Die Kleinodien der Ozeane

Kugelige, anmutige Wesen, dünner als ein Haar und prächtig-schön unterm Mikroskop sind die Coccolithophoriden. Die Mikroalgen bevölkern zu Myriaden unsere Meere, und sie leisten unschätzbare Dienste. Die Würdigung einer Kleinigkeit

Haben Sie beim Baden im Meer schon einmal Wasser geschluckt? Dann sind ganz sicher viele Coccolithophoriden in Ihrem Magen gelandet. Ihre Kinder haben mit dem Sandeimerchen wahrscheinlich schon Abertausende aus dem Meer geschöpft. Vielleicht kleben sogar noch einige an Ihrer Stranddecke.

Coccolithophoriden sind kleiner, als ein Haar dick ist. So klein, dass man sie nur unter dem Mikroskop erkennen kann. Und sie sind überall, zumindest überall dort, wo es Salzwasser gibt, im Atlantik, in der Adria oder vor Ostafrika. Sie schweben im Wasser wie Staub in der Luft und treiben mit der Strömung. Coccolithophoriden sind winzige Algen, von einem Panzer aus Kalkplatten umhüllt.

Wunderschön sind sie, diese kugeligen Wesen, aber leider so gut wie unsichtbar. Ihre Anmut ist die reine Verschwendung. Sie offenbart sich erst bei 1000-facher Vergrößerung: Die Kalkdeckel sind so präzise und gleichförmig, als hätte eine Maschine sie aus dem Vollen gefräst. Sie sind gefurcht wie Mühlsteine, gezackt wie Zahnräder oder gewölbt wie Pilze. Wie eine kunstvolle Verpackung verbergen sie das empfindliche Innere, den Zellkern und die grünen Lichtsammelmoleküle des Chlorophylls.

Vor gut 100 Jahren kam der englische Biologe Thomas Henry Huxley auf die Idee, ein Häufchen Meeresschlamm mit dem Mikroskop zu untersuchen. Er war einer der Ersten, denen die rundlichen Winzlinge auffielen. Huxley hatte keine Ahnung, welche Einzeller da im Schlamm auf dem Objektträger lagen, und so gab er ihnen ihren holprigen altgriechischen Namen Cocco-Litho-Phoriden, „Stein tragende Samenkörner“.

Lange interessierte sich kaum jemand für die Algenkrümel. Die Wissenschaftler hielten es noch nicht einmal für nötig, einen deutschen Namen für die Einzeller zu finden. Wozu viel Aufhebens machen um unsichtbares Treibgut?

Heute sieht man das anders. Coccolithophoriden mögen klein sein, doch bevölkern sie die Meere in ungeheuren Mengen. Zehntausende schweben für gewöhnlich in einem Liter Wasser. Wenn das Meer die richtige Temperatur hat und reichlich Nährstoffe enthält, vermehren sich die Einzeller geradezu explosionsartig. Dann bringen sie es auf viele Millionen Exemplare je Liter.

Eine solche milchige Algenwolke wächst schnell und breitet sich in wenigen Tagen kilometerweit aus. Unzählige durchsichtige Kalkkapseln werfen das Sonnenlicht zurück. Der Lichtreflex ist so stark, dass man den Algenteppich sogar auf Satellitenbildern erkennt. Ihre schiere Masse macht die Coccolithophoriden zu bedeutenden Geschöpfen, etwa als Futter für Millionen von Kleinkrebsen. Und als einer der größten Sauerstoffproduzenten im Meer sind sie für Hai oder Kabeljau so wichtig wie Bäume für uns Menschen.

Coccolithophoriden tummeln sich dort, wo es hell ist. Wie Baum und Blume brauchen sie die Sonnenstrahlung für die Energiegewinnung, für die Zuckerproduktion. Je klarer das Wasser, desto tiefer reicht das Licht, bis zu 150, 200 Meter. Fischlarven und Kleinkrebse ernähren sich dort von den gepanzerten Algen.

Doch viele überleben. Sie sterben erst nach Monaten und sinken schließlich hinab in die stockdunkle Tiefe. Myriaden dieser Algen rieseln Tag für Tag weltweit dem Meeresgrund entgegen – ein endloser feiner Kalkregen. Seit mindestens 200 Millionen Jahren geht das so. Eine Coccolithophoride hat einen Durchmesser von gerade 20 Mikrometern, doch im jahrmillionenlangen Dauerniesel haben sich die Panzer im Meeresboden zu Hunderte von Metern dicken Kalkschichten zusammengepresst.


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 82. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 82

No. 82Oktober / November 2010

Von Tim Schröder und Markus Geisen

Als Student hat Tim Schröder, Jahrgang 1970, Wissenschaftsjournalist in Oldenburg, am Mikroskop stundenlang Kieselalgen gezählt. Schon das war anstrengend. Entsprechend groß ist sein Respekt vor den Coccolithophoridenforschern, deren Studienobjekte noch 100-mal kleiner sind.

Obwohl es inzwischen gut zehn Jahre her ist, kann sich Markus Geisen, geboren 1971, noch ganz genau an den Abend erinnern, als er das einzigartige Foto der Alge in Verwandlung schoss. Der studierte Geologe lebt heute als Wissenschaftsfotograf und -autor in Köln.

Mehr Informationen
Vita Als Student hat Tim Schröder, Jahrgang 1970, Wissenschaftsjournalist in Oldenburg, am Mikroskop stundenlang Kieselalgen gezählt. Schon das war anstrengend. Entsprechend groß ist sein Respekt vor den Coccolithophoridenforschern, deren Studienobjekte noch 100-mal kleiner sind.

Obwohl es inzwischen gut zehn Jahre her ist, kann sich Markus Geisen, geboren 1971, noch ganz genau an den Abend erinnern, als er das einzigartige Foto der Alge in Verwandlung schoss. Der studierte Geologe lebt heute als Wissenschaftsfotograf und -autor in Köln.
Person Von Tim Schröder und Markus Geisen
Vita Als Student hat Tim Schröder, Jahrgang 1970, Wissenschaftsjournalist in Oldenburg, am Mikroskop stundenlang Kieselalgen gezählt. Schon das war anstrengend. Entsprechend groß ist sein Respekt vor den Coccolithophoridenforschern, deren Studienobjekte noch 100-mal kleiner sind.

Obwohl es inzwischen gut zehn Jahre her ist, kann sich Markus Geisen, geboren 1971, noch ganz genau an den Abend erinnern, als er das einzigartige Foto der Alge in Verwandlung schoss. Der studierte Geologe lebt heute als Wissenschaftsfotograf und -autor in Köln.
Person Von Tim Schröder und Markus Geisen