Auf der Flucht

Fundstücke aus Kunst und Literatur

„Ich glaube nicht mehr an die Gnade von Innovation und Avantgarde“, sagt der Maler Heribert C. Ottersbach (*1960). Er fordert von der Kunst gesellschaftliche Relevanz statt aufgeregter Selbstreflexion, und sein Gemälde „Flucht“ bedürfte wohl nicht des expliziten Titels, um düstere Assoziationen zu Flüchtlingsdramen auf dem Mittelmeer zu wecken. Was es bedeutet, seine Heimat unter Gefahr verlassen zu müssen, hat der algerische Schriftsteller Hamid Skif (1951–2011) am eigenen Leib erfahren. Als Journalist wurde er in seiner Heimat in den 1970er Jahren inhaftiert; er hat die Verhältnisse in Algerien auch nach seiner Freilassung kritisch kommentiert.
1997 verübten Fundamentalisten Bombenanschläge auf sein Haus und seine Redaktion, er floh mit seiner Familie nach Hamburg, wo er vergangenes Jahr einer schweren Krankheit erlag. Youssouf Amine Elalamy (*1961) ist in Larache, Marokko, geboren, hat aber einige Jahre seines Studiums in New York verbracht. Aus persönlichen Erfahrungen und der steten Auseinandersetzung mit dem Thema Emigration ist eine Romantrilogie entstanden. „Gestrandet“ ist deren zweiter Teil, ein literarisches Weiterdenken einer der
vielen Zeitungsmeldungen über ertrunkene Flüchtlinge. Er gibt den Opfern darin eine Stimme, ein Leben, jene Würde zurück, die ihnen das Erscheinen in einer Statistik der Todesfälle und die dazugehörigen leeren Reden westlicher Regierender absprechen. mw

Hamid Skif

Brechen wir auf

1
Umgestellt in dir
Von Gewissheit keine Spur
Das Album des Lächelns hat sich über den
Gässchen geschlossen
Aus den Fenstern lehnt eine Kerze sich hinaus
Die Nacht tanzt im Herzen der Illusionen
Am Hafen halten die Nutten Ausschau nach ihren
Opfern
Du redest und redest
Brüchig sind die Brücken des Schicksals

2
Komm, gehen wir
Ein Regen aus Kieseln wird fallen
Ich höre ein Pferd wiehern
In deine Handteller graben die Nägel
Silberne Straßen

3
In einer Stunde werden wir das Gedicht
Über die zertrümmerten Geigen schreiben
Eine verlorene Flamme wird wieder aufglimmen
Die Farbe: Blumen aufs nasse Pflaster geworfen

4
Nun komm schon
Es ist spät genug
Der Tag verzehrt unsere Sternenernte
Brechen wir auf
Die Amseln werden ungeduldig
Fremdartige Fremdlinge
Auf der Suche nach Zuflucht
Eine Stille
Ein Hafen

Wer hat gesagt, dass wir aufbrechen?

Youssouf Amine Elalamy

Aus: Gestrandet

Das Gebrüll der Wellen und eine Stimme, die in der Dunkelheit singt. Gott des Himmels, der Erde und des Meeres, diese Frau singt. Unglaublich. Völlig unverständlich. Sie schreit nicht, sie heult nicht, ja, sie weint nicht einmal. Sie singt. Nichts weiter. Singen, wenn dir der Tod direkt in die Augen schaut. So etwas kann nur eine Mutter. Die machen manchmal Sachen, kaum zu glauben. Sie singt unaufhörlich, wird nicht mal schwächer. Mit der Kraft eines verfolgten Tieres singt sie, um den Lärm der Wellen, des Windes und jenes Mannes zu übertönen, der Mutter, Mutter, Mutter, Mutter, Mutter, Mutter schreit (kann jemand seine Mutter rufen, dass man sie kommen lässt, sie kann nicht mehr weit weg sein); und jene des anderen, der die Stimme hebt, um zu seinem Gott dort oben zu sprechen, und vor allem, um von ihm verstanden zu werden, er, der nie mit Beten aufgehört, nie einen Freitag verpasst hat, keinen einzigen, nicht einmal dann, wenn die Lust auf eine Frau ihm den Bauch kitzelte, er, der nicht immer alles geteilt hat, was er hatte, ehrlich gesagt, was gab es da schon zu teilen, er, der sich immer des Essens vor Sonnenuntergang enthalten hat, wenn sich die anderen – verflucht seien sie – jeweils hinter einer Mauer versteckten, um Früchte zu essen, nicht einmal sehr frische Früchte vielleicht, aber immerhin Früchte, er, der, ohne auf Wiedersehen zu sagen, weggegangen ist und seine Kleinen noch einmal, ein letztes Mal sehen möchte, mit einem Brotlaib in der Hand, so wie Kinder eben aussehen, wenn sie essen, der ungeduldig wird und aufbegehrt, richtiggehend fordert von Ihm, der so einen guten Platz hat dort oben, dass Er sieht, wie er unter Kälte, Angst, Hunger, Schmerzen leidet […]
Ein Mann, festgekrallt an ein Brett. Das Wasser bis zum Hals. Er hält es zwischen den Händen. Presst es an sich. Liebkost es. Lässt seine Finger immer wieder über dieses Stück Holz gleiten, das in der Nacht mit der Stimme einer Frau zu ihm spricht, seiner Frau – schöner Frau, ja, wirklich: „Komm, leg deine Hand hierhin … schau, was ich für dich habe … berühr’ es bloß …schau, Ridouane, rund und voll, so, wie du sie liebst …, möchtest du, dass ich dir Worte sage, die man nicht sagt?“


Bild:

Heribert C. Ottersbach
„Flucht“, 2009, Acryl auf Leinwand, 62 mal 85 Zentimeter, Privatbesitz

mare No. 94

No. 94Oktober / November 2012

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