Die erste Influencerin der Meere

1825 schwimmt die Herzogin von Berry in den Wellen vor Dieppe in der Normandie – und macht das Baden im Meer populär

Für diese Zeremonie hat  Charles-Louis Mourgué feierliche, weiße Handschuhe angezogen. Gespannt steht der medizinische Inspektor des Seebads Dieppe an diesem Hochsommertag 1825 am Strand, während Schaulustige die Promenade säumen und auf niemand Geringeren warten als Maria Carolina, Prinzessin von Bourbon-Sizilien, Herzogin von Berry und Mutter des Thronanwärters Henri d’Artois. 

Die 26-jährige Adlige gilt als Stil­ikone, als ein It-Girl in der Zeit der Restauration nach dem Ende Napoleons. Als Maria Carolina endlich am Strand auftaucht, ist sie so elegant, wie man es schon öfter über sie in den Pariser Modemagazinen nachlesen konnte. Eigens für diesen Tag hat die Herzogin eine Kleidung entwerfen lassen: Sie trägt einen luftigen Mantel, ein dünnes Wollkleid und leichte Stiefel. Begleitet von Mourgué, schreitet Maria Carolina zum Meer. Und dort geschieht das Unglaubliche: Erst läuft der Mediziner voran in die Wellen, dann reicht er der Herzogin die Hand und nimmt sie mit ins kühle Nass – zum Baden, für acht Minuten. Eine europäische Blaublüterin im Meer, so etwas hat die Welt bis dahin nicht gesehen!

Ob sie auch in den Wellen plantscht, ist nicht überliefert, aber der Gang ins Meer amüsiert die Franzosen. „Es ist zum Totlachen“, hält die Schriftstellerin Marie Catherine Sophie de Flavigny in ihren „Erinnerungen“ fest. Und in einem Zeitungsbericht heißt es: „Nach diesem ersten Tag hat jeder wieder seine Freiheit, und die Herzogin badet wie das gemeine Volk.“ Kaum jemand zieht so geschickt die Aufmerksamkeit auf sich wie Maria Carolina, wo auch immer sie auftaucht. Als Tochter des Königs beider Sizilien hat sie ein feines Gespür für Inszenierungen. Sie setzt dabei auf die Mittel ihrer Zeit, auf Journale, Empfänge, Salons, Korrespondenzen, Gemälde. Mit ihrer Show in Dieppe wird sie zu einer Vorreiterin der Strandkultur in Frankreich. Oder, wenn man so will, zur ersten Influencerin in Sachen Badespaß. 

Kurz nach 1800 kommen in Frankreich erste Seebäder auf. Gäste aus England haben die Idee mit über den Ärmelkanal gebracht. Bis dahin galt den Franzosen ein Bad im Meer weniger als Vergnügen denn als angebliche Therapie gegen Hautkrankheiten, Tollwut und „Wahnsinn“. In Begleitung von Ärzten stapften die Patienten in den Ärmelkanal und tauchten im Salzwasser unter. Zu einer Heilung führte die Prozedur allenfalls zufällig.

Dieppe lässt sich von Paris aus vergleichsweise rasch erreichen, mit der Postkutsche in 15 Stunden. Zwar ist das Meer für die meis­ten Menschen ein fremdes, unberechenbares Element, und kaum jemand kann schwimmen, aber darum geht es nicht: Der Adel will im Juli und August der Hitze der Hauptstadt ent­fliehen. Noch gilt die Sommerfrische in einem Seebad als Geheimtipp für Betuchte. Um den Ort besser vermarkten zu können, gründen lokale Geschäftsleute 1822 die „Société Anonyme des Bains de Mer de Dieppe“. Sie errichten am Strand einen Badekomplex und werben in Paris für Gäste aus dem Hochadel.

Dass sie die Herzogin von Berry für einen Aufenthalt gewinnen, erweist sich als Glücksfall. Mit ihrer Entourage bleibt sie sechs Wochen und zeigt sich dabei aller Welt: Morgens frühstückt sie auf einem ihr zur Verfügung gestellten Kutter, nachmittags besucht sie Konzerte, tauft Schiffe, einmal auch einen Obelisken, ein anderes Mal eine Brücke. Abends sieht man sie plaudernd in einem Salon oder tanzend auf einem Ball. Es ist bester Erzählstoff für die satirischen Klatschblätter. 

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mare No. 175

mare No. 175April / Mai

Von Dirk Liesemer

In seiner Kindheit war unser Autor Dirk Liesemer, einmal in der Normandie. Mehr als die Strandbäder fesselten ihn die Schiffsreste aus dem Zweiten Weltkrieg vor der Küste. Er wollte sie bei Ebbe am liebs­ten erkunden, was ihm jedoch sein Vater verbot.

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Vita In seiner Kindheit war unser Autor Dirk Liesemer, einmal in der Normandie. Mehr als die Strandbäder fesselten ihn die Schiffsreste aus dem Zweiten Weltkrieg vor der Küste. Er wollte sie bei Ebbe am liebs­ten erkunden, was ihm jedoch sein Vater verbot.
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Vita In seiner Kindheit war unser Autor Dirk Liesemer, einmal in der Normandie. Mehr als die Strandbäder fesselten ihn die Schiffsreste aus dem Zweiten Weltkrieg vor der Küste. Er wollte sie bei Ebbe am liebs­ten erkunden, was ihm jedoch sein Vater verbot.
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