Die Ferien des Monsieur Tati

Wie Jacques Tati 1952 einen stillen Badeort zum Schauplatz einer der schönsten Komödien der Filmgeschichte machte

Viel zu kurz, die Hose. Und dieses Hütchen. Wahrscheinlich alles in Rentnerbeige. Der Schlaks in dem kleinen Strandhotel hält seine Koffer ganz fest, als er an der Rezeption steht, den Oberkörper wie zur Andeutung einer Verbeugung nach vorn geneigt. Und so bleibt die Pfeife auch im Mund, als man ihn nach seinem Namen fragt. „Chü-oh.“ – „Wie bitte?“ – „Chüüü-oooh!“ – „Sie gestatten?“ Der Rezeptionist nimmt dem Gast die Pfeife aus dem Mund. „Hulot. H-U-L-O-T.“ Aha. Der Mann hinter der Theke schreibt den Namen ins Meldebuch, stopft die Pfeife und steckt sie Monsieur zurück in den Mund.

Eine Szene von zig in diesem Film und jede ein Gegenstand von Seminaren an Filmakademien. „Les vacances de Monsieur Hulot“, „Die Ferien des Monsieur Hulot“, heißt der Film und Jacques Tati sein Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller. Der Film kommt 1953 in die Kinos, erst in Paris, im Jahr darauf in der halben Welt. Diese Präzision, dieses Timing, diese Technik, sagen Cineasten. Diese feinsinnige Komik, dieser subtile Humor, dieser warme Mutterwitz, klar besser als Chaplin, sagen Fans und Kritiker. Er läuft lange Jahre en suite, ein großer Erfolg, räumt Preise ab in Cannes und bei anderen Festivals, unterliegt beim Oscar für den besten ausländischen Film 1954 knapp gegen „Lohn der Angst“ mit Yves Montand, kurzum: Er macht seinen Schöpfer berühmt – und ein Städtchen an der bretonischen Südküste, Saint-Marc-sur-mer an der Côte d’Amour.

Zum Verlieben ist die Gegend westlich von Saint-Nazaire an der Loiremündung tatsächlich, und Saint-Marc ist so etwas wie das Mauerblümchen unter den Dörfern an dieser herrlichen Küste mit türkisfarbenen Felsenbuchten und kleinen weißen Stränden vor Hängen voller Hortensien. Hübsch, aber viel stiller jedenfalls als das nahe La Baule. Das chice und sehr mondäne Seebad mit dürren Haute-Couture-Damen und ihren Gatten in weißen Tennisanzügen lässt Jacques Tati im frühen Frühjahr 1951 bei der Suche nach dem richtigen Schauplatz für seinen Film links liegen. Tati hatte Dutzenden Bürgermeistern und Fremdenverkehrsämtern französischer Badeorte einen Fragebogen geschickt. Das bescheidene Saint-Marc hat, was er sucht. Hier, das weiß er, wird er einen tollen Sommer erleben.

Der Film erzählt von dem Junggesellen Hulot, einem unbeholfen-ritterlichen langen Lulatsch mit unvergesslicher Silhouette, der wie ein seltsamer Storchenvogel an einem Sommertag in einen Badeort stakst, wo er seine Ferien verbringen will. Er reist in einem absurden Auto an, einem Zweisitzer, der aussieht wie eine Seifenkiste und immer „Rata-katakrack-pif-paf“ von sich gibt. (Das Auto, ein 1924er Salmson, bekam durch den Film eine gewisse Berühmtheit. Man muss annehmen, dass Salmson-Fahrer manch verblüffendes Erlebnis hatten.) Es gibt keine Story und keinen Plot. Was man sieht, sind Episoden von Alltäglichkeiten gelangweilter Mittelklassetouristen, Essen, Kartenspiele, Baden, Tennis, Spaziergänge oder Ausflüge, die der liebenswerte, aber schrecklich ungeschickte Hulot natürlich unabsichtlich durcheinanderbringt. Mit dem Habitus eines ungelenken Hampelmanns scheucht er, wo immer er ist, die Beschaulichkeit auf und streut Sand in die gut geölte Urlaubsmaschinerie. Das Personal des Films ist übersichtlich. Es sind Feriengäste, die sich hier wie selbstverständlich jeden Sommer wiedersehen, Prototypen wie die schöne, seltsam entrückte Blonde, der schnell beleidigte Armeeoffizier a.D., ein altes Schweizer Ehepaar, das stets zuerst zu Tisch sitzt und im Abstand von fünf Metern spaziert, der „businessman“, der mit Familie urlaubt und doch immer und überall Geschäften nachgeht, der eifrig agitierende Jungmarxist, die schrullige englische Witwe, die als Einzige offen Sympathie für den Unglücksraben zeigt, dazu boshafte Kinder, übellaunige Kellner, die übliche Ferienstaffage. „Les vacances …“ kommt mit wenigen Dialogen aus. Wäre er ein Stummfilm, würde er ebensogut funktionieren. Tati verwendet vielmehr Geräusche, mit denen er experimenthaft umgeht, wie dem ewigen „Brrong“ der pendelnden Speisesaaltür im Hotel, dem enervierenden „Tack-tack-tack“ einer Tischtennispartie und eher angedeuteten menschlichen Stimmen. Eingebrannt ins Gedächtnis wird auch das zauberhafte, jazzige Thema von Alain Romans’ „Quel temps fait-il à Paris?“, was in neue Szenen einführt.

Als Tati im Mai 1951 mit seiner Crew in Saint-Marc ankommt, beginnt in dem Dorf ein Sommer, wie es ihn dort noch nie gegeben hat: turbulent, chaotisch und mit einem bisschen Hollywood-Flair. Nicht nur, dass das halbe Dorf involviert ist, als Komparsen, als Kulissenbauer, Zimmervermieter, Boten oder Fahrer. Aus der ganzen Gegend kommen die Menschen, um den Filmleuten bei der Arbeit zuzusehen. Sie lieben Tati ja nicht erst, seit sie in den Zeitungen gelesen haben, er werde eine Komödie über sie selbst, über mesdames et messieurs Tout-le-monde, drehen (was in Frankreich immer gut ankommt). Vor allem erinnern sie sich an ihre gute Laune nach „Jour de fête“ („Tatis Schützenfest“) zwei Sommer zuvor, als sie im Kino Seitenstiche hatten vor lauter Lachen über Tati als trotteliger Briefträger François auf einem Dorffest.


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mare No. 76

No. 76Oktober / November 2009

Von Karl Spurzem

Eine Werkschau aller Tati-Filme in den dritten Programmen Mitte der 1980er Jahre war für mare-Redakteur Spurzem, Jahrgang 1959, damals Student, Anlass zum Kauf eines Videorekorders. Bis heute hütet er die VHS-Kassetten diverser Fassungen von Les vacances … wie seinen Augapfel.

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Vita Eine Werkschau aller Tati-Filme in den dritten Programmen Mitte der 1980er Jahre war für mare-Redakteur Spurzem, Jahrgang 1959, damals Student, Anlass zum Kauf eines Videorekorders. Bis heute hütet er die VHS-Kassetten diverser Fassungen von Les vacances … wie seinen Augapfel.
Person Von Karl Spurzem
Vita Eine Werkschau aller Tati-Filme in den dritten Programmen Mitte der 1980er Jahre war für mare-Redakteur Spurzem, Jahrgang 1959, damals Student, Anlass zum Kauf eines Videorekorders. Bis heute hütet er die VHS-Kassetten diverser Fassungen von Les vacances … wie seinen Augapfel.
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