Rauschhafte Zustände, manchmal
Das vielfach gepriesene wilde Leben von Venice Beach existiert immer noch. Der israelische Fotograf Dotan Saguy lässt uns daran teilhaben
Das ist das Paradies. Der Himmel funkelt, Palmenblätter wiegen sich in der Brise, die vom Ozean herweht. „Hello Sunshine“ heißt es auf der Bikinihose einer jungen Frau, die am Strand steht. Und normalerweise würde man die Frau als Vorbeigehender oder – wie in unserem Fall – Betrachter des Buches sofort wieder vergessen ob der vielen Eindrücke, die an jeder Ecke der Strandpromenade von Venice Beach warten. Aber da ist etwas. Sie blickt starr auf eines der herumstehenden Turngeräte. Plötzlich durchfährt einen ein Schreck, und man weiß, wie sich ihr Blick beschreiben lässt: wie der des Kaninchen, das vor der Schlange steht. Im wortwörtlichen Sinn. Um die Stangen windet sich eine riesige Boa. Schlägt man das neue Buch von Dotan Saguy auf, dessen Cover diese Szene ziert, wird nichts besser. Ein kleiner Junge liegt im Sand und beobachtet dieselbe Schlange, während ein weiteres Exemplar bedenklich nah neben ihm kriecht.
Dotan Saguy ist in Israel geboren, in Paris aufgewachsen und lebt seit 2003 in Los Angeles. Seine Karriere als Unternehmer im Hightech-Sektor opfert er 2015 seiner Leidenschaft für Fotografie. Sein Buch ist ein reinster „(Board-)Walk on the Wild Side“. Doch Venice Beach ist keine Schlangengrube, kein bedrohlicher Ort, sondern einer, den der Fotograf wegen seiner Überdrehtheit liebt und an den es ihn magisch zieht. Und natürlich hat die Schlangenszene eine harmlose Erklärung: Ein Straßenkünstler hat die Frau gebeten, seine Boas zu beaufsichtigen.
Das Buch ist wie der Besuch an einen Ort, der uns in rauschhafte Zustände versetzt. Als würde man unfreiwillig die herüberwehenden Marihuanaschwaden jener abgebildeten Skatergang inhalieren, die kurz pausiert, ehe sie sich wieder ihrem dringlichsten Ziel zuwendet: der Überwindung der Schwerkraft. Venice Beach ist eine Mischung aus Zirkus und Verrücktheit, in der verschiedenste Akteure aufeinandertreffen: Künstler, Hippies, Verkäufer, Skater, Drogenabhängige, Obdachlose. Leute, die hier immer wohnen, Bohemiens, die für den Moment an diesem exzentrischen Ort ihr Glück suchen, und Touristen, die von der Kultstrandpromenade gehört haben und sich nun überzeugen wollen von deren vielfach gepriesener Schrägheit.
Letztere spielt Saguy voll in die Karten, mit all den Selbstdarstellern und Hedonisten. Aber natürlich braucht es die Fähigkeit eines Ausnahmefotografen, um das Wilde in Fotos zu bannen und die Handlungsstränge der Geschichten stramm beieinanderzuhalten. Das beherrscht er perfekt. Er präsentiert eine Leichtigkeit des Geschehens, ohne dass die Fotos harmlos oder beschwichtigend wirken. Es gibt Szenen, die Lachen provozieren. Da hinein schleichen sich Momente, die von Melancholie getränkt sind.
Saguy nimmt uns mit zu dem berühmten Muscle Beach, wo Kraftprotze in zu engen Badehosen dem staunenden Publikum ihr Muskelspiel darbieten. Er stellt uns Straßenartisten vor, die waghalsige Kunststücke aufführen. Und auch dann, wenn die Touristenströme abends abklingen, bleibt er und zeigt eine andere Gruppe, die Venice Beach von nun an für sich beansprucht: Wegelagerer auf der Promenade, umgeben von einer Vielzahl von Hunden. Jene, die keine Bleibe haben und hier ihre Schlafsäcke ausrollen.
In Saguys Erzählung ziehen immer mehr Wolken auf, die den Himmel verdunkeln. Auf Schildern geben Aktivisten ihrem Protest Ausdruck, der dem Technologieunternehmen Snapchat gilt, das seinen Hauptsitz hierhin verlegt und immer mehr Gebäude aufkauft, aus denen Künstler und kleine Läden ausziehen müssen. Luxussanierungen und Profitgier verdrängen die Gemeinschaft von Nonkonformisten, die den Charme von Venice Beach ausmacht.
