Der Bulle und die Wellen

Im vergangenen Juni starb ein Großer des Wellenreitens, ein Pionier des Big-Wave-Surfens: der Amerikaner Greg Noll. Ein Nachruf

In memoriam Greg Noll, Big-Wave-Pionier, 1937–2021

Am 22. Dezember 1943 paddelten Woody Brown und Dickie Cross auf ihren Surfbrettern vom Sunset Beach an der North Shore von Oahu hinaus aufs Meer. Die ohnehin schon heftige Brandung nahm rapide zu, und bald hatten die Wellen furchteinflößende Dimensionen. Die stärkste Brandung seit Jahren. Dann begannen die Wellen auf voller Länge zu brechen und so zuzumachen – ein Closeout, der sie unsurfbar machte. Damit war es Cross und Brown unmöglich geworden, sicher zum Strand zu surfen, und die abziehenden Riesenwellen hatten den Channel, über den sie hinter die Brandung gepaddelt waren, in eine gewaltige Rippströmung verwandelt, durch die sie nicht wieder zurückkamen. Sie saßen fest. Knapp einen Kilometer vom Land entfernt. Dann hatten sie einen genialen Einfall: Wir paddeln in der Waimea Bay an Land.

Die North Shore war damals weitgehend Aqua incognita. Es war erst wenige Jahrzehnte her, dass Einheimische wie Duke Kahanamoku das Surfen in Hawaii hatten aufleben lassen, auch sie surften vor allem an kleineren Breaks wie Wai­kiki an der Südküste von Oahu. Doch im Winter gibt es an der South Shore ­keine richtige Brandung. Darum hatten sich Brown und Cross ja überhaupt zur North Shore aufgemacht. Ihnen war langweilig. 

Die Langeweile war verflogen, als sie sich paddelnd über 15 Meter hohe Wellen kämpften, um zum fünf Kilometer entfernten Waimea zu gelangen und dort, so hofften sie, sicher an Land zu kommen. In Waimea mussten sie allerdings feststellen, dass die Brandung gigantisch und ebenfalls dicht war. Und zwar über die gesamte Bucht hinweg. Inzwischen wurde es dunkel. Im Dämmerlicht und zwischen den Monsterwellen verloren sie ihre Bretter. Nun mussten sie schwimmen. Brown wurde an Land gespült und überlebte knapp. Dickie Cross verschwand einfach; seine Leiche wurde nie gefunden. 

14 Jahre später hatte immer noch niemand Waimea Bay gesurft. Zum einen, weil sich die Wellen hier nur selten brachen. Dazu musste schon ein Wintersturm über den Nordpazifik angerast kommen, und der brachte dann Albtraumbrecher, die nicht aussahen, als könne man sie surfen. In der Bucht gab es angeblich Haie und einen fiesen Rückstrom, der einen aufs Meer hinaus reißen konnte – man munkelte sogar, dass Waimea Bay mit einem alten hawaiianischen Fluch belegt war. Um den Ort rankten sich Tabus, eine selbstmörderische Aura haftete ihm an. 

Doch der junge Kalifornier Greg Noll ließ sich dadurch nicht allzu sehr beeindrucken. Drei Jahre lang war er mit seinen Kumpel auf dem Weg nach Sunset Beach schon an Waimea vorbeigekommen. Wenn es Wellen gab, hielten sie an, und Noll ­versuchte die anderen zu überreden, es einfach einmal zu wagen. Doch niemand wollte. An einem Novembertag im Jahr 1957 war es dann so weit. „Ich schnappte mir schließlich mein Brett vom Auto und tat es“, so Noll. Sein Freund Mike Stange kam mit. Die beiden paddelten hinaus, Noll erwischte die erste Welle, und als die Jungs am Strand sahen, dass er noch lebte, paddelten auch sie hinaus. 

Greg Noll, der erste Mensch, der Waimea surfte – so hieß es in jedem Nachruf auf ihn. Wie bei Neil Armstrong, dem ersten Menschen auf dem Mond. Der Vergleich ist gar nicht so weit hergeholt, denn es heißt, die Nasa hätte einst Big-Wave-Surfer als Astronauten für ihr frisch gestartetes Weltraumprogramm ins Auge gefasst. Das mag nur eine Legende sein, aber doch vorstellbar, denn dieser Typ Surfer war nicht nur körperlich und psychisch außergewöhnlich belastbar, sondern auch bereit, dorthin vorzustoßen, wo sich sonst niemand hinwagte, und „es zu tun“, um Nolls lakonische Formulierung zu bemühen. 

Aus dem Amerikanischen von Julia Ritter

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mare No. 148

mare No. 148Oktober / November

Von Kevin McAleer

Kevin McAleer, 1961 in Santa Monica, Kalifornien, geboren, lebt und arbeitet heute als Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Er ist der Verfasser des Romans Surferboy (deutsche Erstausgabe mareverlag, 2015), und im Oktober erscheint sein neuester Roman „POSTDOC. The Foreign and Other Misadventures of a Ne’er-Do-Well Scholar“ bei PalmArtPress.

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Vita Kevin McAleer, 1961 in Santa Monica, Kalifornien, geboren, lebt und arbeitet heute als Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Er ist der Verfasser des Romans Surferboy (deutsche Erstausgabe mareverlag, 2015), und im Oktober erscheint sein neuester Roman „POSTDOC. The Foreign and Other Misadventures of a Ne’er-Do-Well Scholar“ bei PalmArtPress.
Person Von Kevin McAleer
Vita Kevin McAleer, 1961 in Santa Monica, Kalifornien, geboren, lebt und arbeitet heute als Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Er ist der Verfasser des Romans Surferboy (deutsche Erstausgabe mareverlag, 2015), und im Oktober erscheint sein neuester Roman „POSTDOC. The Foreign and Other Misadventures of a Ne’er-Do-Well Scholar“ bei PalmArtPress.
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