An allem ist Lord Nelson Schuld

Vor 200 Jahren triumphierte Nelson vor Trafalgar. Was wohl passiert wäre, wenn der Seeheld gepatzt hätte?

Mehr oder minder zufällig wurde ich unlängst Zeuge eines an sich eher unbedeutenden Gesprächs, das meine Gedanken und mich noch länger beschäftigte. Genauer gesagt war es ein Name, welcher bei der Gelegenheit fiel – mit einem Unterton, in dem derartige Verachtung mitschwang, dass ich aufmerkte. Der Name lautete: Horatio Nelson.

Ich befand mich aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun, auf einer, sagen wir, halbwegs dienstlichen Reise in die europäischen Südwestprovinzen, und während der TGV Moskau–Berlin–Paris–Madrid, den ich in meinem Heimatort, der Hauptstadt des Spree-Departements, bestiegen hatte, sich mit knapp 500 km/h seinem Bestimmungsort näherte, vernahm ich, dass auf den Plätzen hinter mir einer jener Dialoge in Gang kam, wie man sie in diesen Tagen unter den Oppositionellen im VAER, dem Vereinigten Afro-Eurasischen Reich, allenthalben fast täglich hören kann. Die Stimmung auch unter denjenigen, die ihre Gegnerschaft zum Buchy-Regime in Versailles nur zögerlich zu artikulieren wagen, ist bekanntlich nicht gut. Es geht die Sorge um, dass mit dem geplanten Angriff auf das so genannte Restasien – wie unser verehrter Pariser Président, unser César, die Staaten China, Indien, Japan und „das bisschen, das da sonst noch ist“, nennt – der Bogen überspannt wird. Seit dem Ende der „bipolaren Weltordnung“ infolge des plötzlichen, kläglichen und definitiven Zusammenbruchs des nordamerikanischen Kapitalismus vor einigen Jahren lastet, wie man weiß, die Rolle der letzten und einzigen verbliebenen Weltmacht auf „uns“, die wir „la globalité“ ganz allein zu verkörpern haben. Das ist ohnehin eine Bürde. „Wir“, also die Gesamtheit der rund zwei Milliarden VAER-Bürger, ob sie nun außer Französisch noch den deutschen, italienischen, russischen, spanischen, türkischen Dialekt, die skandinavische Mundart, die Eigenheiten des Parsi oder Suaheli oder sonstige Modulationen asiatischer Steppen- oder nordafrikanischer Wüstenvölker pflegen – so weise immerhin waren noch alle Regimes in Versailles, eine idiomatische Restidentität zu gewähren, auch wenn mittlerweile alles irgendwie „franceusish“ klingt –, wir alle fühlen uns außerdem Tag um Tag mehr überfordert durch das, was Monsieur Buchy, „unser“ Président, le César, offenkundig als schicksalsgegebenen Auftrag betrachtet und nach Art eines unerbittlichen Missionars in die Tat umzusetzen gedenkt. Doch was erzähle ich …

Um dieses sattsam erörterte Thema folglich drehte sich das Gespräch, das ich im TGV Moskau–Berlin–Paris–Madrid, erst mit halbem Ohr, dann hellhöriger, an diesem Spätsommertag des Jahres 2005 belauschen konnte. Es war um die Mittagszeit, die Sonne brannte Licht und Glut in die spanische Landschaft, und ich war kurz davor hinwegzudämmern. Aber dann fiel der Satz, der mich wach machte: „Im Grunde ist an all dem nur dieser Nelson schuld, Nelson hätte es verhindern können, aber er hat es vermasselt. Horatio Nelson, dieser elende Versager.“ Es war die ältere der beiden Stimmen, die sprach, voller Hohn und Spott. Etwas geziert, wenn nicht professoral war außerdem der Tonfall, so dass ich spontan auf einen jener elitären VAER-Bürger mit nordafrikanischem oder orientalischem und mithin extrem akademischem Hintergrund tippte; diese Sorte Reichsbewohner liegt mit penetranter Regelmäßigkeit bei allen Bildungstests vorn. Von einem „Nellsonne“ meinte ich gehört zu haben, im Sportunterricht, in dessen Rahmen bekanntlich zwecks Erreichens einer umfassenden abendländisch-klassizistischen Bildung das Ringen zum Pflichtkanon zählt. Woher dieser merkwürdige Begriff stammte, hatte uns freilich nie jemand erklärt. Doch dass es hier, an diesem Mittag im TGV, um einen anderen Nelson ging, war mir trotz der spanischen Hitze auch klar, zumal jener, der den Namen erwähnte, ihn dezidiert in einem sonderbaren, mir unbekannten Dialekt aussprach. Und je länger ich darüber nachdachte, um so mehr war mir dunkel, als sei von einem „Horäischo Nälsen“ schon einmal im Geschichtsunterricht die Rede gewesen. Unser Geschichtslehrer galt allerdings als Sonderling.

