Am Rand der bewohnbaren Welt

Die Finnmark im äußersten Norden Norwegens ist die einsamste Landschaft Europas. Dennoch erlebt man hier Wundersames

Ich wollte den Frühling im äussersten Norden Europas erleben und musste feststellen, dass er nach Winter aussieht. Das intensive Licht lässt keine Wiesen leuchten, sondern Schneeflächen gleißen. Mit mitteleuropäischen Erwartungen wird man den Verhältnissen am Rand der bewohnbaren Welt einfach nicht gerecht. Am besten versteht man den arktischen Jahreslauf, wenn man sich an den Vorstellungen der Sámi orientiert. Für die gibt es acht Jahreszeiten, drei davon werden dem Winter zugeschlagen, und Ende März herrscht „Frühlingswinter“. 
Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass nach zwei Monaten Polarnacht – auf Norwegisch mørketid, Dunkelzeit – die Sonne wieder über den Horizont kommt und in einer steilen Kurve an den Himmel steigt. Die weite, menschenleere Landschaft darunter, in der sich keine Bäume im Wind wiegen, weil es keine gibt, scheint starr dazuliegen, aber in Wahrheit befindet sich die Natur in fortlaufender Veränderung. Wenn man genau hinhört, nimmt man hier und da ein rieselndes Geräusch wahr: Es taut. 

Im Nordsamischen wird der März njukˇcamánnu genannt, Schwanenmonat, weil die ersten Singschwäne aus den Winterquartieren zurückkehren. Auf den vereisten Seen können sie nicht landen, aber auf den Fjorden sehr wohl, denn dank des Golfstroms friert die Barentssee nicht zu. Schon bevor die Schwäne eintreffen, ist sie von Vögeln übersät. Viele von ihnen, darunter die schmucken Scheckenten und Prachteiderenten, kommen zum Überwintern aus Sibirien. Normalerweise bleiben sie bis in den April hinein, aber aufgrund der Klimaerwärmung kehren sie inzwischen früher in ihre Brutregionen zurück, sodass keine mehr zu sehen sind, als ich an der Ostküste der Varangerhalbinsel am Ufer stehe. Vom Wasser aus blicken Kegelrobben herüber, als hätten sie den Auftrag, mich im Auge zu behalten. Weiter draußen schwimmen unzählige Möwen und Gryllteisten, und während ich sie mit dem Fernglas betrachte, schießt eine Fontäne hoch und der Rücken eines Finnwals taucht auf, sanft gerundet wie ein umgedrehtes Boot, an der kleinen Flosse leicht zu erkennen. 

Bevor ich es begriffen habe, ist er wieder weg, aber er kommt zurück, zeigt Blas und Rücken, bald auch die Fluke. Dann werden weitere, kleinere Flossen sichtbar: Hier führt eine Mutter ihren Nachwuchs aus. Als Mitteleuropäer rechnet man nicht damit, beim Spaziergang einem Wal zu begegnen. Doch selbst für die Einheimischen ist der Anblick nicht alltäglich. In der lokalen Facebook-Gruppe wird noch am selben Tag gefragt: „Hat jemand von euch die Wale gesehen?“ Bestätigungen lassen nicht lange auf sich warten, und ein Video beweist, dass es sich tatsächlich um Finnwale gehandelt hat.

Die Freude an der Beobachtung ist nur eine Variante des Verhältnisses zu den Meeressäugern, die eben auch ein Wirtschaftsfaktor sind. In Küstenorten wie Vardø werden Walsafaris ange­boten, weil es vielen Menschen einiges wert ist, einmal im Leben einen Wal zu sehen. Die dritte Variante ist die Jagd. Die ist in Norwegen immer noch erlaubt, wenn auch nur nach Mink­walen. Allerdings geht das Geschäft zurück. Seit Jahren wird die erlaubte Quote nicht mehr erreicht. 

Vor der Zeit des industriellen Walfangs hielt man die Wale für einen Segen, weil man glaubte, sie trieben die Fische in Ufernähe. Allerdings gab es damals ohnehin genug Fisch. Er war der Grund, warum es Menschen in diese arktische Region zog: Fisch, an den man zu jeder Jahreszeit herankam. So karg das Land sein mochte, konnte man sich doch darauf verlassen, jeder Zeit genug zu essen zu haben, und sei es getrockneter Dorsch oder eingesalzener Lachs. Vor allem deshalb siedelten sich im 18. und 19. Jahrhundert Menschen aus Finnland an der Polarmeerküste an, deren Nachkommen als Kvenen bezeichnet werden und Kvenisch sprechen, eine eng mit dem Finnischen verwandte Sprache.

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 174. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 174

mare No. 174Februar / März 2026

Von Stefan Moster und Severin Wohlleben

Der Autor und Übersetzer , Jahrgang 1964, wurde am Rhein ge­boren, befindet sich jedoch auf ständiger Tuchfühlung mit dem Norden, da er die Hälfte seiner Zeit in Finnland lebt. In Nordnorwegen war er zum ersten Mal vor 35 Jahren im Winter – in einer viel zu dünnen Jacke.

Der Fotograf Severin Wohlleben, Jahrgang 1987, lebte mit Anfang zwanzig für ein Jahr in der Finnmark. Seitdem möchte er endlich mit dem Mythos aufräumen, dass es in Nordnorwegen den ganzen Winter über komplett dunkel ist. Denn es gibt dort dieses atemberaubende Licht. 

Mehr Informationen
Vita

Der Autor und Übersetzer , Jahrgang 1964, wurde am Rhein ge­boren, befindet sich jedoch auf ständiger Tuchfühlung mit dem Norden, da er die Hälfte seiner Zeit in Finnland lebt. In Nordnorwegen war er zum ersten Mal vor 35 Jahren im Winter – in einer viel zu dünnen Jacke.

Der Fotograf Severin Wohlleben, Jahrgang 1987, lebte mit Anfang zwanzig für ein Jahr in der Finnmark. Seitdem möchte er endlich mit dem Mythos aufräumen, dass es in Nordnorwegen den ganzen Winter über komplett dunkel ist. Denn es gibt dort dieses atemberaubende Licht. 

Person Von Stefan Moster und Severin Wohlleben
Vita

Der Autor und Übersetzer , Jahrgang 1964, wurde am Rhein ge­boren, befindet sich jedoch auf ständiger Tuchfühlung mit dem Norden, da er die Hälfte seiner Zeit in Finnland lebt. In Nordnorwegen war er zum ersten Mal vor 35 Jahren im Winter – in einer viel zu dünnen Jacke.

Der Fotograf Severin Wohlleben, Jahrgang 1987, lebte mit Anfang zwanzig für ein Jahr in der Finnmark. Seitdem möchte er endlich mit dem Mythos aufräumen, dass es in Nordnorwegen den ganzen Winter über komplett dunkel ist. Denn es gibt dort dieses atemberaubende Licht. 

Person Von Stefan Moster und Severin Wohlleben
Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite