapitänen und Geografen genaue und doch ästhetisch reizvolle, zart kolorierte Zeichnungen erstellte.

Jesuiten hingegen schönten Karten von China und rückten das „Reich der Mitte“ als Zugeständnis an das chinesische Selbstbild mehr ins Zentrum, als dies den Tatsachen entspricht. Man erhoffte sich auf diese Weise Gewogenheit für die Missionierung im Land. Für ihre Bibliotheken in Peking beschafften jesuitische Patres Lehrbücher zur korrekten Ausführung der Zentralperspektive in Malerei und Grafik. Diese wurde im frühen 15. Jahrhundert von Architekten entworfen und verbreitete sich alsbald in Europa. Ihre Lehre prägte die Vorstellung davon, wie Innenräume, Stadtansichten und Landschaften korrekt wiederzugeben sind.


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 174. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 174

mare No. 174Februar / März 2026

Von Andrea Gnam

Andrea Gnam, Literaturwissenschaftlerin, Kunsthistorikerin und Historikerin, wurde promoviert und habilitiert. Sie publiziert zur Kulturgeschichte und unterhält einen Blog zu Fotografie und Architektur. Eine Brücke zu ihrem bild­politischen Essay bildet ihr 2025 im Verlag iudicium erschienenes Buch „Bilder und Wörter. Kleine Kulturgeschichte einer brillanten Allianz“.

Mehr Informationen
Vita Andrea Gnam, Literaturwissenschaftlerin, Kunsthistorikerin und Historikerin, wurde promoviert und habilitiert. Sie publiziert zur Kulturgeschichte und unterhält einen Blog zu Fotografie und Architektur. Eine Brücke zu ihrem bild­politischen Essay bildet ihr 2025 im Verlag iudicium erschienenes Buch „Bilder und Wörter. Kleine Kulturgeschichte einer brillanten Allianz“.
Person Von Andrea Gnam
Vita Andrea Gnam, Literaturwissenschaftlerin, Kunsthistorikerin und Historikerin, wurde promoviert und habilitiert. Sie publiziert zur Kulturgeschichte und unterhält einen Blog zu Fotografie und Architektur. Eine Brücke zu ihrem bild­politischen Essay bildet ihr 2025 im Verlag iudicium erschienenes Buch „Bilder und Wörter. Kleine Kulturgeschichte einer brillanten Allianz“.
Person Von Andrea Gnam
Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite