Das Meer im Kopf

Seit sie vor dem IS übers Meer geflohen sind, fürchten sie das ­Wasser. Drei jesidische Mädchen versuchen in Wolfsburg, das Schwimmen zu lernen, um ihre Angst zu überwinden

Als Hanan vor vier Jahren zum ersten Mal das Meer sah, dachte sie, sie stirbt gleich. Das Meer war so groß, so endlos, so viele Wellen, um sie herum nichts als Wasser, sie hatte nie zuvor das Meer gesehen, nie einen Fuß ins Wasser gesetzt. Im Schlauchboot war es eng, sie konnte sich nicht rühren, überall Menschen, Hände, Arme, Beine, Füße. Hanan schloss die Augen, die ganze Fahrt über hielt sie ihren Kopf starr auf den Boden gerichtet, nur einmal hob sie ihn kurz, und als sie nur Blau sah, blickte sie schnell wieder auf den Boden.

Als kleines Kind hat sie immer die Augen zugemacht, damit das, wovor sie sich fürchtete, verschwand, und so sah sie nicht, wie nach einiger Zeit die Umrisse von Häusern hinter Wellenbergen auftauchten, wieder versanken und wieder auftauchten, höher und höher sich über den Horizont er­hoben, bis nur noch Land vor ihnen lag, Land! Griechenland.

Hanan konnte nicht schwimmen und dachte auch nie daran, es lernen zu wollen, bis Günter Schütte von der Flüchtlingshilfe Wolfsburg sie im Flüchtlingsheim am Mittelland­kanal ansprach.

So erfuhr er, dass Hanan und ihre Familie ­Jesiden sind und im kurdischen Teil Iraks lebten. Dass der IS Jagd auf Jesiden machte, in ihre Dörfer einfiel, die Männer tötete, die Frauen vergewaltigte und versklavte und die Kinder verkaufte. Dass Hanan und ihre Mutter, drei kleine Schwestern, ein Bruder und eine Großmutter mit dem Boot nach Griechenland und dann weiter nach Deutschland geflohen waren. Dass dort, wo sie herkommen, dem Sindschargebirge, dem trockenen Teil Kur- dis­tans im Norden Iraks, man überhaupt wenig Wasser kennt. Und deshalb ist er mit Hanan und zwei Schwestern an den Tankumsee bei Gifhorn gefahren. Doch die Mädchen bekamen große Angst, als sie das Wasser sahen, sie wollten nicht einmal die Füße ins Wasser halten. „Wollt ihr nicht schwimmen lernen?“, fragte Günter Schütte.

Schütte, 67 Jahre alt, pensionierter Sportlehrer und schwimmbegeistert, lud die drei Mädchen ins Hallenbad Sandkamp ein, wo er, unterstützt von anderen ehrenamtlichen Schwimmbegeisterten, Schwimmkurse für Flüchtlinge veranstaltete. Zu Beginn traute sich Hanan kaum ins Wasser. Sie klammerte sich ans Geländer und vermied es, nach vorn zu schauen, denn das Wasser erinnerte sie aus dieser ­Perspektive an das Meer. Sie wollte nur mit abgewandtem Blick schwimmen lernen. Also sagte Günter Schütte: „Leg dich auf den Rücken, entspanne dich und versuche, den Auftrieb des Wassers zu genießen.“ Und Hanan legte sich auf den Rücken und ihre Hände krallten sich wie Schraubstöcke an ihren Schwimmlehrer, „nicht loslassen, nicht loslassen“, rief sie.

Heute kann sie sich im Hallenbad auf den Rücken legen, sich treiben lassen und sich entspannen. Wenn das Wasser ruhig und still ist, dann ist sie es auch. Sie blickt dann nach oben und sieht die Decke der Schwimmhalle, und ihr ist, als könne sie durch sie hindurch­blicken, denn die Decke ist dünn und ihre Augen sind stark. Sie richtet ihren Blick auf den Himmel, in die Wolken, und wenn es dunkel ist, in die Schwärze hinein, und kann, so erzählt sie es, über die Schwärze, ja sogar über die Sterne hinaus, in eine neue Schwärze sehen, und sieht, während sie hineinblickt, ganz eindeutig, die Berge, als sie marschierten, sieht ihren kleinen Bruder, der weinte, sieht ihre Großmutter, die ihr Bein unter Schmerzen nachzog, ­erinnert sich an die Tage, als sie auf der Straße schliefen. „Und an die heißen Sommernächte, als wir auf dem Dach unseres Hauses in Borek übernachtet haben. Das haben Sulin, Helin und ich immer gemacht, damals in unserem Heimatdorf“, sagt Hanan.

Und dann ruft sie jemand, aber sie kann dort, wo sie ist, nichts hören und von dort, wo sie ist, nicht schnell zurück. Nach und nach treten die Dinge der Schwimmhalle ins Bewusstsein, gewinnen Land in ihrer Welt, die eben noch schwankend, weich, unscharf war. Die Decke mit dem Muster, die Geräusche der Kinder, der Lärm, das Schwimmbad. Das Leben, in dem sie jetzt ist. Wenn sie von früher erzählt, von ihrem Leben im Sindschargebirge, von ihrer Flucht und ihrer Ankunft in Deutschland, dann verstummt sie manchmal, und in die Stille hinein ergreift eine Schwester das Wort und trägt die Erzählung weiter. Alle drei Schwes­tern haben das Gleiche erlebt und auch wieder nicht, denn was für die eine zu schmerzhaft ist, darüber kann die andere reden, und was die eine verdrängt, ist für die andere aussprechbar.

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mare No. 133

No. 133April / Mai 2019

Von Dimitri Ladischensky und Diana Markosian

Dimitri Ladischensky, Jahrgang 1972, mare-Redakteur, war erstaunt, wie angstfrei die drei Mädchen sind, als er mit ihnen die Wolfsburger Kirmes besuchte. Er war der Einzige, der sich nicht in die Achterbahn traute.

Diana Markosian, Jahrgang 1989, Magnum-Fotografin, erforscht das zutiefst Persönliche, von der Dokumentation des Lebens junger tschetschenischer ­Mädchen über ihre eigene Begegnung mit ihrem entfremdeten Vater bis zu einem Film über die Überlebenden des armenischen Genozids von 1915. Ihre Arbeiten sind in Publikationen wie „National Geographic Magazine“, „The New Yorker“ und „The New York Times“ zu finden. Die Termine für die Wolfsburger Schwimmkurse finden sich auf der Website www.fluechtlingshilfe-wolfsburg.de.

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Vita Dimitri Ladischensky, Jahrgang 1972, mare-Redakteur, war erstaunt, wie angstfrei die drei Mädchen sind, als er mit ihnen die Wolfsburger Kirmes besuchte. Er war der Einzige, der sich nicht in die Achterbahn traute.

Diana Markosian, Jahrgang 1989, Magnum-Fotografin, erforscht das zutiefst Persönliche, von der Dokumentation des Lebens junger tschetschenischer ­Mädchen über ihre eigene Begegnung mit ihrem entfremdeten Vater bis zu einem Film über die Überlebenden des armenischen Genozids von 1915. Ihre Arbeiten sind in Publikationen wie „National Geographic Magazine“, „The New Yorker“ und „The New York Times“ zu finden. Die Termine für die Wolfsburger Schwimmkurse finden sich auf der Website www.fluechtlingshilfe-wolfsburg.de.
Person Von Dimitri Ladischensky und Diana Markosian
Vita Dimitri Ladischensky, Jahrgang 1972, mare-Redakteur, war erstaunt, wie angstfrei die drei Mädchen sind, als er mit ihnen die Wolfsburger Kirmes besuchte. Er war der Einzige, der sich nicht in die Achterbahn traute.

Diana Markosian, Jahrgang 1989, Magnum-Fotografin, erforscht das zutiefst Persönliche, von der Dokumentation des Lebens junger tschetschenischer ­Mädchen über ihre eigene Begegnung mit ihrem entfremdeten Vater bis zu einem Film über die Überlebenden des armenischen Genozids von 1915. Ihre Arbeiten sind in Publikationen wie „National Geographic Magazine“, „The New Yorker“ und „The New York Times“ zu finden. Die Termine für die Wolfsburger Schwimmkurse finden sich auf der Website www.fluechtlingshilfe-wolfsburg.de.
Person Von Dimitri Ladischensky und Diana Markosian