Altes Gift

Ein gefährliches Erbe des Industriezeitalters kommt zurück: Aus dem tauenden arktischen Permafrostboden gelangt Quecsilber in die Nahrungskette. Erste Leidtragende sind die Inuit

Samara Lyall liebt Karibufleisch. „Ich esse es morgens, mittags und zum Abendbrot“, sagt die junge Inuitfrau. Karibus, so nennt man in Nordamerika Rentiere, sind für die Menschen in Samaras Heimatort Taloyoak die wichtigste Nahrung. Schon immer haben sie hier Karibus gejagt – früher, als die Familien als Nomaden durch die Tundra wanderten, und auch heute noch. Alle paar Wochen ziehen die Männer für mehrere Tage los, um auf Karibujagd zu gehen. 

Taloyoak ist ein abgeschiedenes Dorf, das weit im Norden Kanadas in der Re­gion Nunavut liegt, nördlicher als die Südspitze Grönlands. Den Ort erreicht man nur mit dem Flugzeug. Im Winter ist er tief verschneit. Taut im Frühling der Schnee, kommt Geröll zum Vorschein. Nur ein paar struppige Gräser und Kräuter, Moose und Flechten gedeihen hier. Den Karibus genügt das. Gut 1000 Menschen leben in Taloyoak. Es gibt zwei kleine Läden, ein Dorfgemeinschaftshaus und eine Schule für rund 200 Kinder. 

Auch Samara ist hier zur Schule gegangen. In der Oberstufe war sie die Einzige, die den Chemiekurs belegte. „Chemie ist mein Ding“, sagt sie. Vor allem ein Thema fesselt sie: Giftstoffe, die sich in den Tieren der Arktis und in der Nahrung der Inuit anreichern – Chlor- und Fluorverbindungen, Insektenvernichtungsmittel und vor allem das Schwer­metall Quecksilber. Über Jahrzehnte sind diese Gifte mit Luftströmungen aus Industriegebieten im Süden – aus Kanada, den USA, Europa, China oder Indien – um die Welt bis in die Arktis gelangt.

„Anreichern“ bedeutet, dass sich ein Gift mit jeder Stufe der Nahrungskette in den Lebewesen aufkonzentriert. Weniger in Karibus, vor allem aber in Robben, Walen und Raubfischen wie dem Arktischen Saibling – in Tieren also, die ebenfalls zum regelmäßigen Speiseplan der Inuit gehören.  
Die Nahrungskette beginnt mit winzigen Algen, dem Phytoplankton, das die Gifte aus dem Wasser aufnimmt. Im Phytoplankton ist die Quecksilberkonzentration 10 000-mal höher als im Wasser. In den darauffolgenden Organismen steigt der Quecksilbergehalt jeweils um das Zehn- bis 20-Fache.  

Das Phytoplankton wird vom Zooplankton – also von Fischlarven und Kleinstkrebsen – gefressen. Auf die Zooplankter wiederum machen kleine Fische Jagd, die ihrerseits von größeren Fischen gefressen werden. Bis schließlich ein Seehund oder ein großer Raubfisch wie der Arktische Saibling zuschnappt. In deren Körpern kann das Quecksilber mehrere Millionen Mal stärker angereichert sein als im Wasser. Kein anderes Schwermetall sammelt sich in Lebewesen so stark an. Vor allem in den inneren Organen findet sich viel Quecksilber, insbesondere in der Leber und der Niere. Essen Menschen über längere Zeit stark belastete Nahrung, kann das zu Nervenschäden führen. 

Karibus sind Pflanzenfresser. Die Nahrungskette ist kürzer als bei räuberischen Tieren, deshalb enthält ihr Muskelfleisch glücklicherweise wenig Quecksilber. Nur Leber und Niere weisen höhere Werte auf. Doch in vielen anderen Arten erreichen die Konzentra­tionen bedenkliche Höhen. Oft sind Belugawale, Narwale und Raubfische besonders stark belastet. Für die Inuit ist das ein Problem, weil sie sich auch heute noch hauptsächlich davon ernähren. 

