Und dann war er weg, im Nirgendwo. Für seine Freunde würde er lange dort sein, im Nirgendwo. Aufs Meer gefahren und nicht wiedergekommen. Weg und verschwunden. Aber Choi Wook-il war nicht einfach weg. Ob er nun in der blauen Tiefe schwebte oder am Grund bei den Krebsen lag – irgendwo war er geblieben. Auch sein Kollege Lee Han-seob war nicht einfach weg, auch nicht Go Myeong-seob, Yoon Jong-su, Lee Ki-ha und die anderen 28 vom Schiff „Cheonwangho“. Ihr Mann, dachte Jang Chung-ja, war irgendwo, in eben diesem Moment.
1997, 22 Jahre nachdem er mit seinem Fischerboot nicht heimgekehrt war, bekam sie ein erstes Wort von ihm zu hören. Ein Brief aus Nordkorea, nach China geschmuggelt und von dort nach Südkorea gefaxt. Der Brief war an Chois älteren Bruder adressiert, weil Choi davon ausgegangen war, dass seine Frau längst wieder geheiratet hatte, nach 22 Jahren ohne ihn. Er bat seinen Bruder, sich um seine Frau und seine vier Kinder zu kümmern. Er fügte dieser Bitte die Worte an: „Ich sehe Vögel frei im Himmel fliegen. Ich sehe Fische frei im Ozean schwimmen. Warum können Menschen nicht frei reisen?“
Jang schloss die Augen, obwohl sie sich das eigentlich verboten hatte. Sie durfte sich auf keinen Fall der Fantasie überlassen. Denn dann war er wieder in ihrem Leben. Ein schwacher Moment genügte, schon geisterte er ihr nach und fragte: Warum hast du meine Sachen verkauft, meine Schuhe, meinen Anzug, meinen Hut? Hast du geglaubt, ich komme nicht zurück?
Vögel, die frei fliegen; Fische, die frei schwimmen … Die Zeilen sprachen mit leiser Stimme zu ihr, von weit her.
Sie trat hinaus in die schwüle Dämmerung, und die ersten schweren Tropfen eines Gewitterregens begannen ihr Kleid zu sprenkeln. Donner krachte, ein Blitz folgte und noch einer, und ein Wurzelwerk aus Licht erhellte den Horizont, dass sich die Silhouetten weit entfernter Bergketten vor dem Himmel abzeichneten.
Sie stellte sich vor, dass ihr Mann noch lebt. Nicht im Nirgendwo, sondern einem unbekannten Irgendwo. Hinter den Bergen.
Am 17. August 1975 war der letzte Funkspruch seines Schiffes gekommen. Die See sei rau, die Laderäume voller Fisch, der Hafen von Jumunjin nicht weit. Dann Funkstille. Die See war stürmisch an dem Tag und dass Kutter im Japanischen Meer untergehen nicht ungewöhnlich. Als der Sturm weitergerast war und die Wellen flacher wurden, suchte man nach ihnen, fand aber nur ein paar Fischkisten und Holzstücke auf dem Meer. Der Fall war klar. Als ein paar Monate vergangen waren, trugen die Behörden ihren Mann ins Sterberegister ein.
Jang feierte, wie alle Witwen der „Cheonwangho“, das traditionelle südkoreanische Totenfest. Da sie nicht wusste, wann Choi gestorben ist, stellte sie an seinem Geburtstag Kerzen, Reis und Obst unter sein Foto.
Allerdings wunderte sie sich über die Nachforschungen. Ein paar Mal kam die Polizei vorbei und fragte, ob sich ihr Mann gemeldet habe, schlitzte Matratzen auf, warf Schränke um, schlug Fenster ein.
Sie ging zu einem Wahrsager, doch der bestätigte ihr, ihr Mann sei tot.
Damals, in den 1960er- und 1970er-Jahren, verschwanden viele Fischkutter im Japanischen und im Gelben Meer. Kim Il-sung hatte befohlen, die durch den Krieg ausgeblutete Arbeiterklasse aufzufüllen, und schickte seine Kanonenboote los. Die Fischer waren einfache Opfer. Auf hoher See gab es keine Zeugen, und niemand konnte ihnen helfen. Sie wurden von Kims Soldaten überwältigt, in den Hafen von W˘onsan geschleppt, von Fähnchenschwenkern an den Piers erwartet, von Kameras gefilmt, durch Städte gekarrt und als „Überläufer“ präsentiert, als „unsere hungernden Mitbürger“ aus Südkorea.
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Dimitri Ladischensky, 1972 geboren, mare-Redakteur, staunte über das geordnete Miteinander in der Millionenmetropole Seoul. Am Bahnsteig warten die Menschen in langen Schlangen vor einfahrenden U-Bahnen und steigen der Reihe nach ein.
Guillaume Herbaut, Jahrgang 1970, lebt als freier Fotograf in Paris, vertreten von der Agentur Institute. Er sucht in seiner Fotografie häufiger die Verbindung von Gestern und Heute. Über die Spuren von Hiroshima und Nagasaki hat er kürzlich erst einen Bildband veröffentlicht.
| Vita | Dimitri Ladischensky, 1972 geboren, mare-Redakteur, staunte über das geordnete Miteinander in der Millionenmetropole Seoul. Am Bahnsteig warten die Menschen in langen Schlangen vor einfahrenden U-Bahnen und steigen der Reihe nach ein.
Guillaume Herbaut, Jahrgang 1970, lebt als freier Fotograf in Paris, vertreten von der Agentur Institute. Er sucht in seiner Fotografie häufiger die Verbindung von Gestern und Heute. Über die Spuren von Hiroshima und Nagasaki hat er kürzlich erst einen Bildband veröffentlicht. |
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| Person | Von Dimitri Ladischensky und Guillaume Herbaut |
| Vita | Dimitri Ladischensky, 1972 geboren, mare-Redakteur, staunte über das geordnete Miteinander in der Millionenmetropole Seoul. Am Bahnsteig warten die Menschen in langen Schlangen vor einfahrenden U-Bahnen und steigen der Reihe nach ein.
Guillaume Herbaut, Jahrgang 1970, lebt als freier Fotograf in Paris, vertreten von der Agentur Institute. Er sucht in seiner Fotografie häufiger die Verbindung von Gestern und Heute. Über die Spuren von Hiroshima und Nagasaki hat er kürzlich erst einen Bildband veröffentlicht. |
| Person | Von Dimitri Ladischensky und Guillaume Herbaut |