Geister des Wassers: Frühen Seefahrern erschienen Meerestiere als schaurige Ungeheuer; auch der New Yorker Künstler Robert Longo (geb. 1953) nannte seine Serie gewaltiger Wellenformationen „Monsters“. Die Macht des Elements verfinstert sich bei Heinrich Heine (1797–1856) zu metaphernschwerer Poesie, der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger (geb.1955) dagegen schrieb sich das Grauen prosaisch von der Seele, um weiter arbeiten zu können. Er hat 2004 mit seiner Familie in Thailand den Tsunami überlebt. mw
Heinrich Heine
Sturm
Es wütet der Sturm,
Und er peitscht die Wellen,
Und die Welln, wutschäumend und bäumend,
Türmen sich auf, und es wogen lebendig
Die weißen Wasserberge,
Und das Schifflein erklimmt sie,
Hastig mühsam,
Und plötzlich stürzt es hinab
In schwarze, weitgähnende Flutabgründe –
O Meer!
Mutter der Schönheit, der Schaumentstiegenen!
Großmutter der Liebe! Schone meiner!
Schon flattert, leichenwitternd,
Die weiße, gespenstische Möwe,
Und wetzt an dem Mastbaum den Schnabel,
Und lechzt, voll Fraßbegier, nach dem Herzen,
Das vom Ruhm deiner Tochter ertönt
Und das dein Enkel, der kleine Schalk,
Zum Spielzeug erwählt.
Vergebens mein Bitten und Flehn!
Mein Rufen verhallt im tosenden Sturm,
Im Schlachtlärm der Winde.
Es braust und pfeift und prasselt und heult,
Wie ein Tollhaus von Tönen!
Und zwischendurch hör ich vernehmbar
Lockende Harfenlaute,
Sehnsuchtwilden Gesang,
Seelenschmelzend und seelenzerreißend,
Und ich erkenne die Stimme.
Fern an schottischer Felsenküste,
Wo das graue Schlößlein hinausragt
Über die brandende See,
Dort, am hochgewölbten Fenster,
Steht eine schöne, kranke Frau,
Zartdurchsichtig und marmorblaß,
Und sie spielt die Harfe und singt,
Und der Wind durchwühlt ihre langen Locken
Und trägt ihr dunkles Lied
Über das weite, stürmende Meer.
Josef Haslinger
Aus: Phi Phi Island
die menschen am pool schauten zum meer hinaus, weil es sich bei flut zurückgezogen hatte. das wasser war am horizont kaum noch wahrnehmbar. die schnellboote, die in einiger entfernung zum strand vor anker lagen, um auch bei ebbe noch wasser unter dem kiel zu haben, lehnten nun in schräglage auf dem meeresboden. draußen waren die
korallenriffe bloßgelegt. die menschen wunderten sich über dieses seltsame schauspiel, sie fotografierten es. nach einigen minuten sah man in der ferne das meer zurückkommen. ein silbernes band am horizont, das schnell näher kam, jedenfalls deutlich schneller als die üblichen meereswellen. mittlerweile ist die geschwindigkeit dieser welle berechnet worden. sie war mit 320 stundenkilometern durch das andamanische meer gerast und im flachen meeresboden vor phi phi island auf fünfzig stundenkilometer abgebremst worden. hinten drückte jedoch das wasser in der anfangsgeschwindigkeit nach. in der folge wurde die flache welle von ursprünglich fast hundert kilometer länge immer kürzer und dabei zu einem stetig wachsenden berg zusammengedrückt. was die menschen am pool sahen, war nur der vordere ausläufer der welle, eine art wildwasserwalze, die den sandboden der bucht durchpflügte.
dieser braune, mit sedimenten durchsetzte gischtstreifen wuchs, als er sich in die lohdalumbucht hereinwälzte, auf eine länge von etwa zweihundert metern an, aber der anfang, also das, was unmittelbar auf den strand zukam, war kaum zwei meter hoch. aus der entfernung gesehen, wirkte das nicht bedrohlich. was die menschen am strand und am pool nicht gleich wahrnehmen konnten, da es sich vom üblichen anblick des meereshorizonts kaum unterschied, war die schräge oberfläche des hinter dem schäumenden anfang nachdrückenden wassers. der pegel stieg beständig an, bis zu einer höhe von sechseinhalb metern über dem gewohnten niveau bei flut.
drei urlauber liefen zu ihren schnellbooten. die welle drückte vorweg etwas wasser herein, das die boote hob, die drei starteten die motoren und fuhren mit vollgas auf die welle zu. zwei boote schafften es, hinaufzufahren, das andere wurde zur seite gerissen und von den wassermengen überrollt. die menschen am pool hielten den atem an. nicht wegen der welle, sondern wegen des bootsfahrers. weder von ihm noch vom boot war noch etwas zu sehen.
da erst merkten die badegäste am strand die gefahr und begannen zu laufen, gleich darauf kenterte eines der anderen boote, das es schon geschafft zu haben schien. es kam in der durchwirbelten gischt mit dem bug unter wasser und verschwand. oben am pool bestand, wie es schien, keine gefahr. die menschen redeten über die möglicherweise vor ihren augen ertrunkenen bootsbesitzer – beobachteten, was weiter
geschehen würde.
Bild:
Robert Longo
„Untitled (Dragon’s Head)“, 2001, 208 mal 168 Zentimeter, Kohle auf Karton, im Besitz des Künstlers
| Vita | mare-Kulturredaktion |
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