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Zwischen Flirt und Kalaschnikow
Diese intensiven Jugendjahre: Die Berliner Fotografin Anita Back hat ein Ferienlager an der russischen Schwarzmeerküste besucht

Schon der Begriff des „Ferienlagers“ könnte ein leichtes Frösteln verursachen. Ferienlager, das klingt in etwa so wie Landschulheim, noch schlimmer sogar. Das lässt längst vergessene Bilder in die Gegenwart schwappen. Im Ferienlager werden nicht einfach Ferien gemacht. Nein, „das Lager“, das wiegt schwerer.
„Die Auserwählten. Ein Sommer im Ferienlager von Orlionok“ heißt ein neues Fotobuch von Anita Back, die mehrere Wochen an der russischen Schwarzmeerküste fotografiert hat. Orlionok war schon zu sowjetischer Zeit ein Ferienlager: Es liegt reichlich Geschichte und Patina auf der Architektur der Zimmer, der Gemeinschaftsräume, Küchen und Speisesäle.

Anita Back ist eine gute Architekturfotografin mit Sinn für Details, doch vor allem gelingt ihr in dem Buch die intensive Zeichnung einer intensiven Lebenszeit zwischen Kindheit, Jugend und jungem Erwachsensein. Die hier Abgebildeten sind Talente. Sie haben etwas erreicht, im Sport, in der Musik, in der Schule, als Aktivisten in einer Jugendorganisation. Das Ferienlager ist ein Geschenk, soll aber auch Ansporn sein. Es ist nur ein kleiner Weg von der Förderung zum Drill. Backs Bilder sind widersprüchlich, genauso widersprüchlich wie ein Ferienlager, in dem man lernen soll, mit einer Kalaschnikow umzugehen und sich perfekt zu tarnen. Ein paar Stunden später liegt man im Sand, badet und flirtet. Um sich danach beim Sport mit anderen „Auserwählten“ zu messen. Das alles ist ein bisschen viel für die Protagonisten, denen die Sonne rote Stellen auf die käsige Haut gebrannt hat. 25 000 kommen jährlich, die meisten zwischen elf und 16 Jahre alt. Unsicher, neugierig, cool, ausgelassen, verträumt oder keck, auf jedem Bild ein bisschen anders.

In den vergangenen Monaten sind diverse Fotobücher über Jugendliche erschienen. Eines der eindringlichsten war „Colossal Youth“ von Andreas Weinand, der 1988 bis 1990 eine Freundesgruppe fotografiert hat. Und auch Back gelingt es, jene eigentlich unsagbare Verfassung der Jugendlichen in kräftige Farbbilder zu gießen, die tief ins Herz stoßen. Es ist gut, dass die Sowjetexotik des 1960 gegründeten Ferienlagers nicht fotografischer Selbstzweck ist. Immer wieder stellt die Architektur nur die Kulisse dar für packende, subjektive Porträts, die kaum als Bilder einer Generation taugen – zu individuell erscheinen uns die Mädchen und Jungen, die hier zu sehen sind. Doch nicht nur sie stehen im Fokus der 1969 geborenen Berliner Fotografin. Auch das Personal, Köche, Erzieher, Gärtner oder Putzfrauen, zeigt sie in ihrem Buch in unprätentiösen Porträts, die kaum inszeniert, ganz aus dem Alltag gegriffen sind.

Es ist geschrieben worden, Orlionok sei ein Russland „en miniature“, inklusive eines Hauches Kalter Krieg, Fahnenappell und Pioniergeist. Doch eigentlich erscheint uns Orlionok recht gewöhnlich, wenn wir in die Gesichter der Teenager blicken. Es ist ein bisschen anders hier und auch ein bisschen wie überall. Marc Peschke

Anita Back: „Die Auserwählten. Ein Sommer im Ferienlager von Orlionok“, Edition Braus, 2012, 180 Seiten, 29,95 Euro. Signierte Art-Edition, Auflage 100 Stück, mit Print, 100 Euro; www.anitaback.de

