Der Wurm drin

Eine Weltkarte aus dem Jahr 1440 zeigt Nordamerika – gut 50 Jahre vor seiner Entdeckung durch Kolumbus. Wie ist das möglich?

Das Datum ist eine Provokation. Ausgerechnet am 11. Oktober 1965, einen Tag vor der jährlichen Feier des Kolumbustags, präsentiert die US-Universität Yale eine sensationelle Weltkarte. Dargestellt ist darauf eine Insel namens Vinilanda Insula, die vor Nordamerikas Ostküste liegt und Neufundland ähnlich sieht. Daneben steht in alter Schrift, das Eiland sei von Bjarni und Leif gesichtet worden. Die Karte, berichten die Forscher freudig, sei um 1440 entstanden. Sollte sie echt sein, wäre damit bewiesen, dass die Existenz der Neuen Welt in Europa mindestens ein halbes Jahrhundert vor Kolumbus’ Reise bekannt war.

Erstmals hatte die Hochschule 1957 von der Existenz der Karte erfahren; damals war noch unbekannt, dass die Wikinger im Jahr 1000 auf Neufundland eine Siedlung errichtet hatten. Einzig Islands Sagaliteratur berichtete von Leif Erikssons Atlantikfahrt zur Küste Vinlands. Aber kaum jemand nahm diese Geschichte beim Wort. Und wo überhaupt lag dieses Land?

Der Antiquar Laurence Witten, ein Yale-Absolvent, hatte die Karte seiner Alma Mater präsentiert. Sie befand sich auf der Aufschlagseite eines Buchs, das eine Abschrift der legendären „Hystoria Tartarorum“ enthält. Darin geht es um die Reise eines Franziskaners zu den Mongolen im 13. Jahrhundert. Allem Anschein nach soll die Karte diese Reise illustrieren. Im Zentrum wird deshalb das riesige Reich der Mongolen dargestellt, ferner Europa und Nordafrika sowie am linken Rand drei Inseln im Nordatlantik: Island, Grönland und eben Vinland. Während die ersten beiden Eilande Mitte des 15. Jahrhunderts bekannt sind, war Vinland nie zuvor auf einer Karte verzeichnet gewesen. Neben der Insel befindet sich eine Erläuterung auf Latein, in der es heißt: „Vinlanda Insula a Byarno repa et leipho socijs“, also „Die Insel Vinland, entdeckt von Bjarni zusammen mit Leif“. Es sieht alles nach einem Beweis dafür aus, dass Nordmänner die Neue Welt entdeckt haben.

Doch die Universität zögert mit dem Ankauf. Denn Witten will nicht verraten, woher er die Karte hat. Immerhin lässt sich das Alter des Papiers bestimmen, auf dem die „Hystoria Tartarorum“ geschrieben ist: Jedes Blatt enthält als Wasserzeichen einen Ochsenkopf. Solch ein Zeichen, so steht es in einem Referenzbuch für Antiquare, wurde 1441 verwendet. Während die Abschrift bald als authentisch gilt, bleibt die Karte umstritten: Sie ist nämlich auf eine Tierhaut ohne Wasserzeichen gezeichnet.

Gehören Karte und Abschrift überhaupt zusammen? Dafür spricht, dass die Vinlandkarte stark an eine Karte des venezianischen Seefahrers Andrea Bianco von 1436 erinnert, die damit nur wenige Jahre älter ist. Bei der Vinlandkarte dürfte es sich demnach also um eine Kopie handeln, die nur um einige Details – etwa die Insel Vinland – ergänzt wurde.
Allerdings gibt es Merkwürdigkeiten. So sind Karte und Abschrift von Wurmlöchern durchbohrt. Klappt man Karte und Abschrift jedoch zusammen, dann liegen die Löcher nicht aufeinander, sondern sind zueinander versetzt. Während man noch rätselt, bietet ein britischer Buchhändler namens Irving Davis der Universität ein weiteres Manuskript an: eine Abschrift des „Speculum historiale“, einer Geschichte der Menschheit, die mit der Vertreibung aus dem Paradies beginnt und im Jahr 1244 endet. Auffälligerweise enthält auch dieses Manuskript einige Wurmlöcher – und bald entdeckt Witten, dass alles perfekt zusammenpasst: Die Weltkarte lag oben, darunter befand sich die Abschrift „Speculum historiale“ und zuunterst die „Hystoria Tartarorum“.

 
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mare No. 144

mare No. 144Februar / März

Von Dirk Liesemer

Dirk Liesemer, Jahrgang 1977, freier Autor in München, hat sich schon häufiger mit fehlerhaften Karten befasst, etwa in seinem „Lexikon der Phantominseln“ (mareverlag). Aber wie intensiv die Vinlandkarte bis heute erforscht wird, hat ihn verblüfft.

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Vita Dirk Liesemer, Jahrgang 1977, freier Autor in München, hat sich schon häufiger mit fehlerhaften Karten befasst, etwa in seinem „Lexikon der Phantominseln“ (mareverlag). Aber wie intensiv die Vinlandkarte bis heute erforscht wird, hat ihn verblüfft.
Person Von Dirk Liesemer
Vita Dirk Liesemer, Jahrgang 1977, freier Autor in München, hat sich schon häufiger mit fehlerhaften Karten befasst, etwa in seinem „Lexikon der Phantominseln“ (mareverlag). Aber wie intensiv die Vinlandkarte bis heute erforscht wird, hat ihn verblüfft.
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