Alles beginnt mit dem Standort“, sagt Yadegar Asisi und zeigt auf ein paar aneinandergeheftete Papierbögen, die an der Wand kleben. Es ist eine der frühesten Skizzen zu seiner gerade entstandenen Arbeit: „The Great Barrier Reef“, das größte Korallenriff der Welt als Panorama. Begeistert spricht Asisi über die Projektion der Welt auf eine gerade Linie, über gekrümmte Optik und Verzerrung, die Möglichkeiten des Rundbilds und Perspektiven. Seine Hände zeichnen dazu Linien in die Luft, als würde er dirigieren. Ich sehe nur blaues Gekrakel.
„Die Standortbestimmung ist beim Panorama sehr wichtig, weil damit später alles steht und fällt. Schauen Sie hier.“ Er führt in den hinteren Teil seines Kreuzberger Ateliers, an einen Schreibtisch voller Bildschirme. Auf ihnen ist das, was der Entwurf an der Wand erst andeutet, bereits zu einer detaillierten Darstellung des Great Barrier Reef geworden. Korallenbänke, die wie wuchtige Stalagmiten aus dem Boden wachsen, dazwischen winzige Taucher, Haie, Rochen, Fischschwärme, die Spuren von Wasserbläschen nach sich ziehen. Aber blau ist immer noch fast alles. Nur auf den Höhen des Riffs, knapp unterhalb der Wasseroberfläche, wo die Sonne noch fast ungefiltert ankommt, blühen ein wenig Gelb, etwas Grün, einige blasse Rottöne. Ansonsten Blau, Türkis, Azur in hundert leuchtenden Schattierungen.
Nichttaucher könnte das überraschen. Korallenriffe samt ihrer Bewohner gelten als Inbegriff der Farbenpracht. Doch die knalligen Farben aus den Bildbänden sieht man im Meer schon in wenigen Meter Tiefe nur noch bei Kunstlicht. Das hängt mit der Absorption des Lichtspektrums zusammen. Rot und Gelb haben es besonders schwer. Sie verschwinden als erste und sind deshalb submarin als Tarnfarben ziemlich beliebt.
Yadegar Asisi klickt zweimal und zieht auf dem Bildschirm einen Ausschnitt groß. Was eben noch in der Weite des Gesamtbilds wie ein Guppy wirkte, ist ein Mensch mit Schwimmflossen. Im schmalen Lichtkegel seines Kameraspots erscheint unvermittelt die üppige Buntheit der Korallenwelt. Es ist nicht die einzige Funktion des Tauchers auf dem Bild. Der Mann mit der Kamera ist Yadegar Asisi selbst. Ein wenig Hitchcock muss sein.
Aber nicht nur Farben verschwinden wegen der Lichtverhältnisse unter Wasser. Alles kann nur partiell wahrgenommen werden. Drei, vier Meter Sichtweite, danach nichts als diffuses Blau von hypnotischer Schönheit – aber undurchsichtig wie eine Nebelwand im Winter. Optisch ist der unendliche Raum des Ozeans für den Menschen nicht erfahrbar. So wirkt selbst ein gigantisches Riff wie das australische Great Barrier Reef beim Blick durch die Taucherbrille wesentlich kleiner, als es ist.
Asisis 360-Grad-Panorama dagegen ist hochräumlich. Unter Echtlichtbedingungen werden darauf Tiefen zu sehen sein, die man in der Realität nie erfassen würde. Und trotzdem hat Asisis Panorama mehr mit der Realität zu tun als ein Tauchgang vor Ort. Eine Weltpremiere sei das, erklärt er stolz. „Es gab alles schon, und es ist auch alles schon beschrieben worden, in jeder Form der Kunst. Aber ich glaube, dass das Panorama tatsächlich eine neue Perspektive eröffnet.“
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Die Schriftstellerin Claudia Rusch, Jahrgang 1971, auf Rügen aufgewachsen und Autorin mehrerer Bücher im mareverlag, liebt nichts so sehr wie die See. Nur die Vorstellung zu tauchen löst bei ihr Panik aus. Für die bevorstehende Eröffnung von Asisis Riffpanorama hält sie ein Fläschchen Baldrian bereit. Von dem Fotografen Jan Windszus, geboren 1976, erschien 2013 der mare-Bildband Lissabon.
| Vita | Die Schriftstellerin Claudia Rusch, Jahrgang 1971, auf Rügen aufgewachsen und Autorin mehrerer Bücher im mareverlag, liebt nichts so sehr wie die See. Nur die Vorstellung zu tauchen löst bei ihr Panik aus. Für die bevorstehende Eröffnung von Asisis Riffpanorama hält sie ein Fläschchen Baldrian bereit. Von dem Fotografen Jan Windszus, geboren 1976, erschien 2013 der mare-Bildband Lissabon. |
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| Person | Von Claudia Rusch |
| Vita | Die Schriftstellerin Claudia Rusch, Jahrgang 1971, auf Rügen aufgewachsen und Autorin mehrerer Bücher im mareverlag, liebt nichts so sehr wie die See. Nur die Vorstellung zu tauchen löst bei ihr Panik aus. Für die bevorstehende Eröffnung von Asisis Riffpanorama hält sie ein Fläschchen Baldrian bereit. Von dem Fotografen Jan Windszus, geboren 1976, erschien 2013 der mare-Bildband Lissabon. |
| Person | Von Claudia Rusch |