„Wildfleisch ist für uns kostenlos, jederzeit verfügbar, und wir wissen, wie man es zubereitet“, sagt Samara. Andere Lebensmittel sind rar oder extrem teuer, weil alles eingeflogen werden muss. „In unseren Dorfläden können wir Reis, Karotten und Sellerie kaufen, aber das kostet viel Geld.“ Zwar subventioniert die Regierung Früchte und Gemüse. Dennoch sind die Preise hoch. Weintrauben werden je Kilogramm mit neun kanadischen Dollar subventioniert, gut fünf Euro. Trotzdem kostet das Kilo noch immer 13 Dollar, etwa acht Euro. Kaum jemand kann sich das hier leisten. 


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mare No. 175

mare No. 175April / Mai

Von Tim Schröder und Juliette Pavy

Tim Schröder, Jahrgang 1970, freier Wissenschaftsjournalist in Oldenburg, erinnert sich noch gut an die silbrig schimmernde Flüssigkeit in den Fieberthermometern seiner Kindheit. „Pass auf, das ist ­giftig“, bekam er damals oft zu hören. Dass dieses Quecksilber in der Arktis in Böden, Meeren, Tieren und am Ende auch im Menschen landet, findet er ziemlich beunruhigend.

Die französische Fotografin Juliette Pavy, geboren 1996, wohnhaft in Paris, der Bretagne und Grönland, ist Absolventin der Fotojournalistenschule EMI-CFD in Paris. Seit 2022 reist sie regelmäßig in die Arktis, wo sie zu sozialen und ökologischen ­Themen arbeitet. Ihre Reportagen erscheinen in ­internationalen Medien wie „The New York Times“, „Le Monde“ oder „Der Spiegel“. Als studierte Bio­login verbindet sie wissenschaftliche Neugier mit ­dokumentarischem Blick. Für ihre Arbeit über die Quecksilberbelastung in der Arktis erhielt sie das Fran­çoise-Demulder-Stipendium des Fotojournalismus­festivals „Visa pour l’Image“ in Perpignan.

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Vita

Tim Schröder, Jahrgang 1970, freier Wissenschaftsjournalist in Oldenburg, erinnert sich noch gut an die silbrig schimmernde Flüssigkeit in den Fieberthermometern seiner Kindheit. „Pass auf, das ist ­giftig“, bekam er damals oft zu hören. Dass dieses Quecksilber in der Arktis in Böden, Meeren, Tieren und am Ende auch im Menschen landet, findet er ziemlich beunruhigend.

Die französische Fotografin Juliette Pavy, geboren 1996, wohnhaft in Paris, der Bretagne und Grönland, ist Absolventin der Fotojournalistenschule EMI-CFD in Paris. Seit 2022 reist sie regelmäßig in die Arktis, wo sie zu sozialen und ökologischen ­Themen arbeitet. Ihre Reportagen erscheinen in ­internationalen Medien wie „The New York Times“, „Le Monde“ oder „Der Spiegel“. Als studierte Bio­login verbindet sie wissenschaftliche Neugier mit ­dokumentarischem Blick. Für ihre Arbeit über die Quecksilberbelastung in der Arktis erhielt sie das Fran­çoise-Demulder-Stipendium des Fotojournalismus­festivals „Visa pour l’Image“ in Perpignan.

Person Von Tim Schröder und Juliette Pavy
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Tim Schröder, Jahrgang 1970, freier Wissenschaftsjournalist in Oldenburg, erinnert sich noch gut an die silbrig schimmernde Flüssigkeit in den Fieberthermometern seiner Kindheit. „Pass auf, das ist ­giftig“, bekam er damals oft zu hören. Dass dieses Quecksilber in der Arktis in Böden, Meeren, Tieren und am Ende auch im Menschen landet, findet er ziemlich beunruhigend.

Die französische Fotografin Juliette Pavy, geboren 1996, wohnhaft in Paris, der Bretagne und Grönland, ist Absolventin der Fotojournalistenschule EMI-CFD in Paris. Seit 2022 reist sie regelmäßig in die Arktis, wo sie zu sozialen und ökologischen ­Themen arbeitet. Ihre Reportagen erscheinen in ­internationalen Medien wie „The New York Times“, „Le Monde“ oder „Der Spiegel“. Als studierte Bio­login verbindet sie wissenschaftliche Neugier mit ­dokumentarischem Blick. Für ihre Arbeit über die Quecksilberbelastung in der Arktis erhielt sie das Fran­çoise-Demulder-Stipendium des Fotojournalismus­festivals „Visa pour l’Image“ in Perpignan.

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