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Vorhang auf für die Antarktis
Feldforschung im Dienst der Kunst: Eine Berliner Theatertruppe lotet in mehrfacher Dimension das ewige Eis und den Menschen darin aus

Es fehlt einem Ort wie der  Antarktis nicht an Dramen. Große Heldentaten und fatales Scheitern sind Teil ihrer Geschichte, seit der Mensch sie zu erkunden sucht. Um Pionierleistungen ging es dabei oft, die jüngste kann sich ein Team aus Deutschland ins Buch schreiben. „Wir sind die Ersten, die in der Antarktis professionelles Theater gemacht haben.“ Regisseur Jan-Christoph Gockel sitzt mit Schauspielerin Julia Gräfner und deren Kollegen Wolfram Koch an einem Tisch in den altehrwürdigen Räumen des Deutschen Theaters in Berlin, der ältesten Sprechtheaterbühne der Hauptstadt, laut Selbstdefinition einem politischen Auftrag folgend. Aber dazu später.

Angefangen hat Gockels Mission mit einer Meldung. 2018 stach ein Russe auf einer antarktischen Forschungsstation einen Kollegen nieder. Beide sollen passionierte Krimileser gewesen sein. Das Opfer habe immer vorzeitig die Lösung der Fälle verraten, das sei ihm zum Verhängnis ­geworden, so wurde berichtet. Eine menschliche Tragödie in unmenschlicher Um­gebung, eine Geschichte, deren Unglück im Erzählen von Geschichten begründet lag – das war ein Stoff, der den Theatermann nicht mehr losließ. 

Meeresbiologin Antje Boetius fügte in einem Gespräch mit ihm den entscheidenden Gedanken hinzu: Die eigentliche Protagonistin dieser Erzählung sei die Antarktis; ohne den Ort zu kennen, könne man sie nicht verstehen. Boetius wusste, wovon sie sprach. Das Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven, das sie bis 2025 leitete, unterhält seit 1981 eine Forschungsstation in der Antarktis. Die sich seit einiger Zeit auch den Küns­ten öffnet, Kreative können sich für Aufenthalte im Eis bewerben. 

Regisseur Gockel verbrachte mit Kameramann Lion Bischof, Julia Gräfner und Wolfram Koch im Februar dieses Jahres dreieinhalb Wochen auf der AWI-Sta­tion Neumayer III. Die Idee, die sie im Gepäck hatten, war vielschichtig: das Psychodrama der Russen als Basis für Filmaufnahmen vor Ort und die Entwicklung eines Theaterstücks. Das eigene Erleben der extremen Umgebung sollte dabei genauso eine Rolle spielen wie die Erfahrungen der Wissenschaftler, die sich zur gleichen Zeit dort aufhielten. 

Die Polarnovizen hatten sich vorbereitet, einschlägige Literatur gelesen, Gesundheitschecks gemacht. „Und dann“, so Koch, „setzt du dort deinen Fuß auf den Boden, und es zerfliegt alles, was du dir ausgedacht hast.“ Als „eine große Lektion in Demut“ resümiert Julia Gräfner ihr Antarktiserlebnis. Aus ihrer Welt waren ihnen die mitgebrachten Kostüme geblieben: ein Eisbär, ein Baum, Kapitän Ahab, ein Oktopus. Die wenigen Überwinterer der Sta­tion sollten damit für einen Abend zu Schauspieler*innen werden. Die Kostüme hatten sie sich im Berliner Fundus ausgesucht, ehe sie ihre Reise in die Dunkelheit antraten. Vor Ort erlebten dann alle eine denkwürdige Vorstellung, im ­Unterdeck der Station. Das Publikum saß auf Eimern, auf der Bühne brillierten eine Geo­physikerin, ein Meteorologe und der Koch ebenso wie die beiden Profis. 

Zurück im Berliner Frühling, ver­suchen sie zu verarbeiten, was schwer zu verarbeiten ist: 40 Stunden Filmmate­rial, unzählige Gespräche (sogar die ­beiden Russen wurden aufgespürt), die Nachwirkungen der Reise. „Ich konnte mich an der Landschaft und den Farben des Himmels nicht sattsehen“, sagt Wolfram Koch. „Man hat deutlich gespürt, dass dieser Ort nicht auf unseren Kommentar wartet“, sagt Gräfner. Das Theaterstück soll einlösen, was die Forscherin dem Regisseur zu Beginn eingeflüstert hat. In der Hauptrolle: die Antarktis. „Nicht nur als Naturspektakel oder als Krimischauplatz, sondern vor allem als utopischer Raum“, so Gockel. „Der Antarktisvertrag verpflichtet alle dort zur friedlichen Forschung. Es geht um die Fähigkeit der Menschen zu Ko­operation und Zusammenarbeit.“ Letztlich also und wichtiger denn je: um den politischen Auftrag des Theaters. Martina Wimmer

Deutsches Theater, Jan-Christoph Gockel ­(Regie): „Polaris“, mit Julia Gräfner, Wolfram Koch. Deutsches Theater, Berlin. Mehrere Vor­stellungen im Juni, www.deutschestheater.de

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mare No. 176Juni / Juli 2026

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