Als sich die MS „Helgoland“ der Insel nähert, fällt mir ein Gedicht von Sarah Kirsch ein. Das Seebäderschiff, der weiße Schwan der Deutschen Bucht, hält ganzjährig die Verbindung nach Cuxhaven aufrecht. Die berühmte Lyrikerin schrieb nach einem Helgolandbesuch, dass der „rote Felsen wie ein Klavier im Packeis aus dem Eismeer aufragte“.
Nun, das Eismeer ist eine poetische Übertreibung. Tatsächlich weist die Insel im Winter merklich mildere Temperaturen auf als das Festland. In meiner Kindheit war das ein Kummer, denn es gab selten Schnee, und wir konnten kaum Schlitten fahren. Aber das mit dem Klavier ist treffend, oder sagen wir gleich, die Gestalt der Insel ähnelt einem Konzertflügel. Wo sich die weißen, vielleicht doch beschneiten Tasten befinden, liegt das geschäftige Helgoländer Unterland.
Ganz so poetisch geht es nicht weiter, die Moderne regiert mit harter Hand, allen Protesten der Insulaner zum Trotz. Dominiert wird die Silhouette der Insel von einem riesenhaften Funkmast, einer 113 Meter hohen Konstruktion aus Stahlfachwerk. Früher waren Leuchtturm und Kirchturm die markanten Spitzen, wie es sich für eine Insel gehört. Immerhin, von Nahem verliert sich der Kommunikationsgigant ein Stück weit aus dem Blick, paradox, wie es klingt, die Aufmerksamkeit richtet sich auf den roten Felsklotz im blaugrünen Meer. Und zwischendurch huscht der Blick an den Horizont. Eine wuchtige, überschaubare Welt, dem Himmel unmittelbar unterstellt.
Wir haben etwas Wind und Wellen. Einige Kabellängen vor der Hafeneinfahrt fährt die MS „Helgoland“ einen Bogen. Sie krängt und stampft merklicher als zuvor. Wir liegen gerade über dem „Hamburger Loch“. Es ist von Untiefen umgeben, die für steilere Seen sorgen. Früher befand sich hinter dem Hamburger Loch die Drifbui, die sogenannte Treibboje. Die eingesessenen Eiländer sagten: Deät Hundun’n halt ap bi de Drüfbui. Das Händeschütteln hört bei der Treibboje auf.
Helgoländer geben sich nicht die Hand, das wäre unpraktisch auf einer winzigen Insel, wo man sich fünfmal am Tag über den Weg läuft. Das darf ich nicht vergessen, wenn ich gleich Klaus und Bettina Köhn treffe, damit ich mich nicht als Insulaner verrate, der ausgewandert und aufs Festland gezogen und zu lange von zu Hause weg ist.
Am Brückensteg liegt eine grün-rot-weiße Helgoländer Jolle. Auf der Insel wird dieser einmalige Bootstyp Börteboot oder helgoländisch Rudder genannt. Das ist gerade mein schönster und schlimmster Anblick zugleich. Ich liebe diese Rudder, die der Nordsee rings um die Insel ein einmaliges Flair verleihen. Traurig ist mir zumute, weil es nur ein Rudder ist, wo früher 20 bis 30 lagen. Aber worüber jammern? Es gibt auch keinen Bäcker mehr auf der Insel, wie ich kurz darauf
an Land erfahre.
Helgoland ist Deutschlands einzige Insel mit Hochseecharakter, mitten in der Deutschen Bucht. Von Büsum, an der schleswig-holsteinischen Westküste, legt das Schiff 34 Seemeilen (etwa 63,5 Kilometer) zurück, bis es die Reede oder den Hafen der Insel erreicht. Die gleiche Entfernung gilt ab Cuxhaven an der Elbmündung, von Bremerhaven sind es 85 Kilometer. Man kann auch fliegen.
Zum Jahresende 2024 hatte die Insel 1329 Einwohner. 1925 waren es nach Ausweis des Preußischen Statistikamts noch 3129 gewesen. Im 17. Jahrhundert, nach einem Pestzug, lebten zeitweilig kaum 250 Menschen, in etwa 50 Familien, auf dem Felsen. Damals genügte bereits ein Hörfehler und die folgende falsche Aussprache eines Kindes, um die Inselsprache für immer zu verändern. Das ist jedenfalls die Hypothese der Wissenschaft, die eine Erklärung dafür liefern muss, warum das Zahlwort „vier“ auf Helgoländer Friesisch so ganz anders lautet als auf Sylt oder Amrum, dem engsten Sprachverwandten. Auf Helgoland sagt man schtjuur, auf der schönen Insel Amrum heißt es fjir, ähnlich wie im Hochdeutschen, aber mit einem friesischen Sound.
Heute sind es wirtschaftliche Gründe, die den Bevölkerungsrückgang steuern. Die Lebenshaltungskosten auf der Insel sind hoch. Alles muss mühsam vom Festland herbeigeschafft werden, und für Schnäppchenjäger fehlen in dem abgeschiedenen Dorf die Reviere.
Hinzu kommt die Frage, wo abbleiben? Freier Wohnraum, etwa für junge Familien, ist schwierig zu beschaffen. Die Immobilien stecken in der touristischen Infrastruktur. Und da ist eine neue Konkurrenz aufgetaucht. Die Servicefirmen der Windparks in der Nordsee – von RWE bis Vattenfall – müssen ihre Mitarbeiter unterbringen. Das Helgoländer Kurhaus, „Atoll“, größtes Gebäude der Insel, wurde gleich ganz von dem Bremerhavener Energieunternehmen WindMW gemietet, auf Jahre hinaus.
Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 174. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.
Reimer Eilers, Jahrgang 1948, lebt als freier Autor und Schriftsteller in Hamburg. Zur Leipziger Buchmesse 2026 erscheint sein vollständiger Romanzyklus über Ferdinand Magellan und die erste Weltumsegelung. In der Hauptrolle: ein Helgoländer Fischer.
Mathias Bothor, 1962, machte sich 1992 als freier Fotograf selbstständig. Heute ist er einer der gefragtesten Porträtfotografen. Geboren auf der damaligen Insel West-Berlin, lebt er jetzt ebenfalls auf einer Insel in Berlin. Helgoland besuchte er für mare das erste Mal vor 20 Jahren für das Porträt eines Ornithologen (mare No. 53).
| Vita | Reimer Eilers, Jahrgang 1948, lebt als freier Autor und Schriftsteller in Hamburg. Zur Leipziger Buchmesse 2026 erscheint sein vollständiger Romanzyklus über Ferdinand Magellan und die erste Weltumsegelung. In der Hauptrolle: ein Helgoländer Fischer. Mathias Bothor, 1962, machte sich 1992 als freier Fotograf selbstständig. Heute ist er einer der gefragtesten Porträtfotografen. Geboren auf der damaligen Insel West-Berlin, lebt er jetzt ebenfalls auf einer Insel in Berlin. Helgoland besuchte er für mare das erste Mal vor 20 Jahren für das Porträt eines Ornithologen (mare No. 53). |
|---|---|
| Person | Von Reimer Boy Eilers und Mathias Bothor |
| Vita | Reimer Eilers, Jahrgang 1948, lebt als freier Autor und Schriftsteller in Hamburg. Zur Leipziger Buchmesse 2026 erscheint sein vollständiger Romanzyklus über Ferdinand Magellan und die erste Weltumsegelung. In der Hauptrolle: ein Helgoländer Fischer. Mathias Bothor, 1962, machte sich 1992 als freier Fotograf selbstständig. Heute ist er einer der gefragtesten Porträtfotografen. Geboren auf der damaligen Insel West-Berlin, lebt er jetzt ebenfalls auf einer Insel in Berlin. Helgoland besuchte er für mare das erste Mal vor 20 Jahren für das Porträt eines Ornithologen (mare No. 53). |
| Person | Von Reimer Boy Eilers und Mathias Bothor |