Man würde ein solches Objekt im öffentlichen Raum heute nicht mehr vermuten. Doch es erstreckt sich auf einem der zentralen Plätze der lettischen Hafenstadt Ventspils absichtsvoll und raumbeherrschend: Der „Walfisch“ ist jedoch nicht etwa ein Blauwal, dem hier gehuldigt wird und dessen Bezeichnung Zweifel aufkommen lässt hinsichtlich der zoologischen Versiertheit der Auftraggeber. Es ist ein imposantes Memorial, das jene Fregatte repräsentiert, die im 17. Jahrhundert vom Herzogtum Kurland ausfuhr, um die Fremde zu erkunden und zu unterwerfen.
2016 ließ die Stadtverwaltung von Ventspils die Installation des deutschen Architekten David Cook errichten. Tagsüber erscheint sie wie ein loses Ensemble verstreuter Masten. Das Wasserspiel berauscht, aber man geht leichter vorüber als nach Einbruch der Dämmerung. In der Nacht hebt sich durch die an den Masten angebrachten Lichtkörper das gesamte Objekt aus der Dunkelheit strahlend ab – so tritt ein Schiff aus dem Schwarz hervor. Die Installation leistet eine visuelle Vereinnahmung, die einen instinktiv nähertreten lässt.
Der Hinweis auf der Gedenktafel ist allerdings marginal. 1644 in der Ventspilser Werft in Auftrag gegeben, hat die Fregatte mit dem lettischen Namen „Valzivs“ 1651 im Verbund mit anderen Schiffen die Kolonie Gambia in Westafrika erreicht. Dazu muss man wissen, dass das Herzogtum Kurland und Semgallen unter Jakob Kettler eine bis dahin unbekannte Selbstbestimmung erzielte. Der westliche Teil des heutigen Lettlands schien das Joch der Unterdrückung abgelegt zu haben. In einer Region, die darunter so lang gelitten hatte, war der imperiale Tatendrang verständlich.
Man wollte einmal im merkantilen Konzert der Großen mitspielen. Das schloss die Teilnahme am atlantischen Dreieckshandel samt Sklavenhandel ein.
Kettler hatte in jungen Jahren die Welt gesehen. Er wusste, dass Schifffahrt unverzichtbar war, um dem omnipräsenten Gebot zur Expansion folgen zu können. Klug war es, niederländische Anleihen zu nehmen: Das Land ohne Wälder, das es dank Technologie, wie etwa den Sägemühlen, schaffte, binnen Kurzem die Ozeane zu beherrschen, bot ein überzeugendes Vorbild. Das betraf etwa die Wahl des Schiffstyps Fluyt (Fleute): Er verbreitete sich rasant aufgrund seines ökonomischen und nautischen Vorteils – mit kleinerer Besatzung ließ er sich leichter segeln als die vorherrschende Galeone. Am besten sollten die Schiffe von Holländern selbst entworfen werden. So begründete Nicholas Soeffrens mit seinen Kompagnons im 17. Jahrhundert in Ventspils eine barocke Tradition der Schiffbaukunst. In der Zeit von Jakob Kettler entstanden weit über 100 Schiffe in der Ventspilser Werft, teilweise auch im Auftrag für andere.
Die beiden atlantischen Kolonien des Herzogtums Kurland sind für je kurze Zeitspannen eine Insel im Gambiafluss sowie die Karibikinsel Tobago. Es fanden zumindest zehn Expeditionen nach Gambia mit einem Dutzend Schiffen statt. Nur fünf kehrten mit Ladung nach Ventspils zurück. Vor allem Piraten und Seeunglücke zeichneten für den Schwund verantwortlich. 1661 ging der Besitz an die Briten über. Vor den Kuren waren es die Portugiesen, die ihr den Namen eines hier bestatteten Seemanns gaben; die Umbenennung zugunsten Kettlers in Jakobsinsel schien logisch. Heute heißt sie Kunta Kinteh Island. Da sie zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, sollte diesem Namen eine längere Lebensdauer beschert sein.
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Alexander Peer, geboren 1971 in Salzburg, lebt nach Studien in Germanistik, Philosophie und Publizistik seit 2004 als freier Autor in Wien und schreibt Essays, Rezensionen und Reportagen zu Literatur, Architektur und Philosophie. Schon 2000 hat er erstmals das Baltikum bereist und dazu journalistisch und literarisch – etwa den Erzählband „Ostseeatem“ – publiziert.
| Vita | Alexander Peer, geboren 1971 in Salzburg, lebt nach Studien in Germanistik, Philosophie und Publizistik seit 2004 als freier Autor in Wien und schreibt Essays, Rezensionen und Reportagen zu Literatur, Architektur und Philosophie. Schon 2000 hat er erstmals das Baltikum bereist und dazu journalistisch und literarisch – etwa den Erzählband „Ostseeatem“ – publiziert. |
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| Person | Von Alexander Peer |
| Vita | Alexander Peer, geboren 1971 in Salzburg, lebt nach Studien in Germanistik, Philosophie und Publizistik seit 2004 als freier Autor in Wien und schreibt Essays, Rezensionen und Reportagen zu Literatur, Architektur und Philosophie. Schon 2000 hat er erstmals das Baltikum bereist und dazu journalistisch und literarisch – etwa den Erzählband „Ostseeatem“ – publiziert. |
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