Strand der Erinnerung
Zwei Schwestern fahren in den Badeort ihrer Kindheit. Die eine will die DDR-Zeit aufarbeiten, die andere nicht. Das führt zum Konflikt

Zwei Schwestern reisen ans Meer. Doch ihre Fahrt in einem alten Renault gilt weniger Sonne und Strand, sondern mehr der Überwindung von schwelendem Familienzwist aus Kindheitstagen. Vor allem der kreativen Martha liegt an Annäherung, fühlt sie sich doch seit je wenig verstanden – auch nicht von ihrer eher spießigen Schwester Johanne.
Bereits einige Kilometer vor dem Ostseebadeort taucht – „wie eine unangenehme Tante, der man nach vielen Jahren mit Nachsicht zu begegnen versucht“ – die heimatliche Plattenbausiedlung auf: weiß-braun gescheckte Fassaden, hinter denen vor allem die Erinnerung an die lieblosen Eltern lauert, strenge Parteigenossen am Juri-Gagarin-Ring.
Während der Renault auf der Stadtautobahn die drohende Plattenbaukulisse passiert, drängen sich gemeinsame Erinnerungen ins Wageninnere – weniger allerdings in Form charmanter Jugendeskapaden, auch wenn es diese natürlich gab. Allzu vermint ist das Gesprächsterrain zwischen den beiden, als dass man sich gelöst darüber auslassen könnte. Und es ist vor allem Martha (deren Sicht der Roman wesentlich folgt), die die geplante Versöhnungstour immer wieder ins trübe Fahrwasser alter Fehden treibt – dies erst recht, als sich im ehemaligen Interhotel „Sandbank“ ein später Stasi-Skandal abzeichnet.

Statt sich einfach daran zu erfreuen, dass sie, einst DDR-Jugendliche, die sich in die hoteleigene Devisendisko schummeln mussten, jetzt ein komfortables Zimmer mit Meerblick beziehen, fühlt sich Martha als Journalistin berufen, dem publik gewordenen IM-Dasein des allgemein beliebten Hotelmanagers nachzuforschen. Was die meisten längst lieber ruhen lassen würden, Martha will es aufarbeiten und gibt so auch dem Schwesternstreit neuen Stoff.

Und so gleicht Judka Strittmatters Romandebüt weniger einer Annäherung denn einer Abrechnung – auch mit der Wendezeit. Allerdings rechnet sie dabei nicht nur mit den anderen ab, sondern wohl auch mit ihrem Alter Ego Martha, die ähnlich wie die Autorin längst in einem Berliner Szeneviertel lebt, dessen individueller Charakter allerdings von schwäbischen Bäckereien unterwandert wird.

Überhaupt drängen sich autobiografische Parallelen auf. Auch Judka Strittmatter arbeitet als Journalistin, verbrachte ihre Kindheit in einem Plattenbau von Rostock-Schmarl. Ihr Großvater ist der Schriftsteller Erwin Strittmatter, Marthas Onkel ein berühmter Ostschauspieler. Und so meldet sich in dem Roman endlich auch die Stimme der Enkel, die die letzten Jahre der „Täteretä“ als pubertierende Kids erlebten, ihre Lebensläufe aber im „Siegerland“ nahmen – das eigentliche Thema des Romans. Wie unterschiedlich diese Biografien trotz gleicher Kindheit ausfielen, erzählt Judka Strittmatter angenehm lakonisch über ihre ewig reflektierende Heldin, die in der Sauna vom „Sandbank“ plötzlich entdeckt, dass ihre Schwester auch unten glatt rasiert ist, für Martha, die sich stets als die weniger Angepasste begriff, ein kleiner, vielleicht auch heilsamer Schock. Das hätte sie Johanne eigentlich nicht zugetraut. Roland Brockmann

Judka Strittmatter: „Die Schwestern“, Aufbau Verlag,Berlin, 2012, 280 Seiten, 19,99 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 92. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 92

No. 92Juni / Juli 2012

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