Gefesselt ins Meer

Eine schlimmere Strafe für ein Vergehen konnte einem Seemann an Bord eines Schiffs nicht auferlegt werden: das Kielholen. Es war äußerst roh und endete nicht selten tödlich

Hilflos hängt der Schiffsarzt in der Luft, gut drei Meter über dem Schiffsdeck. Hände und Füße sind gefesselt, das Seil, das ihn hält, ist an einem Ende der Rahe befestigt. Auf das Zeichen des Kapitäns hin werden seine Kameraden ihn gleich unter dem Kiel hindurchziehen, vermutlich mehrmals. Dass er dabei verletzt wird, ist sicher. Ob er überlebt, nicht. Hunderte Menschen verfolgen gebannt das Geschehen: die Mannschaft an Deck und Schaulustige auf kleineren Schiffen ringsum. 

Was hatte der Mann wohl verbrochen, den der holländische Maler Lieve Pieterszoon Verschuier Ende des 17. Jahrhunderts auf Leinwand verewigte? Hatte er einen Aufstand gegen Jan van Nes angezettelt, den Admiral des Schiffs? Im Amsterdamer Reichsmuseum, wo das Gemälde hängt, bleibt man vage. Es kann sogar sein, sagt der Kurator Jeroen ter Brugge, dass die Szene nur der Fantasie des Rotterdamer Malers entsprungen ist. Trotzdem sei die Darstellung repräsentativ für eine Prozedur, die bis ins 19. Jahrhundert hinein auf holländischen Schiffen, aber auch von anderen Seefahrernationen als Strafe an Bord verhängt wurde: das Kielholen.

Bis heute ranken sich Mythen um diese Tortur. Die Vorstellung, dass jemand langsam ertrinkt, während er unter einem fünf bis sieben Meter tiefen Kiel hindurchgezogen wird, weckt die Urangst vor dem Wasser in uns Menschen. Vielleicht auch Sensationslust, ein angenehmes Gruseln – nicht nur Verschuier fand in den Erzählungen der Seeleute Inspiration. Noch Jahrhunderte später wird in Romanen und Filmen kräftig gekielholt. 

Etwa in einer Szene, die vermutlich frei erfunden ist, in „Meuterei auf der Bounty“ von 1962. Begleitet von dem strengen Blick des Kommandanten Bligh, wird ein Matrose von der Rahe gestoßen und unter dem Schiffsrumpf durchgezogen. Noch bevor seine Kameraden die Leine einholen können, wird er von einem Hai zerfleischt. 

Tatsächlich starben Delinquenten beim Kielholen wohl selten durch Haie. Kleinere Tiere waren viel gefährlicher: Seepocken etwa, die am Schiffsrumpf wuchsen. Ihre scharfen Kanten rissen die Haut auf, besonders bei Hitze entzündeten sich diese Wunden. Der Hamburger Autor Johann Hinrich Röding beschreibt um 1800 die „insonderheit auf holländischen Schiffen gebräuchliche Leibstrafe für Hauptverbrechen“: „Man bindet dem Verbrecher ein Tau um den Leib, welches unter dem Kiel durch nach der anderen Seite des Schiffs fährt. Alsdann belastet man ihn mit Steinen, damit er nicht an den Kiel stoße, läßt ihn von der großen Raa, woselbst das andere Ende des Taues befestigt ist, ins Wasser fallen, und zieht ihn unter dem Schiffe durch an der anderen Seite wieder heraus. Diese Strafe wird zuweilen mehrmals wiederholt und nicht selten bricht der Delinquent dabey Arme und Beine oder kömmt gar dabey um.“ 

Kielholen sei „roh und gefährlich“, warnt im „Dictionnaire de la penalité“ (1825) der französische Schriftsteller Edme-Théodore Bourg. Ein Kanonenschuss kündige den Beginn an, zudem werde am Fockmast die Hinrichtungsflagge gehisst. In der französischen Variante wurde der Straftäter auf einer Planke festgebunden und diese mit einer Kanonenkugel beschwert. Sie sollte anstelle der Steine und der Bleiweste dafür sorgen, dass genügend Abstand zwischen dem Gekielholten und dem Schiffsrumpf blieb. Andernfalls, oder wenn die Leine zu schnell eingeholt wurde, konnte es passieren, „dass dem Missetäter sein Schädel zerschmettert wird“. So erzählt es der Ulmer Arzt Christopher Frick (1659–nach 1714), der bei der Niederländischen Ostindienkompanie anheuerte. Und im „Marine Dictionary“ von 1753 des Schotten William Falconer heißt es lapidar: „Da diese außergewöhnliche Strafe mit der Gemütsruhe durchgeführt wird, die den Holländern zu eigen ist, werden dem Schuldigen während des mehrmaligen Prozesses ausreichend Pausen gewährt, um das Schmerzempfinden wiederzuerlangen.“ 

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mare No. 148

mare No. 148Oktober / November

Von Silvia Tyburski

Silvia Tyburski, Jahrgang 1976, hat sich drei Versionen von „Meuterei auf der Bounty“ angesehen. Gekielholt wird nur in den Verfilmungen mit Clark Gable (1935) und Marlon Brando (1962), nicht in „Die Bounty“ mit Mel Gibson (1984). Dafür spielt darin der fabelhafte Anthony Hopkins den Kapitän Bligh und Liam Neeson einen aufrührerischen Matrosen.

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Vita Silvia Tyburski, Jahrgang 1976, hat sich drei Versionen von „Meuterei auf der Bounty“ angesehen. Gekielholt wird nur in den Verfilmungen mit Clark Gable (1935) und Marlon Brando (1962), nicht in „Die Bounty“ mit Mel Gibson (1984). Dafür spielt darin der fabelhafte Anthony Hopkins den Kapitän Bligh und Liam Neeson einen aufrührerischen Matrosen.
Person Von Silvia Tyburski
Vita Silvia Tyburski, Jahrgang 1976, hat sich drei Versionen von „Meuterei auf der Bounty“ angesehen. Gekielholt wird nur in den Verfilmungen mit Clark Gable (1935) und Marlon Brando (1962), nicht in „Die Bounty“ mit Mel Gibson (1984). Dafür spielt darin der fabelhafte Anthony Hopkins den Kapitän Bligh und Liam Neeson einen aufrührerischen Matrosen.
Person Von Silvia Tyburski