Seit Jahrzehnten genießt die Studienzeit den Ruf, die beste Zeit im Leben eines Menschen zu sein. Ich kann das nicht bestätigen.
Wenn ich mich zurückerinnere, fallen mir vor allem die WG-Partys meiner Kommilitonen ein. Sie wurden meist spontan geschmissen, es gab Bier, Joints, gute Musik. Eine Kombination, die Spaß versprach. Leider nicht für mich.
Das lag nicht am Bier, den Joints oder der Musik. Sondern an einem bestimmten Typ Partygast, der mit großer Zuverlässigkeit auf solchen Feiern auftauchte. Ich meine den Mann, der alle Blicke auf sich zieht. Dabei ist er nicht unbedingt ein Schönling. Aber er hat so viel Charisma und Lautstärke, dass er Männer wie mich unsichtbar macht.
Sobald er in der WG-Küche stand, wandten sich die Mädchen schlagartig nur noch ihm zu. Er war mein persönlicher Partyschreck.
Auf Hallig Hooge gibt es zwar keine Universität und keine WG-Partys. Aber vor einiger Zeit lebte dort ein Mann, der genau diese Gabe hatte – mit Charme und Erzähltalent andere Männer verblassen zu lassen. Dieser Mann hieß Harlie Diedrichsen, geboren 1894.
Diedrichsen war kein James Dean oder Marlon Brando. Dennoch drehten sich die Köpfe der Menschen zu dem Mann mit Schiebermütze und Wohlfühlpulli, wenn er zur Tür hereinkam. „Er hatte so ein unglaubliches schauspielerisches Talent“, erinnert sich Hans Joachim Kühn, der in den 1950er-Jahren auf Hooge aufwuchs und Diedrichsen mehrmals erlebte. „Alle wollten ihn sehen und hören, vor allem seine Geschichten.“
Es war im Grunde immer dieselbe Geschichte, die er über Jahrzehnte auf Geburtstagsfeiern, Feuerwehrfesten, im Pesel, in Küchen und Stuben erzählte. Seine Signature-Story. Sie ging so: Diedrichsen fährt als junger Marinesoldat in die legendäre Skagerrakschlacht. Sein Kreuzer, die „Elbing“, wird am 31. Mai 1916 von einer Granate getroffen. Rauch, Schreie, Tote an Deck. Diedrichsen passiert: nichts. Ein Wunder.
Wenig später, beim Rückzug, ein zweites Wunder. Ein englisches Torpedoboot greift die „Elbing“ an. Doch aus irgendeinem Grund laufen die Torpedos unter dem Schiff hindurch. Diedrichsen passiert: nichts.
Auf der Flucht vor den Engländern geschieht das dritte Wunder. Die „Elbing“ kollidiert mit einem Großlinienschiff. Chaos, Männer springen ins Wasser. Diedrichsen passiert wieder: nichts. Und dann noch dieses vierte Wunder. Im November 1917. Mit der „Königsberg“ gerät Diedrichsen in ein heftiges Gefecht nahe Helgoland. Acht tote Kameraden, 15 Verwundete. Auch diesmal kommt er davon. Ohne Kratzer.
Und spätestens hier brachen die Hooger Zuhörer in Jubel aus. „Wir waren einfach fasziniert davon, dass dieser Mann nicht nur ein Leben hatte, sondern vier“, sagt Kühn. Wenn er blumig und gestenreich die „zerfetzten Leichen“ der Kameraden beschrieb, hielt man vor Spannung den Atem an.
In einer Zeit ohne Fernsehen war Diedrichsen das Unterhaltungsprogramm. So wurde er auf den Hooger Festen bald zum festen Programmpunkt. Bürgermeister, Lehrer, Kapitäne – sie alle wollten ihn als Highlight ihrer Feier. Dabei war sein Aufstieg zu Hooges beliebtestem Partygast alles andere als abzusehen. Seine Eltern starben früh. Mit neun Jahren kam er zu Pflegeeltern auf die Hanswarft. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte er mittellos nach Hooge zurück. Später erkrankte seine Frau an Depressionen.
Kein leichter Start für eine Karriere als Entertainer.
Doch er behielt seine Fröhlichkeit – und machte sich auch außerhalb der Hooger Partyszene einen Namen. Wenn etwa Freiwillige gesucht wurden, um das bei Sturmfluten am Sommerdeich abgelagerte Treibsel zu entfernen, war er meist einer der Ersten, die sich mit Schaufel und Forke einfanden. Und seiner kranken Ehefrau hielt er bis zuletzt die Treue, obwohl sie ihn allein auf der Hallig zurückgelassen hatte und nach Husum gezogen war. Im Jahr 1971, drei Jahre vor seinem Tod, feierte er mit ihr noch Goldene Hochzeit. Was für ein Mann.
Hätte Harlie Diedrichsen damals eine unserer WG-Partys gecrasht – für ihn wäre ich gern unsichtbar geworden.
Jan Keith, Jahrgang 1971. Studium der Politikwissenschaft, Japanologie und Geografie in Bonn, Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Bevor er im August 2008 zu mare kam, arbeitete er als Redakteur und Autor bei der Financial Times Deutschland.
Orlando Hoetzel, Jahrgang 1971, arbeitet als Illustrator in Berlin. Er studierte Kommunikationsdesign in Essen.
| Lieferstatus | Lieferbar |
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| Vita | Jan Keith, Jahrgang 1971. Studium der Politikwissenschaft, Japanologie und Geografie in Bonn, Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Bevor er im August 2008 zu mare kam, arbeitete er als Redakteur und Autor bei der Financial Times Deutschland. Orlando Hoetzel, Jahrgang 1971, arbeitet als Illustrator in Berlin. Er studierte Kommunikationsdesign in Essen. |
| Person | Von Jan Keith und Orlando Hoetzel |
| Lieferstatus | Lieferbar |
| Vita | Jan Keith, Jahrgang 1971. Studium der Politikwissenschaft, Japanologie und Geografie in Bonn, Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Bevor er im August 2008 zu mare kam, arbeitete er als Redakteur und Autor bei der Financial Times Deutschland. Orlando Hoetzel, Jahrgang 1971, arbeitet als Illustrator in Berlin. Er studierte Kommunikationsdesign in Essen. |
| Person | Von Jan Keith und Orlando Hoetzel |