Seemann, gestrandet

Ein Nautiker als Wirt mitten in Schwaben? Da muss die Liebe im Spiel sein. Ausgleich findet er im maritimen Kochen für Gäste

Als Hans Albers in "La Paloma“ vom „leuchtenden Kreuz des Südens“ träumte, trällerte er lakonisch „Seemannsbraut ist die See / und nur ihr kann er treu sein“. Das allerdings galt für Nicolas Giese nur so lange, bis eine schöne Stuttgarterin mit Namen Konstanze sein Lebensschiff gewaltig ins Schlingern brachte. „Sie hat mich einfach umgehauen“, sagt der große, schwere Mann mit den blonden Haaren und den blauen Augen, der tatsächlich geradewegs einer Hans-Albers-Fantasie entsprungen scheint.

Konstanze stammt aus einer süddeutschen Musikerfamilie. Die Mutter Sängerin, der Vater Cellist, er verdiente als Schulmusiker den Unterhalt, alle vier Kinder lernten Streichinstrumente. Konstanze und ihre Geschwister geigten, so erzählt es Giese sichtlich beeindruckt, bei Bühnenauftritten von Udo Jürgens, James Last und David Knopfler.

„Jetzt musst du noch die Patentante kennenlernen“, sagte Gieses Kollege und Freund, ein Schwager von Konstanze, vor gut sechs Jahren. Nicolas Giese aber hat zu der Zeit noch immer sehr gefremdelt mit allem, was nicht das Meer war. „Ich war zwar nie im Panamakanal“, sagt er, „nie in Indien und nie in Neuseeland, aber ich fuhr durch die Magellanstraße und sehr oft durch den Sueskanal. Und davon abgesehen war ich sonst fast überall“, berichtet er. Als Nicolas und Konstanze unverhofft gemeinsam Paten der kleinen Marlene werden, so erzählt er, sei er ihr gegenüber ungewohnt schüchtern gewesen. Sie lacht, als sie erzählt, wie sich beide da mit einem Mal auf einem sehr kleinen Lübecker Balkon gegenüberstanden, sie und der große Mann.

Drei Monate später seien sie sich dann, nur wie zufällig verabredet, in Lübeck direkt in die Arme gelaufen, Konstanze und er. Und das war nicht nur der Beginn einer bewegenden Liebesgeschichte, sondern auch einer ungewöhnlichen gemeinsamen Lebensplanung. Es wird geheiratet. Und der Seemann erwirbt den Schreibwarenladen in der Kemnater Kurve, der dort schon seit den 1960er-Jahren existiert.

48° 43' Nord, 9° 13' Ost – eine Position, die so weit entfernt ist von jeglichem Meer wie kaum ein anderer Ort in Europa. Ob an die Nord- oder die Ostsee, an den Atlantik, das Tyrrhenische Meer oder die Adria, immer sind es von hier aus mehr als 600 Kilometer. Von Kemnat aus. Kemnat? Ja, ein Dorf auf den schwäbischen Fildern, der fruchtbaren Vorstufe zur karstigen Hochebene der Alb südlich von Stuttgart. Aber hierher hat es den Seebären der großen Liebe wegen nun einmal verschlagen.

Sein Laden ist eine kuriose Mischung aus Schreibwarenladen und Hafenkneipe. Die Toilette im hinteren Teil des Ladens hat Giese aus einem Fischkutter ausbauen und hier wieder einbauen lassen. Und das erzählt viel von der Abenteuerlust und vom Humor des sympathischen Manns. Von der Decke hängen Schiffsmodelle, an den Wänden zahlreiche Zeitungsartikel und maritime Devotionalien. 

Es gibt neben allem, was man in einem Schreibwaren-, Tabak- und Zeitschriftenladen finden kann, ein kleines und feines gastronomisches Angebot an Kuchen und anderen Kulinarien. Matjes steht im Zentrum der nicht vorhandenen Speisekarte. Aber es wird auch gegrillt. „Und meine Getränke sind alle trocken“, versichert Giese, „bis auf das Wasser.“

Der lange Freitagabend ist recht bald schon entstanden. Gieses offene Tür wurde zu einem Treffpunkt in der Kemnater Kurve. Man sitzt abends gemütlich zusammen und klönt miteinander, auch wenn das hier nicht so heißt. Häufig gibt es Konzerte oder Lesungen. 

Zuletzt fühlte es sich für ihn als Nautiker so an, als müsse er zurück in den Stahlknast, wenn es wieder mit einem Containerschiff auf eine viermonatige Reise ging, sagt Giese. Aber es ist augenscheinlich: Hier, mit Konstanze in Kemnat, hat er seine große Freiheit gefunden. Er strahlt voller Lebensfreude und Elan. 

Und er hat weitere Pläne. Im Keller seines Ladens arbeitet er bereits an der Kemnater Zukunft. Irgendwann entsteht da unten nämlich die „Kokosnuss-Bar“, ein kleiner Club, auf den sich viele in Kemnat und Umgebung jetzt schon freuen dürfen. Denn der wird garantiert ebenso legendär wie es Nicolas Gieses „HamburG.Süd TrafikCafé“ jetzt schon ist. 


Mango-Avocado-Matjes

Zutaten (für vier Personen)
8 Matjesfilets, 1 Mango, 1 Avocado, 1 Packung Mozzarella, 1 weiße Zwiebel, 1 rote Zwiebel, 4 Radieschen, 200 g Schmand, 8 Scheiben kräftiges Schwarzbrot, Butter.

Zubereitung
Mango, Avocado, Zwiebeln, Radieschen und den Mozzarella klein schneiden. Die Matjesfilets, von den Zwiebelringen bedeckt, mit allen Zutaten auf vier Teller verteilt anrichten. Den Schmand in einem Schüsselchen dazustellen oder auf dem Tellerrand platzieren. Keine Gewürze.

HamburG.Süd TrafikCafé
Heumadener Straße 1
73760 Ostfildern/Kemnat
+49 711 4586236.

Geöffnet Mo 9–12, Di–Sa 9–13, Di–Do 15–18, Fr 16–22 Uhr, So geschlossen. 
www.trafikcafekemnat.de

mare No. 148

mare No. 148Oktober / November

Von Mathias Jeschke und Severin Wohlleben

Mathias Jeschke, geboren 1963 in Lüneburg, studierte Evangelische Theologie in Göttingen, Heidelberg und Rostock und lebt seit 1999 in Stuttgart. Er arbeitet als Verlagslektor und veröffentlicht Gedichte und Bilderbuchgeschichten.

Severin Wohlleben, Jahrgang 1987, geboren in Bayern, arbeitet am liebsten im hohen Norden.

Mehr Informationen
Vita Mathias Jeschke, geboren 1963 in Lüneburg, studierte Evangelische Theologie in Göttingen, Heidelberg und Rostock und lebt seit 1999 in Stuttgart. Er arbeitet als Verlagslektor und veröffentlicht Gedichte und Bilderbuchgeschichten.

Severin Wohlleben, Jahrgang 1987, geboren in Bayern, arbeitet am liebsten im hohen Norden.
Person Von Mathias Jeschke und Severin Wohlleben
Vita Mathias Jeschke, geboren 1963 in Lüneburg, studierte Evangelische Theologie in Göttingen, Heidelberg und Rostock und lebt seit 1999 in Stuttgart. Er arbeitet als Verlagslektor und veröffentlicht Gedichte und Bilderbuchgeschichten.

Severin Wohlleben, Jahrgang 1987, geboren in Bayern, arbeitet am liebsten im hohen Norden.
Person Von Mathias Jeschke und Severin Wohlleben