Wer Hummer nur als feine Speise betrachtet, sollte nicht vergessen, wie er gemeinhin zubereitet wird. Der junge Samuel Beckett (1906–1989) spitzt eine frühe Erzählung auf dessen tragisches Ende zu, das lebend gekochte Schalentier wird zur existenzialistischen Sinnfrage. Ob Pablo Picasso (1881–1973) jene Geschichte kannte, in der auch eine Katze eine Rolle spielt? Bei Beckett wähnt sie im Paket des Fischhändlers ihre Beute, Picasso hat als alternder Künstler mit lockerer Hand auf die Leinwand geworfen, wie ein solches Kräftemessen wohl ausgegangen wäre. Auch Alice, die Lewis Carroll (1832–1898) auf eine legendäre Reise durchs Wunderland schickte, denkt bei Hummer zunächst ans Essen, wird aber von der falschen Schildkröte und dem Greif eines Besseren belehrt: Sie singen und tanzen für sie das Hummerballett, dessen wesentlicher Bestandteil es ist, die Hummer zurück ins Meer zu werfen. mw
Lewis Carroll
Aus: „Alice im Wunderland“
Zu der Schnecke sprach ein Weißfisch: „Kannst
du denn nicht schneller gehen?
Siehst du denn nicht die Schildkröten und die
Hummer alle stehn?
Hinter uns da kommt ein Meerschwein, und es
tritt mir auf den Schwanz;
Und sie warten an dem Strande, daß wir
kommen zu dem Tanz.
Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst
du kommen zu dem Tanz?
Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst
du kommen zu dem Tanz?“
„Nein, du kannst es nicht ermessen, wie so
herrlich es wird sein,
Nehmen sie uns mit den Hummern, werfen uns
in’s Meer hinein!“
Doch die Schnecke tät nicht trauen. „Das gefällt
mir doch nicht ganz!
Viel zu weit, zu weit! ich danke – gehe nicht mit
euch zum Tanz!
Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, kann
nicht kommen zu dem Tanz!
Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, mag
nicht kommen zu dem Tanz!“
Und der Weißfisch sprach dagegen: „’s kommt ja
nicht drauf an, wie weit!
Ist doch wohl ein andres Ufer, drüben auf der
andren Seit’!
Und noch viele schöne Küsten gibt es außer
Engelland’s;
Nur nicht blöde, liebe Schnecke, komm’
geschwind mit mir zum Tanz!
Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst
du kommen zu dem Tanz?
Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst
nicht kommen zu dem Tanz?“
Samuel Beckett
Aus: „Dante und der Hummer“
Seine Tante stand im Garten und hegte alle Blumen, die zu dieser Jahreszeit verdorren. Sie umarmte ihn, dann stiegen sie zusammen hinunter in den Schoß der Erde, die Küche im Souterrain. Sie nahm ihm das Päckchen ab, schnürte es auf, und jäh lag der Hummer auf dem Tisch, dem Wachstuch, hüllenlos.
„Er ist garantiert frisch“, sagte Belacqua.
Plötzlich sah er das Wesen und geschlechtslose Geschöpf sich regen. Es veränderte unzweifelhaft die Lage. Seine Hand fuhr zum Mund.
„Verdammter Mist“, sagte er, „er lebt noch.“
Seine Tante betrachtete den Hummer. Wieder zuckte er in einer schwachen Lebensregung auf dem Wachstuch. Über ihn gebeugt, sahen sie auf seine preisgegebene Kreuzgestalt hinunter. Er erschauerte von Neuem. Belacqua spürte, wie ihm übel wurde.
„Um Gotteswillen“, wimmerte er, „er lebt noch, was machen wir jetzt bloß?“
Die Tante musste herzlich lachen. Geschäftig lief sie in die Speisekammer, während er weiter auf den Hummer stierte; als sie zurückkam, hatte sie sich eine schmucke Schürze umgebunden und die Ärmel hochgekrempelt, die Zielstrebigkeit in Person.
„Nun“, sagte sie, „das will ich auch stark hoffen.“
„Von heute früh bis jetzt“, murmelte Belacqua. Dann gewahrte er ihre scheußlichen Gerätschaften. „Was hast du vor?“ rief er.
„Abkochen, den Kerl“, sagte sie, „was sonst?“
„Aber er ist noch nicht tot“, lehnte sich Belacqua auf, „so kann man ihn nicht kochen.“
Sie sah ihn verdutzt an. Hatte er den Verstand verloren?
„Sei nicht kindisch“, sagte sie scharf, „Hummer kocht man immer lebend. Das ist nun einmal so.“ Sie packte den Hummer und legte ihn auf den Rücken. Er zitterte. „Sie spüren nichts“, sagte sie.
In den Tiefen des Meeres war er in den fühllosen Kübel getappt. Noch stundenlang hatte er verstohlen inmitten seiner Feinde Luft geschöpft. Er hatte die Katze der Französin wie Belacquas hirnlosen Klammergriff überstanden. Jetzt wurde er im siedenden Wasser zu Tode gebrüht. Es ging nicht anders. Nimm meinen leisen Odem in den Wind.
Belacqua sah ihr in das alte, pergamentene Gesicht, grau im Dämmerlicht der Küche.
„Du quengelst“, sagte sie, „machst mich nervös, und dann beim Essen stürzt du dich darauf.“
Sie lüpfte den Hummer vom Tisch. Er hatte noch knapp dreißig Sekunden zu leben.
Nun ja, dachte Belacqua, es ist ein rascher Tod, Gott steh uns allen bei.
Von wegen rasch.
Bild:
Pablo Picasso
„Le homard et le chat“, 1965,
Öl auf Leinwand, 73 mal 92 Zentimeter, Solomon R. Guggenheim Museum, New York
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