Wie auch immer, da ich in Madrid über ein wenig Zeit verfügte, suchte ich die dortige Reichszweigstelle der VAER-Zentralbibliothek auf und fragte nach. Ich erntete irritierte Blicke der durchweg jüngeren weiblichen Bediensteten, die mich mit üblichem provokantem Augenaufschlag musterten und mokant die Lippen schürzten, während sie sich – wie gleichfalls üblich, wegen der „érotique“ – ihre ohnehin knappen Oberteile strammzogen. Ich muss erwähnen, dass ich ein einigermaßen normal aussehender Mann mittleren Alters bin. Früher wurde mir sogar bisweilen gesagt, ich besäße eine gewisse Attraktivität. Nun ja.

Nach leicht abschätziger Sichtung meiner Papiere, die immerhin für einen Mindeststandard an Seriosität zu bürgen schienen, verwies man mich an das Archiv, tief im Keller gelegen. Dort gebe es eine spezielle Abteilung für so genannte historische Kuriositäten. Ich verbrachte in diesen Räumlichkeiten die Nachmittagsstunden mehrerer Tage. Das Ergebnis meiner Neugier – von wirklicher „Forschung“ zu sprechen würde ich mir nie anmaßen – war, kurz gesagt, das Folgende: Einen Horatio Nelson, „Lord“ seines Zeichens, wie es heißt – ein Titel, bei dem es sich offenbar um den Tribut an jenen für sein Herkunftsland typischen Hang zu Marotten handelt – hat es tatsächlich gegeben. Nelson stammte, wohl kaum ein Zufall, von genau jener Insel, auf die seit geraumer Zeit kein halbwegs bei Sinnen befindlicher VAER-Bewohner seinen Fuß mehr setzt, es sei denn, er zähle zur schwindenden Minderheit derer, die für einen verregneten Urlaub mit indiskutabler Verpflegung – oft serviert von radebrechenden Männern in Röcken – auch noch teure Francs ausgeben, weil sie dergleichen für eine „aventure“ halten. Die Sprache dieser Inselbewohner verwendet und versteht im Übrigen niemand sonst auf der Welt. Es existieren praktisch keine Wörterbücher mehr. Der Untergang des nordamerikanischen Kapitalismus, der sich eine spezielle Variante der Inselsprache zu Eigen gemacht hatte, dürfte nach Ansicht von Experten den – nicht nur linguistischen – Niedergang beschleunigt haben. Nelson, so entnahm ich ferner den Aufzeichnungen, hatte seinerzeit von seiner Inselregierung, die es offenbar einmal gab – heute handelt es sich, wie allgemein bekannt, um ein Departement der untersten Daseinsberechtigungsstufe, zu dessen Verwaltung die VAER-Regierung maximal drittklassige Diplomaten im Vorruhestand abordnet –, den Auftrag erhalten, die Eroberung besagter Insel durch die Seekräfte Napoleons zu verhindern. Napoleon war ein Vorgänger unseres Président, des hochverehrten Monsieur Buchy.

Zu dem Zweck wurde eine Seeschlacht angesetzt, bei „Trafalgar“, einem Ort, der angeblich nahe der Meerenge lag, die den europäischen Südwesten des VAER von den nordafrikanischen Provinzen trennt, nicht allzu weit hier von Madrid also. Genaueres fand ich nicht dokumentiert. Den Ort scheint es lange nicht mehr zu geben. Nelson, so heißt es weiter in den Aufzeichnungen, hatte Befehl, nach der Devise zu verfahren „Rette dein Vaterland, gleich, was es dich kostet, und wenn es dein Leben wäre“.

Doch Horatio, der Versager und Vermassler, hatte an jenem 21. Oktober 1805, als es ernst wurde, einen sehr schlechten Tag. Gewiss träumte er seit längerem davon, sich durch einen Sieg über „uns“ endgültig die Baugenehmigung für ein Ehrenmal in Form einer Statue am so genannten Trafalgar Square in der Hauptstadt seiner Insel (Long Dong? Landen? Die Quellenlage ist dürftig) zu sichern. Andererseits verspürte er keine große Lust, mit 47 Jahren zu sterben. Außerdem wirbelten in seinem Kopf viele andere Gedanken.


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 53. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 53

No. 53Dezember 2005 / Januar 2006

Von Benjamin Worthmann und Kriki

Der Schriftsteller und Journalist Benjamin Worthmann lebt in Berlin. Die Neuordnung der Welt, erzählt man sich in der Hauptstadt, habe ihm größtes Vergnügen bereitet.
Der Cartoonist Kriki, geboren 1950, manchen eher bekannt unter dem Namen Christian Groß, ist ebenfalls in Berlin wohnhaft.

Mehr Informationen
Vita Der Schriftsteller und Journalist Benjamin Worthmann lebt in Berlin. Die Neuordnung der Welt, erzählt man sich in der Hauptstadt, habe ihm größtes Vergnügen bereitet.
Der Cartoonist Kriki, geboren 1950, manchen eher bekannt unter dem Namen Christian Groß, ist ebenfalls in Berlin wohnhaft.
Person Von Benjamin Worthmann und Kriki
Vita Der Schriftsteller und Journalist Benjamin Worthmann lebt in Berlin. Die Neuordnung der Welt, erzählt man sich in der Hauptstadt, habe ihm größtes Vergnügen bereitet.
Der Cartoonist Kriki, geboren 1950, manchen eher bekannt unter dem Namen Christian Groß, ist ebenfalls in Berlin wohnhaft.
Person Von Benjamin Worthmann und Kriki