Im Hafen der Tränen

Aufregende Architektur birgt das Museum Fenix in Rotterdam. Es zeigt eindrücklich die Weltgeschichte menschlicher Migration

Rotterdam scheint zu schwanken, seine kühnen Bauten stehen schräg, gewellt, zerknittert. Die Hochhäuser der niederländischen Hafenstadt spiegeln sich wie ein optisches Vexierspiel im blitzblanken Edelstahl des „Tornado“. So heißt die gigantische doppelte Wendeltreppe, die sich vom Erd­geschoss bis zum Dach des einstigen Lagerhauses nach oben windet. Die monumentale Konstruktion, die als historisches Vorbild Leonardo da Vincis Spiral­treppe im Loireschloss in Chambord haben könnte, sieht wie eine Rutschbahn aus oder wie eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Der „Tornado“ ist die Hauptattraktion des im Mai 2025 eröffneten Fenix-Museums im Rotterdamer Rijnhaven. Es ist das erste Museum weltweit, das das Thema der Migration kon­sequent mit zeitgenössischen Kunstwerken, Fotografien, Artefakten und privaten Dokumenten darstellt.

„Es geht um Gehen und Ankommen, eine Metapher für die Odyssee der Migranten“, erklärt Ma Yansong den Sinn der von ihm konzipierten Megatreppe, deren polierte Flanken er liebevoll tätschelt. „Die Besucher bewegen sich wie in einem Labyrinth, trennen sich, kommen wieder zusammen.“ Der 50-jährige Chinese mit dem Ruf eines unorthodoxen Rebellen gehört zu den weltbesten Architekten. Er hat mit seinem Büro MAD Architects bereits versponnen-futuris­tische Bauten wie die Absolute World im kanadischen Mississauga entworfen, von den Einheimischen wegen ihrer geschwungenen Formen „Marilyn Monroe Towers“ genannt. Aber auch das muschelförmige Harbin Opera House in der Mandschurei stammt aus seiner Hand.
 
Das Fenix ist sein erster öffentlicher Kunstbau in Europa und reiht sich elegant in Rotterdams himmelwärts strebende Skyline ein. Seit der Containerhafen in Richtung Nordsee abwanderte, wurden alte Binnenhäfen wie der Rijnhaven frei für ideenreiche Stadtbau-, Kultur- und Freizeitprojekte. Auch das Nederlands Fotomuseum mit einer der größten Fotosammlungen der Welt befindet sich seit Kurzem hier – im unter Denkmalschutz stehenden Pakhuis Santos, das Anfang des 20. Jahrhunderts als Hafenspeicher für Kaffee aus Brasilien diente und nun mit einem Dach aus perforiertem Aluminium gekrönt wurde. 

Die architektonischen Herausforderungen bei der Umwandlung der alten Docks und Lagerhäuser waren und sind enorm, was erklärt, warum allein die Arbeiten am Fenix-Migrationsmuseum acht Jahre dauerten. Das riesige Lagerhaus namens San Francisco Warehouse, das in den 1920er-Jahren mit seinen Kränen, Aufzügen und Bahngleisen als das größte und innovativste der Welt galt, lag nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern. Anschließend richtete man es wieder auf, teilte es aber in zwei getrennte Lagerkomplexe ein, die beide wie Phönix aus der Asche wiedergeboren wurden. 


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mare No. 174

mare No. 174Februar / März 2026

Von Rob Kieffer

Rob Kieffer, Jahrgang 1957, lebt als Journalist und Autor in Luxemburg. Bei seinen Recherchen im ­Fenix-Museum wusste er auch das migrationsgeprägte kulinarische Angebot zu schätzen: Im Ana­tolian Café kostete er die vom Istanbuler Sternekoch Maksut ­A˛skar kreierten Spezialitäten. Und als Dessert genehmigte er sich in der Eisdiele „Granucci“ ein Eis, das nach dem legendären Hausrezept der Familie Granucci zubereitet wird, die 1929 aus ­Italien in die Niederlande einwanderte.

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Vita Rob Kieffer, Jahrgang 1957, lebt als Journalist und Autor in Luxemburg. Bei seinen Recherchen im ­Fenix-Museum wusste er auch das migrationsgeprägte kulinarische Angebot zu schätzen: Im Ana­tolian Café kostete er die vom Istanbuler Sternekoch Maksut ­A˛skar kreierten Spezialitäten. Und als Dessert genehmigte er sich in der Eisdiele „Granucci“ ein Eis, das nach dem legendären Hausrezept der Familie Granucci zubereitet wird, die 1929 aus ­Italien in die Niederlande einwanderte.
Person Von Rob Kieffer
Vita Rob Kieffer, Jahrgang 1957, lebt als Journalist und Autor in Luxemburg. Bei seinen Recherchen im ­Fenix-Museum wusste er auch das migrationsgeprägte kulinarische Angebot zu schätzen: Im Ana­tolian Café kostete er die vom Istanbuler Sternekoch Maksut ­A˛skar kreierten Spezialitäten. Und als Dessert genehmigte er sich in der Eisdiele „Granucci“ ein Eis, das nach dem legendären Hausrezept der Familie Granucci zubereitet wird, die 1929 aus ­Italien in die Niederlande einwanderte.
Person Von Rob Kieffer
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