Bilder mit Tiefgang

Niemand zeichnete die Tiere der Meeres besser: Die Leipzigerin Else Bostel­mann wurde 1929 Illustratorin des Tiefseepioniers William Beebe

Schlimmer kann es für Else Bostelmann eigentlich nicht mehr kommen: Am 3. Mai 1920 wird ihr Mann Monroe bewusstlos an einer Straße in Mexia gefunden, einem Nest im Texas. Hierher ist sie zehn Jahre zuvor mit ihm gezogen. Sieben Stunden später stirbt er, die Zeitung berichtet von einem „Schlaganfall durch Überanstrengung“. Oder war es Mord durch einen Geschäftspartner, wie in der Familie später gemunkelt wird? Klar ist: Else Bostelmann, 37 Jahre alt, ist jetzt alleinerziehende Mutter einer zehnjährigen Tochter. Eine Künstlerin aus Deutschland mitten im Wilden Westen.

Das Geld war schon vorher knapp gewesen. Ihr Mann, Cellist und Spross einer New Yorker Musikerfamilie, hatte nach ihrer Hochzeit im Jahr 1909 sein Glück als Baumwollfarmer versucht, nachdem er daran gescheitert war, mit seinen Erfindungen Geld zu verdienen, darunter ein „Sportgürtel ohne Schnalle mit Befestigungsringen und Binderiemen“. Auch aus der Baumwollfarm war nichts geworden, und kaum einer hatte dem Zugezogenen von der Ostküste, der vom Baumwollanbau keinen Schimmer hatte, Arbeit geben wollen. Wie soll es jetzt weitergehen für seine Witwe? Dass sie eine exzellente Zeichnerin ist, nützt ihr hier nichts. Und es liegt ein ganzer Ozean zwischen Texas und ihrer alten Heimat Leipzig.

Dort wird Else Winkler von Röder am 10. November 1882 geboren, als Tochter einer offenbar wohlhabenden Familie, die sie auf Privatschulen schickt. Es gibt kaum Quellen, die etwas über ihre Eltern Georg und Margarete, geborene von Röder, offenbaren. Der 64-jährige Michael Crumpton, Else Bostelmanns Urenkel, hat nur verschwommene Erinnerungen an eine strenge alte Dame, die starb, als er vier oder fünf Jahre alt war. Als männlicher Nachfolger hätte sie einen Adelstitel geerbt, das jedenfalls habe seine Großmutter, Else Bostelmanns Tochter Gertraude Hadumodt Crumpton, ihm erzählt. 

Nur einmal warf sie selbst in einem Artikel über ihre Arbeit ein kurzes Licht auf ihre Kindheit. „Seit ich denken kann, habe ich gezeichnet und gemalt. Das war mein Trost, denn meine Kindheit war einsam, ohne Freunde in meinem Alter. Meine Mutter förderte dieses Interesse, sie war selbst recht talentiert.“ 

Als junge Frau studiert sie an der Königlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig und an der Großherzoglich-Sächsischen Kunstschule in Weimar, der späteren BauhausUniversität, nimmt Unterricht bei Malern wie Sascha Schneider und Ludwig von Hofmann, einem Zeitgenossen Max Liebermanns und wie dieser Mitglied der Künstlerbewegung Berliner Secession. Insbesondere von Hofmann habe ihr Selbstvertrauen in sich als Künstlerin gefestigt, erzählt Janeen Mason, Kuratorin einer Bostelmann-Ausstellung 2016 im Lighthouse ArtCenter in Tequesta in Florida. Bostelmann selbst sagte über ihren Werdegang: „Dieser Unterricht führte dazu, dass ich auf dem Weg war, eine Porträtmalerin zu werden. Doch dann wandte ich mich ganz und gar der Natur zu, die mir immer so viel Trost gespendet hatte.“ 

Mit Erfolg. An der Kunstschule in Weimar wird sie mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Über ihre 29 Bilder, die sie 1908 in Weimar in einer Ausstellung zeigt, schreibt die „Jenaische Zeitung“, diese seien „sehr gut gezeichnet und stilisiert, meist hat sie Vögel als Vorbilder genommen, Kraniche, Flamingo’s, Pinguine, Pfauen, Mandarinenentchen etc., aber auch Schnecken und Pflanzen haben der Künstlerin Vorbilder geliefert. Ein einziges Menschenkind ist darunter, was sich auf einer stilisierten Weltkugel nicht sehr behaglich zu fühlen scheint“. Monroe Bostelmann lernt sie wahrscheinlich in Berlin kennen, der Amerikaner studiert hier an der Musikhochschule. Als ihre Karriere mit ersten Einzelausstellungen gerade losgeht, folgt sie ihm in die USA.


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mare No. 149

mare No. 149Dezember / Januar

Von Silvia Tyburski und Else Bostelmann

Silvia Tyburski, Jahrgang 1976, war überrascht, wie viele Fans die Künstlerin heute in den USA hat, während sie in Deutschland nur wenige kennen. Sie hofft auf eine Ausstellung in Bostelmanns früherer Heimat.

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Vita Silvia Tyburski, Jahrgang 1976, war überrascht, wie viele Fans die Künstlerin heute in den USA hat, während sie in Deutschland nur wenige kennen. Sie hofft auf eine Ausstellung in Bostelmanns früherer Heimat.
Person Von Silvia Tyburski und Else Bostelmann
Vita Silvia Tyburski, Jahrgang 1976, war überrascht, wie viele Fans die Künstlerin heute in den USA hat, während sie in Deutschland nur wenige kennen. Sie hofft auf eine Ausstellung in Bostelmanns früherer Heimat.
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