Am Ende des Buches treffen wir Mutter und Sohn wieder, jene Aufpasser der Boas. Anderthalb Jahre sind vergangen. Die Bildlegende informiert uns, dass die beiden einen Räumungsbefehl für ihre Wohnung erhalten haben. In krakeliger Schrift hat der Junge einen Zettel geschrieben, der an der Haustür hängt. „Why are you doing this?“ Es ist die Vertreibung aus dem Paradies. Goodbye sunshine. Peter Lindhorst
Dotan Saguy: „Venice Beach“, Kehrer, Heidelberg, 2018, 128 Seiten mit 67 Fotos, 39,90 Euro
Goldenes Zeitalter, geschenkt
Ein Verleger schenkt seine exquisite Sammlung über niederländische Malerei der Kunsthalle Bremen. Die Gemälde sind jetzt zu sehen
Es gibt sie also doch noch, die dezente Zurückhaltung hanseatischer Kaufleute. Dass der Bremer Kaufmann Carl Schünemann über Jahrzehnte im Verborgenen eine ganz außerordentliche Sammlung niederländischer Meister aufgebaut hatte, war auch Spezialisten kaum bekannt. Es sind wundervolle maritime Preziosen des 17. Jahrhunderts in dieser Kollektion, wie etwa Cornelis Verbeeks „Schiffe auf bewegter See“, die nun erstmals öffentlich in der Kunsthalle in Bremen zu sehen sind.
Schünemann, Bremer Verleger, der fünf Dekaden lang alte Kunst kaufte, vermachte seine Sammlung vergangenes Jahr dem 1823 gegründeten Bremer Kunstverein, dem ältesten und mitgliederstärksten Kunstverein in Deutschland, der bis heute der private Träger der renommierten Kunsthalle Bremen ist. Vor allem Niederländer sind in der Sammlung, aber auch eine toskanische Madonnentafel der Renaissance oder eine venezianische Ansicht von Michele Marieschi, einem Zeitgenossen Canalettos.
Was heutzutage eher selten ist: Die Schenkung war an keine Bedingungen geknüpft. Die schönen Folgen bürgerlichen Engagements kann man nun in der Kunsthalle Bremen bestaunen. „Tulpen, Tabak, Heringsfang. Niederländische Malerei des Goldenen Zeitalters“ bringt das, was hier zu sehen ist, treffend auf den Punkt: Höhepunkte der von Vizedirektorin Dorothee Hansen kuratierten Ausstellung sind etwa die 1611 entstandenen „Schlittschuhläufer“ von Adam van Breen und vor allem die neun Seestücke in der Sammlung, die den besonderen Bezug des Sammlers zur Seefahrt verdeutlichen: Carl Eduard Schünemann, 1925 geboren, war einst selbst zur See gefahren, bevor er Verleger und Mäzen wurde.
Und so ist diese Schau wie gemacht für Liebhaber der maritimen holländischen Lebenswelt. Die graue, wilde Nordsee, das Leben der Heringsfischer, klassische Flusslandschaften mit Kühen und Windmühlen, üppige Blumenstillleben, Werke, die den Tabakgenuss darstellen, die Pracht des verfeinerten, großbürgerlichen Lebensstils oder Hendrick Dubbels’ stille Seelandschaft mit Fischern, die ihre Netze einholen: All das illustriert die Kultur einer international operierenden Seehandelsmacht, die im 17. Jahrhundert in ihrem Zenit stand und auch mit der Hansestadt Bremen eng verbunden war.
Was diese Ausstellung so besonders macht, ist aber nicht nur die Qualität der gezeigten Arbeiten, sondern auch die ungewöhnliche Tatsache, dass diese bedeutsamen Werke bislang zu großen Teilen nicht zu sehen waren. Diese Malerei ist Terra incognita, unerforschtes Gebiet. Zu der Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog. Marc Peschke
Ausstellung: „Tulpen, Tabak, Heringsfang. Niederländische Malerei des Goldenen Zeitalters“, Kunsthalle Bremen, bis 26. August 2018, Katalog bei Schünemann, 180 Seiten, 29 Euro
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