Die Europäische Kommission für Fischerei möchte, dass wir mehr Quallen essen. Quallen, heißt es, seien nicht überfischt. Das leuchtet ein, denn nur Fisch kann überfischt sein. Sonst müsste es heißen überquallt. Noch sind die Meere nicht von Überquallung bedroht.
Ist das ein guter Vorschlag? Delfine und Schildkröten berichten, Quallen schmecken nach nichts, machen aber satt. Mehr ist zu diesem Thema von den Japanern zu hören. Weil es nach nichts schmeckt und grauenvoll aussieht, sind die Fernöstler begeisterte Quallenesser. Damit überhaupt Geschmack entsteht, geben sie dort in einen Quallensalat Pfeffer, Essig, Zwiebeln, Knoblauch und Chiliöl. Das sind teure Zutaten, die man nicht verschwenden darf. Ein Grund, warum die Japaner die Qualle dann am Ende ganz gerne weglassen.
Auch die Chinesen essen Quallen, allerdings nur unter Tarnnamen, um zarte Mägen nicht zu entmutigen. Ein Quallensalat etwa firmiert auf ihren Speisenkarten unter der völlig harmlosen Bezeichnung „Gemischte Schlangenhaut“. In Deutschland gibt es noch keinen „Wackelpudding à la mer“. Obwohl eine Art Spiegeleiqualle heißt, kriegt man die ebenfalls nicht in Deutschland, auch nicht mit ganz viel Speck.
Ein weiteres Hindernis dürfte den Jubel über das Angebot der Europäischen Union dämpfen: Viele Quallenarten sind sehr giftig. Nicht jeder, der leicht zu durchschauen ist, ist also auch ungefährlich. Die giftigsten Exemplare leben in den warmen Meeren. Die Seewespe vor Australiens Küste gaukelt mit ihrem Namen und ihrer Größe allenfalls leichte Komplikationen vor, haut aber in Wirklichkeit den stärksten See-Elefanten um. Wer einen Quallenangriff überlebt, berichtet hernach von infernalischen Schmerzen. Noch gibt es kaum Mittel gegen die meisten ihrer Toxine.
Einen gewissen Schutz bietet immerhin das Wort „Quallenqualen“. Wer es zehnmal hintereinander fehlerfrei aufsagen kann, am besten im Gebirge, gilt als wenig gefährdet. Sollten Sie während eines Strandspaziergangs in Malibu auf eine Qualle treten und trotzdem nicht laut aufheulen, handelt es sich wahrscheinlich nur um ein verlorenes Silikonkissen.
Schließlich sehe ich auch ein ethisches Problem, falls die Kommission tatsächlich vorhat, uns Quallen aufzutischen. Quallen sind den Menschen nämlich ähnlicher, als man glaubt. Das trifft besonders auf die große Gruppe der Schirmquallen zu. Sie sind mit den an Land lebenden Bildschirmquallen, vulgo Dauerglotzer, verwandt. Die Gemeinsamkeiten sind wirklich erstaunlich: Beide Gruppen besitzen kein Hirn, verfügen aber über Augen. Auch ein Rückgrat fehlt, was vor allem die Bildschirmquallen zu einzigartigen Überlebensstrategien befähigt. Es wurden Exemplare beobachtet, die sich fast regungslos gegen ein zweistündiges „Frühlingsfest der Volksmusik“ behaupteten. Forscher schreiben ein solches Vermögen vor allem dem permanenten Einfluss des nachmittäglichen TV-Konsums zu, dem sogenannten Qualletätsfernsehen. Während die Schirmquallen zu den Nesseltieren zählen, sind die Bildschirmquallen aber den Sesseltieren zuzurechnen.
Doch das sind akademische Nickligkeiten. Gemeinsam ist beiden Gruppen wieder, dass sie hervorragend an ihre jeweiligen Lebensräume angepasst sind. Ziellos lassen sie sich von den Strömungen treiben, die einen vom Golfstrom, die anderen vom televisionären Mainstream. Während sie treiben, strömt ihnen ununterbrochen Nahrung zu. Diese unterscheidet sich nur mar- ginal: Beide Gruppen lieben Muscheln und kleine Krebse, die Bildschirmquallen indes vorwiegend gekocht, und in puncto Muscheln bevorzugen sie das belgische Sortiment mit 40 Prozent Kakaoanteil. Weil Bildschirmquallen außer unverschämten Freunden keine Fressfeinde haben, konnten sie sich ungehindert ausbreiten, insbesondere um den Bauch.
Derzeit, wie gesagt, ist alles bloß ein Vorschlag. Noch gibt es keine Haarqualle in Tomatentunke. Noch lichtet kein Qualler des Morgens den Anker. Aber wer weiß, wie’s kommt? Vielleicht sollten wir schon mal üben: Quallers Quentin quallte qualitative Quallen / Qualitative Quallen quallte Quallers Quentin.