Es sind kalte zwei Grad, am Nachthimmel steht der Große Wagen. Die Loire fließt breit und leise dahin. Stille wie in der Tiefsee. Wäre da nicht Yann Taillandier, der an Bord seines Fischerboots „Libertalia“ hin und her hastet. Er schleppt Plastikwannen und Schläuche, hakt Fender ein. Das Boot läuft auf Autopilot und kämpft sich stromaufwärts.
Der drahtige Franzose, gelb-blaue Strickmütze, kurze Winterjacke, ist auf dem Weg zur großen Brücke vor Nantes. Dort will er Glasaale fangen, die jungen Aale. Es ist jetzt drei Uhr nachts – und genau das ist das Problem: Taillandier hat verschlafen, eine Stunde. Jetzt hechtet er ins winzige Führerhaus und drückt den Gashebel so schnell nach vorn, dass ein Ruck die „Libertalia“ durchfährt. „Mann, wie mich das ärgert!“, flucht er.
Warum, das erklärt sich, als er wenige Minuten später die ersten zwei Netze aus dem Wasser zieht. Sie sind prall gefüllt mit Glasaalen. Durchsichtige Wesen, nur wenige Zentimeter lang. So zierlich und verletzlich, dass Taillandier sie sofort aus den Netzen in die Wannen gießt, damit sie sich nicht gegenseitig zerdrücken. „Es sind super Bedingungen“, schimpft der Fischer. Nur zwei Stunden hat er noch, dann verschwinden die Glasaale wieder in die Tiefen der Loire. Der Preis des Verschlafens: rund 1500 Euro entgangener Umsatz.
Was Taillandier mit beachtlicher Zielstrebigkeit aus dem Fluss zieht, ist so begehrt, dass Behörden inzwischen von einem der lukrativsten Tiere im internationalen Fischgeschäft sprechen. Denn die Rechnung geht so: Ein Kilogramm Glasaale entspricht rund 3000 Tieren. Die wiederum lassen sich mästen und später als geräucherter Aal verkaufen – ein marktreifes Tier wiegt im Schnitt 200 Gramm. Bei einem Preis von 80 Euro je Kilo kann man im besten Fall auf einen Umsatz von 48 000 Euro kommen.
So ist es wenig überraschend, dass inzwischen Kriminelle dieses seltsame Lebewesen entdeckt haben. Der Europäische Aal (Anguilla anguilla) ist so begehrt, dass er im großen Stil geschmuggelt wird – von Europa nach Asien. Selbst die chinesische Mafia soll mitmischen. Welcher Fisch schafft es schon sonst auf den Speiseplan organisierter Kriminalität? Behörden sprechen vom größten Wildtierverbrechen auf dem Planeten.
Dieser sich windende Fisch, von dem Aristoteles im vierten Jahrhundert vor Christus leichtfertig dozierte, er werde „aus Schlamm geboren“, fasziniert die Menschheit seit Jahrtausenden. Im antiken Ägypten galt er als heilig; selbst auf wiederentdeckten Fresken in Pompeji finden sich feine Aalzeichnungen. Noch heute wird ihm mit eigenen Festen gehuldigt, etwa an der schwedischen Aalküste bei Åhus. Hier feiert eine letzte Generation der Aalfischer im Spätsommer Ålagille, das Aalfest – nach jahrhundertealter Tradition. Die Spielregeln: vier verschiedene Aalgerichte (geräuchert, gebraten, gekocht, in Suppe), Bier, Schnaps – und viele Geschichten über den Aal.
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Marlies Uken, Jahrgang 1977, Autorin in Berlin, telefonierte mit Aale-Dieter, dem legendären Marktschreier vom Hamburger Fischmarkt. Auch er verkaufe inzwischen weniger Aale – der Fisch sei schlicht zu teuer geworden.
Florian Sulzer, geboren 1994, lebt als freier Fotograf in Wien. Seit 2021 folgt er dem Europäischen Aal quer durch Europa.
| Vita | Marlies Uken, Jahrgang 1977, Autorin in Berlin, telefonierte mit Aale-Dieter, dem legendären Marktschreier vom Hamburger Fischmarkt. Auch er verkaufe inzwischen weniger Aale – der Fisch sei schlicht zu teuer geworden. Florian Sulzer, geboren 1994, lebt als freier Fotograf in Wien. Seit 2021 folgt er dem Europäischen Aal quer durch Europa. |
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| Person | Von Marlies Uken und Florian Sulzer |
| Vita | Marlies Uken, Jahrgang 1977, Autorin in Berlin, telefonierte mit Aale-Dieter, dem legendären Marktschreier vom Hamburger Fischmarkt. Auch er verkaufe inzwischen weniger Aale – der Fisch sei schlicht zu teuer geworden. Florian Sulzer, geboren 1994, lebt als freier Fotograf in Wien. Seit 2021 folgt er dem Europäischen Aal quer durch Europa. |
| Person | Von Marlies Uken und Florian Sulzer |