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Ästhetik des Flachen
Henrik Spohlers neuer Bildband ist eine Freude für Menschen mit einem Faible für hohe Himmel und weites Land

Auf dickem Papier gedruckt, zeigt Henrik Spohlers Fotobuch „Flatlands“ Ansichten küstennaher Landschaften in den Niederlanden. Eine in ­hellen Farben gehaltene Aufnahme zu Beginn stimmt uns auf das flach dahingestreckte Land ein: Eine historische Windmühle überragt eine wie auf einer Perlenkette aufgezogene Ansammlung von Gewächshäusern. Dahinter erstreckt sich ein tief gezogener Horizont mit weißen Wolken und ein wenig Himmelblau. Unterhalb der Gewächshäuser verläuft ein Grünstreifen, ganz vorn ein breites Band aus Schwemm- oder Ackerland. 

Fasziniert von der niederländischen Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts, die erstmals tief gezogene Horizonte auf ihren Bildern zeigt, bereiste der Fotograf mehrfach das Land. Spohlers Fokus liegt zunächst auf einem wohlgeordneten Bildaufbau. In langen Bändern reiht sich aus der Ferne gesehen auf seinen Bildern eine akkurat geschnittene Formenwelt anein­ander: Entwässerungsgräben, Gewächshäuser, Ackerland, Häuserreihen, Straßenlampen, Strandabschnitte. Auf dem flachen Land, oft unterhalb des Meeresspiegels gelegen, sind die dicht besiedelten Flächen nüchtern und effizient gegliedert. Selbst zum Baden geeignete Strandabschnitte mit versiegelten Flächen und Hochwasserschutzvorkehrungen lassen das Meer, dem das Land abgerungen wurde, nicht als eigenwilliges Naturelement, sondern als gut genutzt erscheinen. 

Das Auge sucht nach Abwechslung – und so schult es sich darin, die feinen ­Unterschiede und historischen Reminiszenzen auf den Aufnahmen zu erkennen: da eine alte Kirche, die geradezu aufmüpfig ihre Spitze gen Himmel reckt, auch wenn die modernen Windräder sie über­ragen, dort ein historischer Wegstein vor einer Gewächshausanlage. Gegen Ende des Buchs erscheint die Landschaft weniger karg, der strenge Bildaufbau wird ­ge­lockert. Die weiterhin sorgsam voneinander abgesetzten Landschaftselemente haben sich nicht wesentlich verändert – und dennoch: Vor tief gezogenem Horizont sehen wir nicht mehr waagrecht geschichtete, gleichförmig sich fortsetzende Reihen von Äckern, Häusern und Gräben, sondern wir können auf den Bildern von rechts nach links schwingende Schichtungen von schilfgrünem Meer, Steinplatten, Asphalt und rotem Split verfolgen. Und dann gibt es gar ein Riesenrad auf ­einer Pier oder die Wasserläufe ziehen in eleganten Kurven dahin, ein Mann läuft in die entgegengesetzte Richtung. 

Ganz am Schluss freut sich das Auge dann an horizontal verlaufenden Feinabstufungen: Geröll, die See, der Himmel, ein kleines Objekt in der Bildmitte – was braucht es mehr? Der schöne Bildband wird begleitet von einem Text des niederländischen Schriftstellers Gerbrand Bakker, der die feinen Abstufungen von altem und neuem Flachland kundig und sehr persönlich zu beschreiben weiß. Andrea Gnam

Henrik Spohler, Gerbrand Bakker: „Flatlands“, Deutsch/Englisch/Niederländisch, Hartmann books, Stuttgart, 2023, 128 Seiten, 48 Abbildungen, 40 Euro


Seelenverwandtschaft auf dem Meer
Zwei Menschen, zwei Jahrhunderte. Jess Kidds neuer Roman verwebt das Schicksal zweier Kinder mit dem der untergegangenen „Batavia“

Im Angesicht der Urgewalt des Meers verdichten sich häufig Schicksale und Ereignisse. Als ob die Abhängigkeit von der Natur und das Geworfensein auf die Instinkte und den Überlebenswillen sowohl das Gute als auch das Böse in den schillerndsten Farben an die Oberfläche holt. 
Von diesen Dingen erzählt Jess Kidd in „Die Insel der Unschuldigen“ und verzahnt dabei auf poetische Art die Geschehnisse an 361 Jahre auseinanderliegenden Zeitpunkten. Die neunjährige Mayken fährt 1628 mit der „Batavia“ in ein vermeintlich besseres Leben. Nach dem Tod ihrer Mutter will sie zum Vater nach Java, um dort neu anzufangen. Die Fahrt der „Batavia“ ist historisch verbürgt, auch die grobe Linie der Geschehnisse um das ­Kentern des Schiffs und das Leben der ­zunächst geretteten Besatzung und Passagiere auf einer Insel kennen wir aus Dokumenten über diese Höllenfahrt.
1989 verschlägt es den ebenfalls neunjährigen Gill auf ebenjene Insel. Auch er hat die Mutter verloren und ist in Begleitung seines Großvaters bei einer Truppe von Wissenschaftlern, die das Wrack der legendären „Batavia“ sucht. Dabei erfährt Gill von dem Mädchen Little May, das als Geist umhergehen soll. 

Sowohl Mayken als auch Gill bewegen sich in einer zum Teil feindlichen und unheimlichen Atmosphäre. Als Leser folgen wir ihren Träumen und Ängsten, ihrer Neugier und Unerschrockenheit. Dabei versteht Kidd es, die Leben der beiden Kinder aus so verschiedenen Jahrhunderten auf eine Weise ineinander zu verweben, dass wir das Unveränderliche im Leben spüren. Immer geht es um die Frage von Schuld und Unschuld und nicht zuletzt darum, wann aus dem scheinbar unschuldigen Kind ein Wesen wird, das mehr und mehr Schuld auf sich lädt. 
Die Autorin spielt formal ein Wechselspiel, kapitelweise geht es in mal längeren, mal kürzeren Abschnitten hin und her zwischen 1628 und 1989, sodass sich die Leben der beiden Neunjährigen langsam aufeinander zuzubewegen scheinen. Das liest sich durchgängig spannend, indes scheint Kidd der jungen Niederländerin des 17. Jahrhunderts mehr abgewinnen zu können. Die Figur der Mayken erscheint deutlich plastischer als die des ­modernen Gill. Maykens Erkundung des Schiffs, ihre Gewitztheit, aber auch ihre tiefe Furcht sind intensiver spürbar als die Gefühle Gills. Auch ihn plagen Zweifel, auch er ist neugierig und kämpft mit den Ränkespielen der Erwachsenen. Doch bleibt seine Figur gegenüber seinem Pendant blasser.

Neben den kindlichen Protagonisten bringt Kidd ein ganzes Sammelsurium von skurrilen Figuren zum Einsatz, die zum Teil historisch verbürgt sind. Ihre Beziehungen und tödlichen Interaktionen stehen im Gegensatz zur Unschuld Maykens und Gills und gipfeln im Ungeheuer Bullebak, das auf der „Batavia“ sein Unwesen treiben soll. 

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass der Mensch des Jahres 1628 sich von dem im Jahr 1989 und wohl auch von dem im Jahr 2023 wesentlich weniger unterscheidet, als wir gerne glauben wollen. Unser moralischer Kompass bleibt immer von ­unseren Urinstinkten bedroht. Carsten Tergast

Jess Kidd: „Die Insel der Unschuldigen“, aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence, DuMont, Köln, 2023, 475 Seiten, 25 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 158. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

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mare No. 158Juni / Juli 2023

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