Die Hoffnung liegt hinter dem Horizont

Seit dem Putsch in Myanmar 1962 sind bis heute Hunderttausende Rohingya auf der Flucht vor dem Genozid durch die Militärs. Viele von ihnen stranden als Bootsflüchtlinge in Indonesien

Bangladesch. Cox’s Bazar am Golf von Bengalen. Für einen Rohingya die erste Station nach der Flucht aus Myanmar, je nach Route nur wenige Kilometer oder Seemeilen entfernt. Die meisten kommen auf Booten. Sie haben ein Land verlassen, in dem buddhistische Mönche Hass gegen eine Ethnie predigen, die hier viele Generationen ansässig ist, aber nie eingebürgert wurde. Als Staatenlose fliehen sie vor den Angriffen der bewaffneten Arakan Army, deren Vertreter seit Jahrzehnten ungestraft den Völkermord an den Rohingya propagieren. Der Großteil der insgesamt 2,8 Mil­lionen Rohingya wurde bereits aus Myanmar vertrieben. Eine Million von ihnen lebt mittlerweile im größten Flüchtlings­lager der Welt, in Kutupalong, Cox’s Bazar, Bangladesch. Die Bevölkerung des Lands gehört, wie die Rohingya selbst, überwiegend der muslimischen Glaubensgemeinschaft an. Aber auch hier sind sie schutz- und rechtlos der Willkür anderer ausgesetzt.

Silvester, an der Küste von Cox’s Bazar. In der Dunkelheit legt geräuschlos ein Holzboot ab. An Bord 74 Menschen aus dem nahe gelegenen Flüchtlingscamp. Sie alle träumen von einem Ort, den sie nur aus den sozialen Medien kennen: Aceh, ihr „Land der Hoffnung“, 2500 Meilen entfernt. Irgendwo hinter der wilden Andamanensee und dem Horizont. 

Muhammad Sufaid, einer der Passagiere, erinnert sich: „Nach einer Woche auf See gab der Motor den Geist auf. Wir trieben 14 Tage ohne Nahrung auf dem Meer und tranken nur Regenwasser. Allen war klar, wir würden sterben. Ich weinte laut.“ Für den 19-Jährigen war es nicht die erste Begegnung mit dem Tod. Nur kreisten diesmal seine Gedanken um das Sterben auf See. Wenn er die Augen öffnete, konnte er kaum mehr sagen, ob er noch lebte oder sich bereits im Jenseits befand.

Als irgendwann tatsächlich Land in Sicht kam, wusste Sufaid, dass er es auch diesmal wieder geschafft hatte. Das Boot nahm Kurs auf die Ufer jenes Lands, auf dem alle Hoffnungen der Passagiere ruhten. Er würde Ende Januar also doch seinen 20. Geburtstag erleben. In Nanggroe Aceh Darussalam, Indonesien.

Sufaid ist einer von Tausenden, die jährlich in Indonesien an Land gehen. Das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) registrierte seit 2023 allein für Aceh die Aufnahme von 3342 Rohingyas. Fast alle kamen auf dem Seeweg. Viele wurden vor der Küste von Fischern aus dem Meer gezogen. Hamid ist einer dieser Fischer. Als Panglima Laot vertritt er die Küstengemeinschaft von Aceh. Er ist eine Respektsperson, sein Wort hat Gewicht, wenn es um die seit Jahrhunderten verwurzelten Werte seiner Kultur geht.

Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte und das Seerecht kennen hier wahrscheinlich die wenigsten, aber Menschlichkeit ist ihnen selbstverständlich. „Es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Jeder, der auf dem Meer Menschen in Not sieht, ist zu ihrer Rettung verpflichtet. Es spielt keine Rolle, wer sie sind und woher sie kommen. Wer Hilfe verweigert, wird bestraft.“ Hamids Antwort auf den Ansturm von Geflüchteten könnte deutlicher nicht sein. Aber er weiß, dass die überlieferten Werte längst ins Wanken geraten sind. 


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mare No. 174

mare No. 174Februar / März 2026

Von Fatris MF

Fatris MF, Jahrgang 1983, lebt in Padang, seiner ­Heimatstadt auf Sumatra. Der indonesische Journalist und Schriftsteller hat sich auf die Berichterstattung über Umwelt und indigene Völker spezialisiert. Im Jahr 2005, nachdem Aceh von einem Tsunami verwüs­tet wurde, besuchte er die Region zum ersten Mal. Damals erzählten ihm die Menschen von Tod und Hoffnungslosigkeit. Ähnliche Geschichten hörte er jetzt von den Rohingya. Er hofft, dass sich die Menschen von Aceh daran erinnern, dass sie vor 20 Jahren selbst in einer schwierigen Lage waren.

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Vita Fatris MF, Jahrgang 1983, lebt in Padang, seiner ­Heimatstadt auf Sumatra. Der indonesische Journalist und Schriftsteller hat sich auf die Berichterstattung über Umwelt und indigene Völker spezialisiert. Im Jahr 2005, nachdem Aceh von einem Tsunami verwüs­tet wurde, besuchte er die Region zum ersten Mal. Damals erzählten ihm die Menschen von Tod und Hoffnungslosigkeit. Ähnliche Geschichten hörte er jetzt von den Rohingya. Er hofft, dass sich die Menschen von Aceh daran erinnern, dass sie vor 20 Jahren selbst in einer schwierigen Lage waren.
Person Von Fatris MF
Vita Fatris MF, Jahrgang 1983, lebt in Padang, seiner ­Heimatstadt auf Sumatra. Der indonesische Journalist und Schriftsteller hat sich auf die Berichterstattung über Umwelt und indigene Völker spezialisiert. Im Jahr 2005, nachdem Aceh von einem Tsunami verwüs­tet wurde, besuchte er die Region zum ersten Mal. Damals erzählten ihm die Menschen von Tod und Hoffnungslosigkeit. Ähnliche Geschichten hörte er jetzt von den Rohingya. Er hofft, dass sich die Menschen von Aceh daran erinnern, dass sie vor 20 Jahren selbst in einer schwierigen Lage waren.
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