Notizen einer Landratte, 20.

Diesmal rechnet unser Kolumnist Maik Brandenburg mit einem tierischen Gesundheitsprodukt ab, rückt das Modephänomen Wellness ins rechte Licht und prangert den medizinischen Missbrauch von Kaninchen an

Das Meer verfügt über wundersame Heilkräfte. Mich heilte es von akuter Seefahrerromantik. Kaum hatte ich das Meer ein paar Meter befahren, war ich kuriert, Hallelujah! Damals wehte ein starker Wind, zu den Heilkräften des Meeres muss man also unbedingt die Heulkräfte zählen.

Dabei traute ich dem Meer anfangs nur Schlechtes zu. Ich gehöre nämlich einer Generation an, der in ihrer Kindheit Lebertran eingeflößt wurde. Lebertran ist ein stinkendes Öl, mit dem die Wikinger ihre Schiffsrümpfe einschmierten. Ich musste das trinken! Es sollte mich gegen Verkrümmungen der Wirbelsäule feien. Es half aber nicht, ich krümme mich bis heute vor Ekel, wenn ich nur daran denke. Man sagte damals, Lebertran stamme von Walen, was nicht stimmt. Dennoch stehe ich dem Schutz der Wale heute eher gleichgültig gegenüber.

Aber grundsätzlich gilt: Alles Gute kommt von unten. Das Meer soll eine riesige Apotheke sein. Mittel gegen Krebs, Herpes, gegen die 700 sichtbaren Zeichen der Hautalterung. Am Ende findet sich sogar was gegen Schnupfen, kann man’s wissen? Die meisten Wirkstoffe treiben dort nicht einfach rum, sondern sind kindersicher verpackt in Fischen, Schwämmen oder Muscheln.

Ich frage mich, warum der Mensch das Wasser verließ, wo er doch im Meer alles hatte. Heute gibt er viel Geld aus, um diesen Fehler wiedergutzumachen. Teuer kommen ihn besonders die von den Werbeagenturen bereitgestellten Therapien. Dabei gehen bei jeder Wellnessanwendung 90 Prozent an den Erfinder des Begriffs „Wellness“, den Rest teilen sich die Hotels und Heilpraxen. Ähnlich sieht es bei den Begriffen Thalasso, Rasulbad oder Algenpeeling aus, denn Wortschöpfung ist Wertschöpfung. Schlammpackungen vertrockneten in den Regalen, bis jemand auf Fango kam, seitdem wirkt der Meermatsch Wunder. Die Deutschen sind angeblich Weltmeister im, nein, nicht Redskinning, sondern immer noch im Sonnenbaden. Vor allem im Sommer ist die Ostsee ein einziges Loch Well-Ness.

Man sollte aber aufpassen, dort nicht zu viel Wasser zu schlucken. Wegen der Aerosole etwa, das sind Teilchen in der Meeresluft. Sie regen „den Abtransport von Schleim aus den Bronchien“ an, wie führende Doktorfische erklären, sie helfen bei Husten oder Asthma. Sollte Ihr Strandnachbar also auffallend heftig atmen, kann es sein, dass er gerade ertrinkt oder Schleim ins Meer verklappt. Trotz des Gefahrenguts (Viren, Bakterien) sind hierfür aber keine Sondergenehmigungen erforderlich. Allerdings wird eine Küstenmaut erhoben, Kurtaxe genannt. Mit dem Geld werden die Gewässer wieder gereinigt. Nicht wie in Israel, wo am heute natürlich Toten Meer jahrelang Schleim, Hautschuppen und anderer körpereigener Müll ins Wasser gelangten und dort verblieben. Eines Tages kippte das Meer um und wachte nicht wieder auf. Die Israelis aber pökelten ihre Wasserleiche ein und machen weiterhin tolle Geschäfte mit ihr.

Auf Ischia bedienen sie sich für den Profit sogar perfider Tricks. Dort tritt man entlang der Küste leicht in eines der vielen Kaninchenlöcher. Dann hat man die sprichwörtliche „Pein im Bein“, es zieht böse im Ischias. Die Insel am Golf von Neapel züchtet für ihr weltweit vermarktetes Syndrom extra Heerscharen von Kaninchen. Auch andere Tiere werden missbraucht, darunter Schildkröten oder Haie. Deren Eiern beziehungsweise Flossen sagt man in Ostasien atemberaubende Eigenschaften nach, vor allem für die sexuelle Gesundheit. Nicht ohne Folgen. Einstmals friedliche Haie radikalisierten sich bereits und greifen Surfer an, stellvertretend für alle Potenzprotze. Schildkröten sieht man immer öfter vor Flachbildschirmquallen, wo sie mithilfe der TV-Serie „Ninja Turtles“ spezielle Kampftechniken einüben.

Nicht alle Heilmethoden im Zusammenhang mit dem Meer sind zudem wirklich effektiv. Das Waterboarding etwa führt zu schweren Nebenwirkungen wie Antiamerikanismus. Auch ein Tsunami heilt wohl nur vorübergehend von Atomkraft. Dubios scheinen auch Angebote wie eine „zweiwöchige Tiefenentspannung im Marianengraben“, das „sportliche Thalassowerfen auf Seepferdchen“ oder Tabakseminare mit einem „Black Smoker from the lower side of Louisana“. Die Krankenkassen warnen: Im Internet vertriebene Aufenthalte am „Meer der Ruhe“ können die Lungen schädigen. Und eine Impfung gegen Seepocken sei in jedem Fall kostenpflichtig.

mare No. 97

No. 97April / Mai 2013

Von Maik Brandenburg

Maik Brandenburg, Jahrgang 1962, studierte Journalistik und arbeitet als freier Autor, u.a. für mare, Geo, Merian. Leidenschaftlicher Vater und Reportage-Fan. Er lebt mit seiner Familie auf der Insel Rügen.

Mehr Informationen
Vita Maik Brandenburg, Jahrgang 1962, studierte Journalistik und arbeitet als freier Autor, u.a. für mare, Geo, Merian. Leidenschaftlicher Vater und Reportage-Fan. Er lebt mit seiner Familie auf der Insel Rügen.
Person Von Maik Brandenburg
Vita Maik Brandenburg, Jahrgang 1962, studierte Journalistik und arbeitet als freier Autor, u.a. für mare, Geo, Merian. Leidenschaftlicher Vater und Reportage-Fan. Er lebt mit seiner Familie auf der Insel Rügen.
Person Von Maik Brandenburg
Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite