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Bye-bye, Blackpool …
Starke Kontraste, Dystopie und Wirklichkeit: Die Fotografin Benita Suchodrev zeigt das britische Seebad in schonungslosem Licht

Großbritannien, versicherte der frühere Brexit-Minister David Davis, werde sich nach dem EU-Austritt keinesfalls in eine an „Mad Max“ erinnernde Dystopie verwandeln. Schade eigentlich, ätzte „Guardian“-Kolumnist Stuart Heritage, aber er habe noch andere Apokalypsen im Angebot: Ein Szenario wie in „Children of Men“ sei unausweichlich, angesichts der britischen Immobilienpreise müsse man über Familiengründung gar nicht nachdenken. So weit, so witzig – aber vielleicht nicht weit genug gedacht. Was, wenn bereits die Gegenwart dystopische Züge angenommen hat? Sogar in einem Seebad an der Irischen See lässt sich heute sehenswerte Düsternis entdecken. Das zumindest ist der verstörende Eindruck, den der Fotoband „48 Hours Blackpool“ der in Berlin lebenden russisch-amerikanischen Fotografin Benita Suchodrev vermittelt.

Die für ihre schonungslosen, sensiblen Studien der Hauptstadtboheme bekannte Fotografin beschreibt den Ort als „provisorisches Wunderland, in dem das unstillbare Verlangen nach Wundern die Wunder weit übertrifft“. Auch ihr Credo hat sie prägnant formuliert: „Das Leben ist unerbittlich, und die Straße hat ihr eigenes Tempo, dem ich intuitiv folge. Das ist kein weichherziges Vorgehen, aber es ist auch nicht gefühllos. Zu den Herausforderungen der Straßenfotografie gehört, einen Mittelweg zwischen dem Offensichtlichen und dem Subtilen zu finden.“

Unerbittlich ist nicht nur das Dasein der einst stolzen britischen Arbeiterschaft, zu dem traditionell die kleinen Fluchten in die Vergnügungskultur der Seebäder gehören. Unerbittlich ist auch die von Martin Parr und Miron Zownir inspirierte Fotografin, deren Bilder von Blackpool zu wahr sind, um schön zu sein.

Auf der Suche nach dem Kick für den Augenblick treffen sich hier streunende Jugendliche, überforderte Familien, gescheiterte Existenzen und verkaterte Junggesellen am Rand des Nervenzusammenbruchs. Vor der grellen Kulisse aus Billigläden und Casinos bilden sich aber keine Gemeinschaften mehr. Stattdessen zeigt sich in den erschöpften Gesichtern, welches Maß an Einsamkeit auch in Gesellschaft möglich ist. Verstärkt wird die Stimmung zwischen Rausch und Hoffnungslosigkeit durch starke Kontraste und dramatische Lichtstimmungen.
„48 Hours Blackpool“ ist nicht nur intensives Zeitdokument eines im Untergang befindlichen Milieus, sondern gleichzeitig poetischer Abgesang auf eine in der westlichen Welt verbreitete hedonistische Lebensform, die es nicht einmal mehr hinbekommt, im Angesicht des Meeres zur Ruhe zu kommen. Wie beunruhigend. Gunnar Lützow

Benita Suchodrev: „48 Hours Blackpool“, mit Texten von Benita Suchodrev und Matthias Harder (dt./engl.), Kehrer, Heidelberg, 2018, 160 Seiten mit 120 Abbildungen, 39,90 Euro

Hochspannung bei Minusgraden
Vor dem Hintergrund düsterer Zukunftsvisionen für die Arktis entspinnt die Britin Laline Paull einen atemberaubenden Ökokrimi

Vom Eise befreit ist in Diesem Buch der Nordpol. Die Polkappe ist weggetaut, und somit ist der Weg frei auf der transpolaren Handelsroute. Doch zugleich sind Lug und Trug in der Arktis Tür und Tor geöffnet. Eben da setzt der Umweltkrimi der britischen Autorin Laline Paull an, die mit ihrem Debüt „Die Bienen“ schon einmal äußerst erfolgreich brisante Themen verarbeitet hat: Ein Kreuzfahrtschiff verlässt vor Spitzbergen seine Route, um den meuternden Passagieren endlich einen Eisbären zu präsentieren. Dieser wurde – verbotenerweise – per Drohne gesichtet.

Hier hat die Realität den Roman überholt: Im Sommer 2018 wurde ein Eisbär erschossen, weil er Passagieren gefährlich wurde. Doch um Eisbären geht es im Weiteren kaum. Vor den Augen der Passagiere kalbt spektakulär ein Gletscher – und gibt eine Leiche frei. Der Tote, ein vor Jahren verschwundener Umweltaktivist, kam bei der Begehung einer Eishöhle ums Leben. Paull folgt in ihrer Erzählung der Arbeit einer Untersuchungskommission – das klingt langweilig, ist aber unglaublich fesselnd. Die zentrale Frage: War es ein Unfall oder Mord?

Befragt wird Sean Cawson, Freund und Geschäftspartner des Toten, er ist der Letzte, der ihn lebend gesehen hat. Mit weiteren Partnern – einem dubiosen Briten, einer milliardenschweren Chinesin und Cawsons sinistrer Geliebten – waren sie im Begriff, auf Spitzbergen einen exklusiven Privatclub zu eröffnen, begleitet von der düsteren Prophezeiung, Spitzbergen werde noch zum Ibiza des Nordens. Eine nicht nur abstruse Behauptung, wenn man bedenkt, welchen Boom der Tourismus auf Island in den letzten Jahren erlebt hat.

Cawson hatte den Deal eingefädelt, um auf Spitzbergen ein Anwesen kaufen zu können; er hatte schon als Kind von der Arktis geträumt. Er ahnt nicht, dass andere dabei viel mehr absahnen als er selbst. Im Hintergrund entspinnt sich ein weiteres Drama: Die neue Handelsroute über den Nordpol verkürzt die Strecke um ein Drittel. Und da andere Schifffahrtsrouten wegen der instabilen politischen Lage gefährlich werden, nimmt der Verkehr in der Arktis drastisch zu. Es geht um internationale Geschäftemacherei, um Waffen im eigentlich entmilitarisierten Spitzbergen, ein Hauen und Stechen um die Arktis beginnt, „die Russen glauben immer noch, dass Spitzbergen ihnen gehört“, heißt es einmal.

Investoren behaupten, sie hätten auch Gutes im Sinn mit der Arktis. Und wenn sie nicht zum Zug kämen, übernähmen andere das Ruder, mit noch schlechteren Absichten. Cawson träumt von einer Versöhnung von Unternehmertum und ökologischer Verantwortung, natürlich wacht er am Ende dieses düsteren Romans aus seinen Fantasien auf.

Jedem Kapitel hat Paull ein langes Zitat über die Arktis aus der Feder berühmter Autoren und Polarforscher vorangestellt. Peter Freuchen, Knud Rasmussen, Robert Edwin Peary und Fridtjof Nansen kommen zu Wort. Doch Paulls Roman ist so spannend, dass man sich unmöglich mit ihren Abschweifungen aufhalten kann – aber natürlich gelobt, das bald in aller Sorgfalt nachzuholen. Barbara Schaefer

Laline Paull: „Das Eis“
aus dem Englischen von Dorothee Merkel, Klett-Cotta, Stuttgart, 2018, 448 Seiten, 22 Euro

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 131. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 131

No. 131Dezember 2018 / Januar 2019

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