Bilder waren seine Waffe – Edward Steichen

Als Porträtist der Berühmten wurde er selbst berühmt. Dann zog er als Bildberichterstatter in den Krieg und zeigte dessen Barbarei

Sorry Sir, aber sie sind zu alt, viel zu alt“, sagt der diensthabende Offizier des Rekrutierungsbüros der US Army in Washington, als an diesem Herbsttag 1941 ein Herr in respektablem Alter vor ihm steht und um Aufnahme als Kriegsberichterstatter in den Wehrdienst bittet. Der Offizier weiß nicht, dass er es mit einer Berühmtheit zu tun hat. Der 62-jährige Edward Steichen ist zu diesem Zeitpunkt längst eine gefeierte Ikone der Fotografie und hat sich außerdem als Maler, Textildesigner, Ausstellungskurator und Pflanzenzüchter einen Namen gemacht.

1881 waren seine Eltern mit dem fast Zweijährigen aus Luxemburg in die Vereinigten Staaten eingewandert. Als Teen­ager machte er mit einer Kodak-Boxkamera sein erstes Foto, ein verwackeltes Bild der Hauskatze. Bald sollten seine fotografischen Leistungen in andere Sphären vordringen: Steichen wurde zum bestbezahlten Starfotografen der „Vogue“ und „Vanity Fair“, bekam die unnahbare Greta Garbo, die glamouröse Gloria Swanson und die vergötterte Marlene Dietrich vor die Kamera, porträtierte Berühmtheiten wie Charlie Chaplin, Thomas Mann oder Au­guste Rodin. Daneben wagte er avantgardistische Experimente in der Architektur-, Werbe- und Stilllebenfotografie. Sein 1905 aufgenommenes Bild des Flatiron Building in New York erzielte 2022 einen Auktionsrekord von 11,84 Millionen Dollar.

Angesichts dieser Prominenz scheint es schwer verständlich, warum sich der Fotopionier freiwillig für den Kriegseinsatz meldet. Doch Steichen hat bereits Erfahrung; er unterstützte im Ersten Weltkrieg die Alliierten, leitete als Offizier der US-Armee die Abteilung für Luftbildfotografie an der französischen Front. Doch sein indirektes Mitwirken an den Zerstörungen von Feindstellungen ließ den Pazifisten, Humanisten und Menschenrechtler verzweifeln. In seiner Autobiografie „A Life in Photography“ hielt er fest: „Ich roch die fauligen Kadaver der toten Pferde […] Ich sah das verkrustete Blut um die Kopfschusswunde eines jungen Soldaten […] Tagelang litt ich unter Depressionen.“

Nun will Steichen mit der Macht der Bilder die Öffentlichkeit wachrütteln. „Meine eigene Abscheu vor dem Krieg hatte seit 1917 nicht nachgelassen. In den Jahren dazwischen kam ich jedoch allmählich zu der Überzeugung, dass ein reales Bild des Kriegs, wenn es fotografiert und der Welt präsentiert werden könnte, einen Beitrag zur Vernichtung des Kriegsgespensts leis­ten könnte. Dieser Gedanke trieb mich an, an einer fotografischen Protokollierung des Zweiten Weltkriegs mitzuwirken.“

Bald hat sich in der Armeeführung herumgesprochen, wer da als Freiwilliger rekrutiert werden will. Und da Steichen, der schon Winston Churchill, mehrere US-Präsidenten und -Senatoren fotografiert hat, gute Kontakte in höchste politische Kreise pflegt, will man ihm seinen Wunsch nicht abschlagen. Im Januar 1942 offeriert ihm die US Navy, für die Seestreitkräfte eine eigene Foto- und Filmabteilung auf die Beine zu stellen, um den Krieg gegen Japan im Pazifik zu dokumentieren. Als der Anruf kam, sei er vor Eifer fast durch die Telefonleitung gekrochen, so erinnert sich Steichen später. Er verliert keine Zeit und wirbt Fotografen aus den Feldern der Werbung, der Presse, der Kunst, aber auch aus den Marineeinheiten an. Steichen wird von der Navy zum Lieutenant Commander ernannt und mit schier unbegrenzten Mitteln ausgestattet. Zeitweise stehen über 3000 Fotografen und Kameraleute unter seinem Kommando. Sie erhalten Offiziersrang, tragen Militäruniformen, bekommen freien Zugang zu allen Einrichtungen der Schlachtschiffe, von den Kojen der Soldaten bis zu den Flugdecks, was in der Geschichte der zugeknöpften US Navy einmalig ist. 

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mare No. 175

mare No. 175April / Mai

Von Rob Kieffer und Edward Steichen

Rob Kieffer, Jahrgang 1957, lebt als Autor in Luxemburg. Bei seinen Recherchen erhielt er Unterstützung von Paul Lesch, dem Leiter der Edward-Steichen-Forschungsabteilung im luxemburgischen ­Kulturministerium. Edward Steichen wurde 1879 in Luxemburg ­ge­boren, im Schloss von Clervaux ist die letzte vollständige Version von „The Family of Man“, die seit 2003 zum Unesco-Weltdokumentenerbe zählt, dauerhaft ausgestellt.

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Vita Rob Kieffer, Jahrgang 1957, lebt als Autor in Luxemburg. Bei seinen Recherchen erhielt er Unterstützung von Paul Lesch, dem Leiter der Edward-Steichen-Forschungsabteilung im luxemburgischen ­Kulturministerium. Edward Steichen wurde 1879 in Luxemburg ­ge­boren, im Schloss von Clervaux ist die letzte vollständige Version von „The Family of Man“, die seit 2003 zum Unesco-Weltdokumentenerbe zählt, dauerhaft ausgestellt.
Person Von Rob Kieffer und Edward Steichen
Vita Rob Kieffer, Jahrgang 1957, lebt als Autor in Luxemburg. Bei seinen Recherchen erhielt er Unterstützung von Paul Lesch, dem Leiter der Edward-Steichen-Forschungsabteilung im luxemburgischen ­Kulturministerium. Edward Steichen wurde 1879 in Luxemburg ­ge­boren, im Schloss von Clervaux ist die letzte vollständige Version von „The Family of Man“, die seit 2003 zum Unesco-Weltdokumentenerbe zählt, dauerhaft ausgestellt.
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