Eine Frau von Welt

Die Italienerin Eleonora Duse galt als größte Schauspielerin ihrer Zeit, als Inbegriff von Leidenschaft und Gefühl. Ihr Leben lang war sie unterwegs in der Welt, getrieben und rastlos. Zur Ruhe fand sie nur am Meer

Rainer Maria Rilke war angefasst. Schon als junger Mann hatte er die Schauspielerin Eleonora Duse verehrt, ihr als 23-Jähriger ein lyrisches Drama gewidmet. Seine „Weiße Fürstin“ verzehrt sich vor Liebe, steht sehnend am Ufer, „in ihren Augen ist das Meer. Sie hebt langsam die Arme und hält sie eine Weile weit ausgebreitet“. Aber der Geliebte kommt nicht, „das Meer atmet langsamer und schwer“. 1912 trifft Rilke Eleonora Duse in Venedig leibhaftig. Man fährt zusammen Gondel, parliert und diniert. Er schreibt: „… da kam sie oft zu mir, die Duse – sie wohnte ganz nah, auf einmal bog ihre Gondel aus der Lagune in meinen Kanal herein, von meinem Schreibtisch aus konnte ich sie erkennen.“ Doch der Dichter ist indigniert. Die Duse ist nicht ephemere Kameliendame, sondern „so breit und robust“. Es bereite ihm eine Art Schmerz, schreibt er in einem Brief, „sie so zu finden, dieser verstärkte Körper“. Eine leibhaftige Frau, keine sterbende Marguerite Gautier. Und gar nicht so, wie er sie 1907 ungesehen in seinem Gedicht „Bildnis“ besungen hatte: 

„Dass von dem verzichtenden Gesichte keiner ihrer großen Schmerzen fiele, trägt sie langsam durch die Trauerspiele ihrer Züge schönen welken Strauß, (…) und sie lässt, mit hochgehobnem Kinn, alle diese Worte wieder fallen, ohne bleibend; denn nicht eins von allen ist der wehen Wirklichkeit gemäß, ihrem einzigen Eigentum, das sie wie ein fußloses Gefäß halten muss, hoch über ihren Ruhm und den Gang der Abende hinaus.“

An manchen Abenden in Venedig ist er dann doch angetan. „Die Duse war sehr großartig heute, von einer Traurigkeit, wie Wolkenbildungen oben sie haben.“ Aber er hält es nicht recht aus mit ihr, es genüge eine halbe Stunde, damit sie eine Wohnung abnutze, „es geht eine Unlust, dazusein, in gewissen Momenten von ihr aus, die so penetrant ist, dass den Dingen um sie herum gleichsam die Zähne ausfallen“. Als die Schauspielerin schließlich abreist, schreibt der Dichter, er sei „seit den Dusetagen ziemlich herunter“.

Eleonora Duse wird 1858 im lombardischen Vigevano in eine Schaustellertruppe hineingeboren. Mit vier Jahren steht sie auf der Bühne. Mit 14 spielt sie die Julia in der Arena von Verona. Sie tritt in wechselnden Compagnien auf, arbeitet sich im Rollenfach empor, wird „prima attrice assoluta“, gründet eine eigene Schauspielgruppe. Nun ist sie nicht mehr nur Schauspielerin, sondern immer auch Intendantin, Regisseurin und Geschäftsfrau. Sie hat eine Tochter, die sie selten sieht. Sie spielt die Paraderollen der Zeit, die Kameliendame und weitere Gassenhauer. Bis ihr das nicht mehr genügt. Sie will neue, moderne Stücke spielen. Damit steht sie zwischen den Jahrhunderten, am Ende des Divenzeitalters einer Sarah Bernhardt und am Anfang des Regietheaters. 

Eleonora Duse hatte wechselnde Liebesbeziehungen und war Zeit ihres Lebens unterwegs. Ihrer hektischen Reisesehnsucht liege „eine unbändige Sehnsucht, anders zu werden, als man ist, sich zu wandeln“, zugrunde, schrieb der österreichische Kritiker Kurt Klinger. Man muss verstehen: Es war auch die Zeit der Psychoanalyse. Man hatte Nerven und Hysterien, man deutete. Bei Hugo von Hofmannsthal klang es so: „Sie ist das ruhmbeladenste Geschöpf der Erde und das ruheloseste; ihre Reisen sind Triumphzüge, und sie gleichen einer Flucht. Wie der Fieberkranke seine Kissen wechselt sie die Länder der Welt und findet nicht fußbreit, sich auszuruhen.“ Was hätte die Duse auch sonst machen sollen? Es gab in Italien keine institutionellen Stadt- und Staatstheater. Die Compagnien zogen von Ort zu Ort – und die Duse, als Star, von Land zu Land.

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mare No. 148

mare No. 148Oktober / November

Von Barbara Schaefer

Barbara Schaefer, Jahrgang 1961, schrieb ihre Magisterarbeit in Theaterwissenschaften über Eleonora Duse. Sie verbrachte einen Winter am Gardasee im Vittoriale, solidarisierte sich absolut mit der „prima attrice assoluta“ – und fand, D’Annunzio sei ein Schuft. Es war dann doch komplizierter.

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Vita Barbara Schaefer, Jahrgang 1961, schrieb ihre Magisterarbeit in Theaterwissenschaften über Eleonora Duse. Sie verbrachte einen Winter am Gardasee im Vittoriale, solidarisierte sich absolut mit der „prima attrice assoluta“ – und fand, D’Annunzio sei ein Schuft. Es war dann doch komplizierter.
Person Von Barbara Schaefer
Vita Barbara Schaefer, Jahrgang 1961, schrieb ihre Magisterarbeit in Theaterwissenschaften über Eleonora Duse. Sie verbrachte einen Winter am Gardasee im Vittoriale, solidarisierte sich absolut mit der „prima attrice assoluta“ – und fand, D’Annunzio sei ein Schuft. Es war dann doch komplizierter.
Person Von Barbara Schaefer