Was von den Ozeandampfern blieb
„Ocean Liners: Speed and Style“ spürt im Londoner Victoria and Albert Museum den Nachwirkungen einer glamourösen Ära nach
Schon nach den ersten Schritten wähnt man sich auf einem Deck. Man hört Hafengeräusche, ein Schiffshorn, Möwen und Matrosen, die sich laut zurufen. Unter den Plakaten und Werbeprospekten sticht gleich das von der White Star Line heraus. Es preist 1912 die „Queen of the Ocean“ an. Gemeint ist die „Titanic“, die in diesem überaus aufwendig inszenierten Parcours natürlich nicht zu kurz kommt.
Mal trifft man auf einen Originalliegestuhl vom Katastrophendampfer, mal auf das Fragment eines geschnitzten Wandpaneels aus der ersten Klasse. Es sind Zeugen eines verschwenderischen Lifestyles, der sich trotz des legendären Untergangs noch Jahrzehnte fortsetzte. Die Investitionen in Konkurrenzliner wie die „Queen Mary“ oder die „Île de France“ mussten sich amortisieren. Das Wettrennen um das prächtigste und schnellste Schiff ging weiter und damit auch die Entfaltung eines Glamours, der die jeweilige nationale Überlegenheit demonstrieren sollte.
Das Victoria and Albert Museum scheute ebenfalls keine Kosten, um diesen Aufbruch in die Moderne möglichst sinnlich zu gestalten. An einem nachgebauten Swimmingpool springen Grazien in Badeanzügen der Goldenen Zwanziger ins Wasser. Unter einem erstaunlich echt wirkenden Sternenhimmel steigen auf Filmprojektionen Paare in Abendgarderobe eine Treppe göttergleich herunter. Die Filmdiva Marlene Dietrich zeigt auf der Atlantiküberfahrt ihre maritime Dior-Garderobe, und manch eine Handtasche und Teekanne eifert der Silhouette eines spitz zulaufenden Schiffsrumpfs nach.
Dass sich neben Malern und Grafikern vor allem Designer von der Aura des Machbaren anstecken ließen, beweisen nicht nur eigens für Riesenschiffe entworfene Liegestühle von Eileen Gray oder schwärmerische Analysen aus Le Corbusiers Feder. Ozeandampfer waren für den Architekten immerhin „eine bedeutende Offenbarung von Kühnheit, Zucht und Harmonie und von einer Schönheit, die zugleich ruhig, nervig und stark ist“.
Selbst Kinderstühle bekamen auf der „Normandie“, einem Art-déco-Tempel, eine exklusive Note. Denn nicht nur die Erwachsenen vertrieben sich die Zeit mit Sport und Sonnenbad. Auch für die Kleinsten standen beaufsichtigte Spielräume zur Verfügung. Wem der Aufenthalt in diesem privilegierten Mikrokosmos zu einseitig gerät, ist aufgerufen, Abstecher zu unternehmen aufs Zwischendeck der Migranten oder gleich nach ganz unten, wo die Entwicklung der Motoren an Modellen nachgezeichnet wird und ganze Foto- und Gemäldegalerien davon erzählen, wie kräftezehrend die Arbeiter hier schufteten.
Ein Plakat des Überschallflugzeugs Concorde läutet im Finale eine neue Zeit ein. Die Urlaubsreise in die USA ließ sich auf einmal in Stunden statt Wochen bewältigen. Der technische Fortschritt machte keinen Halt vor diesen einstigen Symbolen der Beschleunigung. Verblasst ist ihr Glanz, daran lässt die Schau keinen Zweifel, immer noch nicht.
Die heutigen Kreuzfahrtschiffe, die auf etwas andere Attraktionen setzen, sind da nur ein müdes Echo auf eine Ära, der kein Unglück groß genug war, um nicht mit Stil überstanden zu werden. Wie etwa im Fall von Lady Marguerite Allan, die auf der von einem U-Boot im Ersten Weltkrieg versenkten „RMS Lusitania“ zwar ihre Töchter verlor, das Cartier-Diadem aber trotz mehrerer Knochenbrüche sicher an Land brachte. Alexandra Wach
Ausstellung: „Ocean Liners: Speed and Style“, Victoria and Albert Museum, London, bis 17. Juni 2018, www.vam.ac.uk
Hartes Grau
Das Museum Kunst der Westküste auf Föhr zeigt Arbeiten des früh verstorbenen Hammerfester Fotografen Kåre Kivijärvi
Die Natur hat viel Platz in Norwegen. Das zeigt eine Ausstellung, die eher unbekanntes Terrain vor Augen führt: Bilder eines Landes, in dem nur fünf Millionen Menschen leben und dessen Kunst in Deutschland weitgehend unbekannt ist.
Der 1991 verstorbene Fotograf Kåre Kivijärvi ist der Autor eher unkonventioneller Landschaftsbilder. Im Jahr 2017 war eine Galerieausstellung in Berlin zu sehen. Das Museum Kunst der Westküste auf der Insel Föhr präsentiert nun die erste museale Schau dieses Schwarz-Weiß-Fotografen, der uns archaische Szenen in starken Kontrasten zeigt: Fischer auf dem Meer, eingehüllt in Ölzeug, weiße Eisberge dahinter, dunkles Wasser davor. Sattes Schwarz und hellstes Weiß. Und jede Menge hartes Grau dazwischen.
Es sind Vintageprints, die hoch im Norden, in der Finnmark oder auch in der Barentssee seit den späten 1950er-Jahren entstanden sind, die aber nicht nur vom Leben der Menschen erzählen. Die Fotografien haben einen universellen Anspruch: existenzielle Bilder, Gleichnisse über das Leben in einer kargen Welt, in der man ganz auf sich selbst zurückgeworfen ist. Diese Erfahrung ist allgemeingültig: Die Literatur des Existenzialismus hat sie ebenso beschrieben wie der düstere Postpunk im England der späten Siebziger.
Kivijärvi ging es, wie er sagte, beim Fotografieren um „Momente der Wahrheit“. Der in Hammerfest Geborene fand seine düsteren Wahrheiten auch bei seinem Lehrer Otto Steinert an der Essener Folkwangschule, dessen Subjektive Fotografie ein besonderer Einfluss für den Norweger war. Seine Bilder, die nun in Alkersum zu sehen sind, interessieren sich in schöner Steinert-Tradition nicht so sehr für die objektive Wirklichkeit – wissend, dass es das Medium der Fotografie ist, das die Fantasie des Betrachters beflügeln kann. Mit 53 Jahren starb Kivijärvi auf einer Reise. Auf Zypern, im Süden Europas. Marc Peschke
Ausstellung: „Northern Norway – Der Fotograf Kåre Kivijärvi“, Museum Kunst der Westküste, Alkersum/Föhr, bis 24. Juni 2018, www.mkdw.de
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